Kolleg*innen erzählen, Singen macht glücklich. Ist das so und wie kamen Sie zum Gesang und in weiterer Folge zum Gesangsstudium?
Ja, Singen macht glücklich, das möchte ich auf jeden Fall bestätigen. Singen war bereits im Kindesalter Teil meines Lebens, obwohl meine Eltern keine Musiker sind. Allerdings ist es ein Unterschied, ob man aus reiner Freude singt, oder eine professionelle Karriere verfolgt. Ich wurde überraschend für ein Vorsingen für die Bayerische Singakademie, ein Förderprogramm des bayerischen Staates, eingeladen. Es ist bis heute ungeklärt, wer mich dazu angemeldet hat, aber ich ging hin und das ziemlich unvorbereitet (lacht). Ohne Eltern, ohne Begleitung. Ich hatte keine Noten für den Korrepetitor und „lediglich“ ein Volkslied vorbereitet. Die Jury hat ein wenig geschmunzelt, hat mich aber tatsächlich aufgenommen. Mit der Singakademie wurde mir bewusst, dass man überhaupt Gesang studieren kann. Ich habe dort viele Gleichaltrige getroffen, die ebenso gerne sangen wie ich und dieselbe Leidenschaft für Musik teilten, das kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Wir waren eine Gruppe von zirka 30 Jungen und Mädchen aus ganz Bayern, die sich in diesem Förderprogramm getroffen haben. Das schöne war, alle waren „so verrückt“ wie ich und so entstanden viele Freundschaften. Manche sind mit mir gemeinsam ans Mozarteum gekommen. Von da an, wollte ich nur mehr singen.
Warum ist Singen auch gesellschaftlich wichtig?
Dazu muss ich noch einmal ausholen. Meine Eltern waren zunächst von der Idee des Gesangstudiums nicht so überzeugt und haben mir vorgeschlagen, nach dem Abitur einen Auslandsaufenthalt zu absolvieren, und zwar in Costa Rica. Ich sollte ein freies soziales Jahr machen und wenn ich danach immer noch am Gesangsstudium festhalten wollte, dann sollte es so sein. So habe ich in Costa Rica an einer Musikschule gearbeitet und gründete dort einen Kinderchor. Mit Kindern, die sonst nicht in die Musikschule gehen. Wir sangen „Der Hahn ist tot“ auf Deutsch und ich habe bemerkt, dass Musik eine Sprache ist, die verbindet. Ich spürte die Kraft von Gesang, sah, dass Musik und Singen insbesondere, nichts kostet, also für alle Menschen zugänglich ist. Als ich zurückkam, war ich mehr denn je darin bestärkt, ein Gesangsstudium zu absolvieren. Professioneller Gesang ist aber doch anders als die Freude am Singen und so habe ich zwischenzeitlich während des Studiums auch einmal meine eigene Freude durch viele äußere Einflüsse und viel Perfektionismus verloren – ich musste aus dieser „Gasse“ erst wieder herausfinden. Zum Glück habe ich das auch geschafft, unter anderem mit Hilfe einer Mentaltrainerin, die mir dabei geholfen hat, die einzelnen Töne nicht überzubewerten, nur um irgendwelche Erwartungen zu erfüllen und es allen recht zu machen. So kam die Freude am Gesang wieder zurück. Gesang soll nichts Elitäres sein, sondern für alle Menschen zugänglich. Musik ist bereichernd. Gesang ist bereichernd und individuell. Unsere Stimme ist einzigartig und deshalb auch so besonders.
Was haben Sie noch mitgenommen aus Ihrer Zeit in Costa Rica?
Zunächst habe ich Spanisch gelernt, allerdings lachen meine spanischen Nachbarn immer ein bisschen, wenn ich heute Spanisch spreche, weil ich anscheinend mit Costa-ricanische Slang spreche – so wie man auf der Straße in Costa Rica spricht (lacht). Die Zeit war wichtig, um selbstständiger zu werden und sich mit Abstand Gedanken über persönliche Ziele zu machen. Es war eine schöne Erfahrung.
Sie gelten als Mozart-Sängerin, fühlen sich sowohl im Opern- als auch im Lied-Repertoire wohl und sangen mehrfach die Partie der „Königin der Nacht“ aber auch neue Musik. Wie wählt man sein Repertoire aus, wie findet man seinen Weg?
Mein Tipp ist, sich an den bestehenden Gegebenheiten zu orientieren. Zu sehen, was die Anlage mit sich bringt, wo man sich wohlfühlt. Die „Königin der Nacht“ sang ich, weil die Höhe – also auch über dem hohen C – bei mir schon sehr früh vorhanden war. Und das wurde natürlich auch wahrgenommen. Ich sang gerne die ganze Linie bis zum hohen F. So ergab sich auch die neue Musik für mich, weil viele zeitgenössische Komponist*innen auch recht exponierte hohe Werke schreiben. Die hohen Töne muss man gerne singen und auch aushalten können. Ich freue mich immer, Neues auszuprobieren. Die Rolle der „Königin der Nacht“ war allerdings immer mein Herzenswunsch, schon als Kind fand ich die Rolle mit all ihren Facetten faszinierend. Die Partie begleitet mich bis heute und gehört weiterhin zu meinen wichtigsten Rollen.
Wie bereitet man sich auf das Vorsingen konkret vor, um auch erfolgreich zu sein?
Wie gesagt, den eigenen Anlagen nachzugehen ist sicher von Vorteil. Eine Arie einzustudieren ist wichtig, eventuell ist es auch hilfreich, bereits die ganze Partie im Repertoire zu haben. So kann man „das fertige Paket“ anbieten, besetzt wird am Ende die Rolle. Bei der Besetzung spielen aber viele Faktoren mit. Manchmal ist der Tenor in einem Stück bereits besetzt und es wird jemand gesucht, der oder die auch optisch in die Inszenierung passt. Letztlich muss man sich mit dem, was man singt, wohlfühlen. Hinter der Partie stehen. Sich zu verbiegen, bringt gar nichts. Wenn die eigene Liebe und die Begeisterungsfreude da sind, transportiert man das auch ins Publikum. Das Publikum spürt, ob man die Rolle liebt und in ihr aufgeht.
Damit sind wir bei „Wie berühre ich mein Publikum“?
Das Wichtigste ist die Authentizität. Und die entsteht nur, wenn man sich mit der Partie identifiziert und beschäftigt und etwas findet, was einen selbst auch berührt. An der „Königin der Nacht“ interessiert mich die Vielschichtigkeit der Rolle. Man muss einen guten Zugang finden. Es lohnt sich immer, sich mit den Partien ausgiebig zu beschäftigen, sich einzulesen, aber auch die Lieder gut zu lesen. Es ist interessant wie andere Komponisten den gleichen Text vertonen. So kommt man immer wieder auf tolle Ideen. Man kann sehen, was andere in einem Text fanden. Es sind oft sehr verschiedene Interpretationen und so bekommt man einen näheren Zugang und verkörpert das auch. All das ist viel Arbeit, denn es geht nicht nur darum, Noten zu lesen und zu singen, es steckt viel mehr dahinter.
Sie haben sich u. a. mit funktionaler Gesangspädagogik beschäftigt, welchen Einfluss Singen auf Menschen mit Depression, Schizophrenie und posttraumatischen Belastungsstörung haben kann und ein Doktorat abgeschlossen. Verfolgen Sie diesen Bereich noch weiter und was interessierte Sie daran besonders?
Ja, durchaus. Meine Frage, die sich schon während des Studiums gestellt hat, ist: Inwiefern kann Singen Menschen helfen? Alle Menschen können singen, wenn sie Zugang zu ihrem Instrument finden – und wenn Gesang wieder mehr Platz in unserer Gesellschaft findet. Es ist eine Ressource, die wir vielleicht nicht oft genug nutzen. Körperübungen, die mit dem Gesang zusammenhängen, helfen, indem sie zum Beispiel die Atmung erhöhen und unsere Selbst- und Körperwahrnehmung verbessern. Das ist ein Nebeneffekt vom Singen und man lernt sich dadurch auch selbst besser kennen.
Was bedeutet Erfolg für Sie persönlich jenseits von Opernkritiken?
Erfolg bedeutet für mich, wenn ich das, was ich mache, gerne und mit Liebe mache. Wenn ein „kommerzieller Erfolg“ dazu führt, dass ich unglücklich und gestresst bin und eigentlich keine Lust dazu habe, ist es am Ende auch kein richtiger Erfolg. Natürlich ist auch der Sänger*innenberuf anstrengend, die Probenzeiten, Reisen, der Leistungsdruck, den man sich auch selbst auferlegt – aber das muss im Rahmen bleiben und es ist ein schmaler Grat. Sehr oft sind wir selbst unsere größten Kritiker*innen. Überbordender Perfektionismus kann sehr ungesund sein. Der Tag, an dem alles perfekt läuft, wird nicht kommen. Das muss man sich auch eingestehen.
Worin sehen Sie die größten Herausforderungen in Ihrem Berufsfeld?
Die Konkurrenz im Sopranistinnen-Fach ist sehr groß. Für eine Stelle gibt es sehr viele Bewerbungen aus aller Welt und daraus entsteht natürlich großer Druck. Daran wird sich aber ersteinmal nichts ändern. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Auch die Rückmeldungen zur eigenen Leistung sind teilweise sehr konträr. Fünf Rückmeldungen beinhalten oft fünf verschiedene Empfehlungen, oft in gegensätzliche Richtungen. Das passiert sowohl bei Gesangswettbewerben als auch bei Vorsingen. Das ständige Vergleichen ist nicht gut. Ich glaube, man muss Selbstvertrauen aufbauen und die eigene Individualität schätzen lernen. Wir haben alle etwas Einzigartiges.
Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich noch mit auf den Weg geben?
Zunächst freue ich mich für mein jüngeres Ich, dass ich die Möglichkeit hatte, am Mozarteum zu studieren, weil es für mich eine besonders wertvolle Zeit war. Ich liebe Salzburg und vermisse es auch. Damals wohnte ich in der Steingasse und ich freue mich immer, wenn ich zu Besuch kommen kann. Ich würde meinem jüngeren Ich aber raten, die Zeit mehr zu genießen, im hier und jetzt zu bleiben, weil das Studium etwas Tolles ist. Ich durfte viele tolle und besondere Menschen kennenlernen, die mich auf dem Weg begleitet haben. Leider war ich manchmal zu sehr im Optimierungsstress und von morgens bis abends mit Üben und Lernen beschäftigt. Eine Wanderung auf den Kapuzinerberg habe ich mir selbst leider nicht erlaubt.
Sie geben Ihre Erfahrungen auch weiter – unter anderem durch Mentoring an der Universität Mozarteum. Gibt es aktuell besondere Projekte oder Rollen, in die Sie gerne schlüpfen wollen?
Es macht mir viel Spaß und Freude mein Wissen weiterzugeben, ob in Vorträgen, im Unterricht oder im Mentoring. Die Arbeit mit jungen Sängerinnen und Sängern ist für mich eine besonders erfüllende Aufgabe geworden. Menschen auf ihrem individuellen Weg zu begleiten und ihre Entwicklung mitzuerleben, empfinde ich als große Bereicherung. Die Verbindung von künstlerischer Praxis, Forschung und Lehre ist ein Bereich, den ich künftig gerne weiter vertiefen möchte. In Kürze folgen wieder Konzerte, ich darf wieder in die Rolle der „Königin der Nacht“ schlüpfen und auch „Carmina Burana“ steht wieder auf dem Programm. Und dann sind da natürlich noch meine Familie und meine Kinder, auch das ist eine wunderbare und erfüllende Aufgabe (lacht).
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Die bayerische Sopranistin Teresa Boning erhielt ihren ersten Gesangsunterricht während ihrer Schulzeit am humanistischen Rhabanus-Maurus-Gymnasium, St. Ottilien. Von 2007 bis 2009 war sie Mitglied der bayerischen Singakademie. Vor ihrem Gesangs-Studium an der Universität Mozarteum Salzburg verbrachte sie einige Monate in einem Sozial-Projekt in Costa Rica und arbeitete in einer Musikschule für Straßenkinder. Teresa Boning wurde mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet. 2012 gewann sie den 1. Platz im Duschek Wettbewerb der Mozartgesellschaft in Prag. 2014 sang sie bei den internationalen „Da Ponte Days“ in New York und 2015 wurde das Weihnachts-Album „Stille Nacht“ mit Teresa Boning als Solistin unter dem Lable Diamo veröffentlicht.
Bereits während ihrer Studienzeit an der Universität Mozarteum wurde sie am Theater für Niedersachsen von 2015 bis 2017 in Rollen wie „Zerlina“ in Don Giovanni, „Beatrice“ in Boccaccio, „Kate Pinkerton“ in Madame Butterfly und „Papagena“ in der Zauberflöte engagiert. 2016 war sie als Sopranistin und Klassik-Expertin in der 3Sat-Sendung „Rock the Classic“ zu sehen. 2018 sang sie den Part einer israelitischen Frau in Händels „Judas Maccabaeus“ mit dem Ensemble Musica Starnberg. Zudem sang sie 2018 die „Königin der Nacht“ in Mozarts Zauberflöte in Bremen, Augsburg und Freiburg. Mit Beginn 2019 verkörperte sie in einer Produktion von Cosi fan tutte in Immenstadt unter Stellario Fagone die Kammerzofe „Despina“, im September 2019 die „italienische Sängerin“ in Richard Strauss’ Oper Capriccio an der Seite von Franz Hawlata. In der Spielzeit 2019/20 war sie als „Königin der Nacht“ in der Zauberflöte am Freien Landestheater Bayern zu hören. 2020 trat sie beim Münchner Hidalgo Festival im Rahmen des Street Art Song auf. In der Spielzeit 2021/22 war sie als „Königin der Nacht“ am Theater Regensburg engagiert und in der Spielzeit 2022/23 sang sie diese Partie u. a. am Musiktheater Vorarlberg.
Das zeitgenössische Repertoire umfasst zum Beispiel die Arie „Io’s Traum“ des österreichischen Komponisten Wolfgang Niessner, das sie mit dem oenm uraufgeführt hat. 2022 war sie beim MetaxModern Musikfestival mit einer Uraufführung von Ataç Sezer unter der Leitung von Konstantia Gourzi zu erleben.
Seit 2021 organisiert sie weihnachtliches Kindersingen im Herrschinger Kurparkschlösschen und im Rahmen der BachZeit in der Basilika Mondsee im Salzkammergut konzipierte sie die Veranstaltung „Bach für Kinder“.
Seit 2022 ist sie Dozentin für Gesang an der Musikakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes. 2024 und 2025 gehörte sie der Jury des Duschek-Gesangswettbewerbs der tschechischen Mozartgemeinde in Prag an. 2026 wurde sie erneut als Jurorin zum Duschek-Gesangswettbewerb eingeladen.
Neben ihrer Gesangskarriere wirkte sie zudem als Musikpädagogin. Im Rahmen ihrer Dissertation mit dem Titel „Funktionale Gesangspädagogik im psychiatrischen Setting“ forschte sie 2016 bis 2019 im Klinikum rechts der Isar, welchen Einfluss Singen auf Menschen mit Depressionen, Schizophrenie und posttraumatische Belastungsstörungen hat. Sie publizierte zwei Fachartikel in der „Psychiatrischen Praxis“ und in der Zeitschrift „Diskussion Musikpädagogik“ und wurde 2017 zum 3rd European Music Therapy Day im tschechischen Therapiezentrum Tloskov eingeladen. Unterstützt wurde die Studie durch ein Forschungsstipendium und den Verein Ariadne e. V.
2019 wurde ihr nach Absolvierung des Doktoratsstudiums durch die Approbation ihrer Dissertation der akademische Grad Doctor of Philosophy (PhD) von der Universität Mozarteum Salzburg verliehen. Im Mai 2022 hielt sie einen wissenschaftlichen Fachvortrag bei der „International Conference Creative Interactions“ an der Hochschule für Musik und Theater in München zum Thema: „Creative interactions in psychiatric singing lessons“. Im Jahr 2025 fanden ihre Auftritte als Sopranistin in Carmina Burana ein positives Echo in der Fachpresse. Neben ihrer Konzerttätigkeit entwickelt und leitet sie musikpädagogische Projekte für Kinder und Jugendliche. Zu ihren aktuellen Projekten zählt „Stimme stärken – Zukunft sichern“, das funktionale Gesangspädagogik mit Präventionsarbeit an Schulen verbindet.