Erika-Frieser-Kammermusiktage

Erika-Frieser-Kammermusiktage 2022 | © Christian Schneider

In einer Zeit, in der die Vielfalt des klassischen musikalischen Schaffens oft von einem engen Werkkanon überlagert wird, bieten die Erika-Frieser-Kammermusiktage bewusst jenen Stücken und deren Komponist*innen eine große Bühne, die hierzulande oft überhört, selten oder nie gehört werden. Im Rahmen dreier Konzerte verschiedener Besetzungsgrößen wird von Lehrenden und Studierenden der Universität Mozarteum sowie namhaften Gästen eine enorme Bandbreite musikalischer Ausdrucksformen auf beeindruckende Weise hörbar gemacht.

Erika-Frieser-Kammermusiktage

Künstlerische Leitung:
Biliana Tzinlikova

Organisation:
Iris Mangeng

About

Das Festival ist somit nicht nur ein hochkarätiges Fest der Kammermusik, sondern auch ein aktiver Beitrag zur Erweiterung und Diversifizierung des musikalischen Repertoirealltags.

Im Bestreben vor allem dem in Konzertprogrammen nach wie vor unterrepräsentierten Schaffen von Komponistinnen eine größere Bühne zu geben, wurden 2021 die Erika-Frieser-Kammermusiktage von Biliana Tzinlikova, Lehrende für Klavierkammermusik am Mozarteum, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Gleichstellung  & Gender Studies der Universität Mozarteum gegründet. Die Programme des ca. alle eineinhalb Jahre stattfindenden Festivals nehmen es sich zur Aufgabe, die Grenzen des „immer und überall Hörbaren“ zu überschreiten und nicht nur Werke von Komponistinnen zu präsentieren, sondern bewusst die kreative Palette sämtlicher kanonferner Komponist*innen, deren Stücke oft im Schatten des Bekannten bzw. Diskursbestimmenden verbleiben. Orientiert an unterschiedlichen Besetzungsgrößen und -möglichkeiten wird in je drei Konzerten die klangliche Vielfalt des kammermusikalischen Spektrums von Duo-, Trio-, bis QuartettPLUS-Kombinationen ausgelotet. Dadurch, dass jedes Konzertprogramm außerdem im engen Austausch aller Mitwirkenden entsteht und Lehrende sowie Studierende der Universität Mozarteum mit namhaften Gästen Seite an Seite musizieren, zeichnen sich die Erika-Frieser-Kammermusiktage durch eine einzigartige, spürbare künstlerische Synergie aus.

Das Festival ist Erika Frieser (1927–2011) gewidmet, die zwischen 1973 und 1995 als erste Frau am Mozarteum eine Professur für Klavierkammermusik, Vokal- und Instrumentalbegleitung innehatte.

Erika Frieser wurde am 24. September 1927 als Tochter des Ehepaares Rudolf Frieser (1895–1966) und Gisela Frieser (geb. Peikert, 1896–1971) in Aussig (heute Ústí nad Labem, Tschechische Republik) in Nordböhmen geboren. Die Grundlagen des Klavierspiels erwarb sie in der Arbeit mit ihrem Vater, der Pianist war. Im Jahr 1939 übersiedelte die Familie nach Köln, um der Tochter ein Klavierstudium zu ermöglichen. Sie wurde zunächst an der Rheinischen Musikschule von Frieda Stahl, einer Schülerin Theodor Leschetitzkys, unterrichtet. Danach nahm sich Prof. Hermann Pillney an der Staatlichen Hochschule der begabten Schülerin an. Im März 1943 erlangte Erika Frieser in Köln die Mittlere Reife. Noch im Juli, kurz vor der Zerstörung Kölns, übersiedelten die Friesers nach Wien, um die Klavierausbildung der Tochter weiter zu befördern. Prof. Friedrich Wührer und später Prof. Josef Dichler nahmen sie an der Wiener Musikhochschule in ihre Klassen auf. Die Wirren des Krieges verschlugen Erika Frieser 1945 nach Salzburg. Hier konnte sie schließlich weiterstudieren, denn das „Mozarteum“ war die erste Musikhochschule, die nach dem Krieg wieder öffnete. Den letzten künstlerischen Schliff erhielt sie dort von Prof. Franz Ledwinka, bei dem sie im Juni 1946 ihr Konzertexamen ablegte.

Noch im selben Sommer begann Erika Frieser ihre Solistinnenkarriere und das gleich mit einem Debüt bei den Salzburger Festspielen. Unter der Leitung von Erneste Ansermet übernahm sie in einem Konzert mit den Wiener Philharmonikern den Klavierpart im Ballett Petruschka von Igor Strawinsky. Im Herbst gab sie ihr erstes Solo-Recital im Wiener Musikverein. Im Brahms-Saal präsentierte sie sich mit einem anspruchsvollen Programm mit Werken von Johannes Brahms, Paul Hindemith, Joaquín Turina und Franz Liszt. Zwanzigjährig verzichtete sie auf die am Mozarteum begonnene Unterrichtstätigkeit und kehrte nach Deutschland zurück, um sich als Konzertpianistin weiter zu etablieren. Doch verlor man sie in Salzburg nicht aus den Augen, das Mozarteum berichtete in seinem Jahresbericht mit Stolz über den großen Erfolg seiner Absolventin beim Deutschen Pianistenwettbewerb (mit Walter Gieseking in der Jury) in Frankfurt am Main im Jahr 1947: Erika Frieser hatte den ersten Preis gewonnen! Dieser Erfolg verschaffte der jungen Pianistin einen großen Karrieresprung mit zahlreichen solistischen Verpflichtungen.

Von 1947 bis 1951 war Erika Frieser in Karlsruhe bei ihren Eltern ansässig. Nach ihrer Heirat mit dem Pianisten Paul Traut 1950 lebte sie mit ihrem Mann in Köln, wo er am Konservatorium unterrichtete. In dieser Zeit traten die beiden auch als Klavierduo auf. Die Zeitschrift HÖR ZU urteilte damals: „Ihre künstlerische Harmonie kommt am meisten zur Geltung, wenn sie vierhändig oder an zwei Flügeln spielen.“ Nach der Scheidung 1957 – die Ehe blieb kinderlos – nahm sie ihren Mädchennamen wieder an, ließ sich für zwölf Jahre in Dabringhausen nördlich von Köln nieder und konzentrierte sich ganz auf ihre pianistische Karriere. Neben vielfältigen Auftritten als Solistin – unter namhaften Dirigenten wie Josef Keilberth, Clemens Krauss, Othmar Suitner, Hans Rosbaud, Gary Bertini und vielen anderen – widmete sich Erika Frieser nun vermehrt der Kammermusik.

In den 1950er-Jahren (1952–1960) bildete sie gemeinsam mit der Geigerin und Mozarteums-Professorin Christa Richter-Steiner und der Solo-Cellistin des Wiener Rundfunks Beatrice Reichert das Wiener Trio. Ab 1957 war sie langjährige Duo-Partnerin des Cellisten Gerhard Mantel, mit dem sie zahlreiche Tourneen durch die USA, Südamerika, den Nahen Osten, Indien, Japan und durch einen Großteil der europäischen Länder unternahm. Nach eigenen Aussagen der Künstlerin gab das Duo

binnen 16 Jahren über 750 Konzerte. Für das Label da Camera erfolgten sieben Schallplatten-Einspielungen mit Werken von Edvard Grieg, Felix Mendelssohn Bartholdy, Max Reger, Hans Pfitzner und Richard Strauss. Eine Besonderheit dieses Duos waren die zahlreichen auswendig absolvierten Auftritte. 1970 gründete Frieser mit ihrem Duopartner Mantel und dem Geiger Rudolf Koeckert das Beethoven-Trio, mit dem sie bis 1976 regelmäßig konzertierte. Die Gründung eines Klavierquintetts mit Mitgliedern des Brünner Streichquartetts (Lubomír Cermák, Karel Hejl, Bohuslav Fiser, Martin Svajda) schloss sich ebenso an, wie die Gründung des Trios Elmau (mit Lubomír Cermák und Boris Pác).

1969 verlegte Erika Frieser ihren Hauptwohnsitz nach Österreich, wo sie sich in Hof bei Salzburg niederließ. Ihr neues Lebensziel bestand nun darin, ihre vielfältigen pianistischen Erfahrungen in eine pädagogische Tätigkeit einfließen zu lassen. 1971 bewarb sie sich am Mozarteum mit einem imposanten künstlerischen Curriculum Vitae, das sie zwei Jahre später hoch motiviert ergänzte: „Ich möchte gerne weiterhin in Salzburg leben und meine reichen Konzert-Erfahrungen an junge Menschen weitergeben.“ (Lebenslauf von Erika Frieser am 11. Juli 1973 / Kunst-Archiv Salzburg). Im Herbst 1973 bekam Frieser schließlich ihren ersten Lehrauftrag im Fach „Klavier-, Vokal- und Instrumentalbegleitung“ am Mozarteum und schon bald wurden die Verhandlungen hinsichtlich einer Berufung als „Außerordentlicher Hochschulprofessor“, dem damals gängigen Berufstitel, geführt. Laut Meldung des Rektorats trat sie am 21. März 1975 eine Professur im Umfang von 20 Unterrichtsstunden an. Erika Frieser ist es stets gelungen, die fordernde Unterrichtstätigkeit mit ihren zahlreichen Konzertauftritten zu vereinbaren. Ihr Geschick und organisatorisches Talent kamen dann auch dem Mozarteum zugute, als sie im Studienjahr 1979/80 zur Abteilungsleiterin gewählt wurde. Den Höhepunkt ihrer universitären Karriere erreichte sie am 1. Oktober 1982 mit der Ernennung zum „Ordentlichen Hochschulprofessor für Klavierkammermusik, Vokal- und Instrumentalbegleitung an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst ‚Mozarteum‘ in Salzburg“. Unermüdlich organisierte Frieser weiterhin ihre großen Konzertreisen, für die immer eine Bewilligung des Bundesministeriums vorgelegt werden musste. Aus einem Ansuchen aus dem Jahr 1982 lässt sich ablesen, wie zielstrebig sie war: „Entschuldigen Sie bitte, daß ich meinen Antrag relativ spät stelle. Diese Tournee [Athen (Griechenland), Kairo und Alexandrien (Ägypten), Amman (Jordanien), Beirut (Libanon), Damaskus u. Aleppo (Syrien)] steht zwar schon seit langer Zeit fest, jedoch hatte ich Zweifel, sie durchführen zu können wegen der Operation an meinen beiden Händen (Carpal-Tunnel-Syndrom) und der entstandenen postoperativen Komplikationen. Nun sehe ich aber seit ein paar Tagen, daß ich ab Mitte Februar wieder spielen kann.“ Nach Möglichkeit bot die Klavierpädagogin während der Konzerttourneen Klavier-Meisterkurse an, zum Beispiel 1987 in Japan – eine Praxis, die sie in Europa schon seit langem erfolgreich pflegte. So profitierten neben ihren eigenen Studierenden auch zahlreiche Musiker*innen auf der ganzen Welt von ihrem Künstlertum. 1995 emeritierte Professorin Erika Frieser. Sie verstarb am 25. September 2011 im Alter von 84 Jahren.

Konzert
2.5.2024 - 4.5.2024

Erika-Frieser-Kammermusiktage 2024

Die Erika-Frieser-Kammermusiktage widmen sich in drei Konzerten verschiedener Besetzungsgrößen dem in Veranstaltungsprogrammen unterrepräsentierten kompositorischen Schaffen kanonferner Komponist*innen.

News & Nachlese

Zahlen & Fakten

23
Komponist*innen
34
Werke
46
Musiker*innen und Ensembles
  • Amy Beach (1867–1944)
  • Kaija Saariaho (1952–2023)
  • Henriëtte Bosmans (1895–1952)
  • Pauline Viardot-Garcia (1821–1910)
  • Cécile Chaminade (1857–1944)
  • Lili Boulanger (1893–1918)
  • Sofia Gubaidulina (*1931)
  • Fanny Hensel (1805–1847)
  • Galina Ustvolskaja (1919–2006)
  • Johanna Doderer (*1969)
  • Rebecca Clarke (1886–1979)
  • Grażyna Bacewicz (1909–1969)
  • Dora Pejačević (1885–1923)
  • Louise Farrenc (1804–1875)
  • Erdal Tuğcular (*1961)
  • Johanna Bordewijk Roepman (1892–1971)
  • Alma Schindler (Mahler) (1879–1964)
  • Germaine Tailleferre (1892–1983)
  • Georges Auric (1899–1983)
  • Ethel Smyth (1858–1944)
  • Mel Bonis (1858–1937)
  • Ángela Tröndle (*1983)
  • Maria Bach (1896–1978)
Team
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