Zehn Stimmen im Einklang - Vokalensemble Sonance

17.02.2026
Alumnae & Alumni Stories
© Josef Pichler

Ein Gespräch mit Benedikt Gurtner über A-cappella-Gesang, die Arbeit im Ensemble und die Bedeutung der Musik für Kinder, die Gesellschaft sowie der soziale Wert gemeinsamen Musizierens. Das Vokalensemble Sonance wurde im Herbst 2023 gegründet und besteht derzeit aus den Mitgliedern Judith Gallmetzer, Raphaela Gurtner, Cornelia Ruthmann, Laura Stuffer, Benedikt Gurtner, Mathias Bergmann, Valentin Hofstätter, Florian Stadlbauer, Simon Gerner und Maximilian Gililov.

Vokalensemble Sonance

Zusammengefunden haben die Musiker*innen an der Universität Mozarteum Salzburg. Geprägt von ihrer Leidenschaft für A-cappella-Musik und einem breiten Repertoire von der Renaissance bis zur zeitgenössischen Literatur, erschließen sie immer wieder neue Klangräume und laden ihr Publikum ein, Musik als tiefgehendes und berührendes Erlebnis zu erfahren. 


Sie haben 2023 gemeinsam mit neun anderen Musikerkolleg*innen das Vokalensemble Sonance gegründet. Woher kommt die Liebe zum A-cappella-Gesang? Was ist das Besondere daran?

Unser ehemaliger Professor an der Universität Mozarteum, Herbert Böck hat den A-cappella-Gesang sehr gefördert. Es gab einen Chor, der jede Woche a cappella gesungen hat. Nach seiner Pensionierung war es uns ein großes Anliegen, das gemeinsame Singen weiterzuführen. Wir haben uns in der Besetzung verändert aber das Ensemble entstand aus dem Wunsch heraus, A-cappella-Musik zu machen. Nicht alle sind ausgebildete Sänger*innen, einige kommen aus dem Instrumentalbereich, andere aus dem solistischen Gesang, was ganz anders ist als Chorgesang. A-cappella-Gesang kreiert diese unglaublichen Momente, in denen man zutiefst in die Musik versinkt. Das Besondere beim Singen ist, dass wir selbst das Instrument sind. Beim Spielen eines Instruments erklingt das Instrument, aber beim Singen spüren wir die Musik nochmal ganz anders und es ist unglaublich schwierig, diese klangliche Einheit aus den verschiedenen Stimmen zu erreichen. Gefragt sind nicht zehn Einzelstimmen, sondern ein Klangkörper. Dahinter steckt viel Arbeit und an dieser Einheit müssen wir auch immer wieder arbeiten. Wenn der Klang perfekt passt, dann entstehen sehr besondere Momente, die es eigentlich sonst in der Musik sehr selten gibt – das ist unglaublich schön.

Wie würden Sie die „Ensemblepersönlichkeit“, die Identität von Sonance beschreiben?

Für ein Vokalensemble sind die vielen solistisch ausgebildeten Sänger*innen, die dabei sind, schon speziell. Personen, die aus dem klassischen Gesang kommen, bringen oft eine andere Klanglichkeit mit, als es in der Chor-Szene üblich ist. Ich denke, dass wir dadurch eine besondere Klangoffenheit mitbringen und eine besondere Vielfalt an Möglichkeiten, was Stil, aber auch Klangerlebnis für die Zuhörer*innen betrifft.

Auf Ihrer Webseite steht, dass Sie die „Vielseitigkeit und Tiefe der A-cappella-Musik einem breiten Publikum zugänglich machen wollen“. Was bedeutet Vielseitigkeit in diesem Fall?

A-cappella-Singen ist das Ursprünglichste am Musizieren. Im Mittelalter gab es noch nicht viele Instrumente und da hat die Vokalpolyphonie, also der mehrstimmige Vokalgesang, seinen Ursprung. Aus dem 14., 15. und 16. Jahrhundert gibt es unglaublich viel schöne Musik. Das hat sich über die Jahrhunderte hinweg immer weiterentwickelt und so gibt es viele unterschiedliche Möglichkeiten. Unser Ziel ist es, diese Spanne aufzuzeigen. Wir haben eigentlich immer Stücke aus verschiedenen Epochen und Stilrichtungen im Programm und versuchen diese zu verbinden. Es geht nicht darum ein Stück aus dem 15. Jahrhundert und eines aus dem 21. Jahrhundert aufzuführen, sondern aufzuzeigen, wie vielleicht gleiche Ideen oder Texte aufgegriffen wurden. Im letzten Programm haben wir beispielsweise viele Werke von Heinrich Schütz aufgeführt, also aus dem 16./17. Jahrhundert und ein Stück aus dem 20. Jahrhundert, die dieselbe Idee verfolgen, ein Brückenschlag sozusagen. Die Ensembleliteratur ist aber epochenabhängig. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde viel für achtstimmige oder vierstimmige Corps geschrieben. Je moderner die Musik wird, umso mehr greifen wir auch auf Arrangements zurück, die für uns angepasst wurden. Unsere Heimat ist die klassische Musik, wir singen aber auch Musik aus anderen Genres, wie unlängst „I Am From Austria“ im Brucknerhaus. Wir sind repertoiremäßig sehr breit aufgestellt. 

Sie sind als Ensemble auch buchbar, richtig?

Ja, natürlich. Wenn Veranstalter auf uns zukommen, ist das für uns natürlich wunderbar. 

Wie dürfen wir uns die Arbeit im Ensemble vorstellen? Zehn Musiker*innen, die teilweise noch studieren, aber auch arbeiten und unterrichten, zusammenzubekommen und ein breites Repertoire zu erarbeiten, stelle ich mir nicht ganz einfach vor, oder?

Es ist nicht einfach, aber es ermöglicht uns sehr viel. Die größte Herausforderung ist immer die Terminfrage, die Planung und alles, was organisatorisch – gerade in den ersten Jahren – zu tun ist. Das haben wir möglicherweise auch unterschätzt. Marketing und Veranstaltungsorganisation müssen wir selbst tragen und das zeichnet uns auch zu einem gewissen Grad aus. Wir haben keine Leitung oder Dirigent*innen, wir erarbeiten alles selbst und wir sind gleichwertige Partner*innen. Natürlich haben manche aufgrund ihrer Vergangenheit mehr Erfahrung in gewissen Bereichen und jeder blickt anders auf die Stücke. Das ist eine große Bereicherung für unsere Gruppe.

Wie oft proben Sie?

Wir proben regelmäßig, wöchentlich und projektweise natürlich noch mehr.

Das Ensemble Sonance hat 2025 eines der ausgeschriebenen Ensemblestipendien an der Universität Mozarteum gewonnen. Was bedeuten solche Preise für Sie und was konnten Sie damit umsetzen?

Stipendien und Preise ermöglichen sehr viel, wie zum Beispiel Freiheit in der Planung oder in der Organisation. Sie geben Sicherheit. Wir konnten unser Schütz-Projekt dadurch finanzieren. Und auch die organisatorische Arbeit mit Marketing, Webseite, Notenankauf und Reisen braucht immer Geld. Dadurch kann man ein größeres Publikum und eine breitere Zielgruppe erreichen. Es gibt auch Möglichkeiten wie Unterstützungen vom Land oder von der Stadt Salzburg, auch beim Bundesministerium und der EU gibt es Stipendien, einiges davon erfordert aber auch sehr viel Arbeit – etwa durch das Berichtwesen. Größere Einreichungen brauchen viel Vorlaufzeit, das Projekt muss durchgeplant und kalkuliert werden und das unterschätzt man oft. Niemand gibt Geld und sagt „habt Spaß damit“.

Was macht moderne Ensemblekultur aus? Gab es Veränderungen?

Ja, ich glaube schon. Zum Beispiel hinsichtlich der Offenheit gegenüber dem Repertoire. Hier gab es in den letzten 20 bis 30 Jahren Veränderungen. Aber auch, weil es für Chöre größere Plattformen gibt und daher unterschiedlichere Möglichkeiten, was Stil und Repertoire betrifft. Ein anderer Aspekt, der sich gewandelt hat, ist die Rollenverteilung im Ensemble. Es gibt nicht mehr zwingend starre Hierarchien, keinen Chef.  

Was sind die nächsten Projekte und was wollen Sie und Ihre Kolleg*innen unbedingt umsetzen? Wo liegen Ihre Wünsche?

Da gibt es schon ein paar größere Dinge, (lacht). Im Frühjahr starten wir ein sehr spannendes Projekt mit Stephan Höllwerth. Im Domarchiv liegen Stücke von Stefano Bernardi, einem alten Hofkapellmeister des 17. Jahrhunderts, die nirgendwo aufgelegt sind. Einige davon werden jetzt für uns transkribiert, damit wir sie in der Folge erstmalig seit mehreren Jahrhunderten wieder aufführen können. Wir freuen uns sehr darauf. Ein weiteres Riesenprojekt ist unsere erste CD-Produktion. Es ist unser großer Wunsch und erfordert sehr viel Arbeit und Geld. Und natürlich wünschen wir uns mehr Bekanntheit bei Veranstaltern. Wenn man zu Konzerten eingeladen wird, nimmt das viel organisatorische Arbeit ab und wir können uns auf das Singen konzentrieren.  

Warum eine CD-Produktion? 

Die CD ist für bestimmte Zielgruppen, wie Konzertbesucher*innen, aber auch in gewissen Fachkreisen und nicht zuletzt für verschiedene Preise und Auszeichnungen durchaus relevant. Sie stellt quasi eine Visitenkarte dar. Vieles spielt sich zwar bereits im Streaming-Bereich ab, aber die Produktion der Musik als solche hinsichtlich der Qualität und vor allem der organisatorischen Arbeit ist dafür gleich. 

Was konnten Sie und Ihre Kolleg*innen für diese Arbeit aus Ihrem Studium mitnehmen und in welchen Bereichen hätte es noch mehr sein können?

Wir haben vermutlich alle sehr unterschiedliche Dinge mitbekommen. Gemeinsam haben wir den sehr starken Gesangshintergrund, auch wenn wir in verschiedenen Bereichen Gesang studiert haben. Aber auch unsere Diversität schätze ich sehr. Wir haben beispielsweise einen Pianisten dabei, der auch Orchesterdirigieren studiert. Er hat dadurch oft einen anderen Blick auf die Werke und durchleuchtet die Stücke zunächst analytisch – das ist eine sehr wertvolle Fähigkeit. Wir haben durch unsere Studien sehr unterschiedliche Fertigkeiten erworben oder gestärkt und können diese nun gemeinschaftlich einsetzen, was eine schöne Erfahrung ist. All diese verschiedenen Fähigkeiten formen und bereichern unseren besonderen und auch individuellen Ensembleklang.

Sie und Ihre Ensemblekolleg*innen haben fast alle (auch) eine pädagogische Ausbildung. Sie unterrichten am Herz-Jesu-Gymnasium, leiten dort Chöre und widmen sich der musikalischen Jugendarbeit. Wie wichtig ist die Musikvermittlung für die Gesellschaft? Und was ist das Schöne daran?

Die Musikvermittlung ist aus ganz vielen Blickwinkeln das Allerwichtigste. Aus der Sicht des Musikers möchte ich auch in 20 Jahren noch vor Publikum singen und nicht in leeren Konzertsälen. Darüber hinaus ist die musikalische Bildung von Kindern enorm wichtig. Musik ermöglicht das Erlernen vieler Fähigkeiten. Das können soziale Fähigkeiten durch gemeinsames Singen sein oder andere Persönlichkeitsmerkmale, die neben den kognitiven Fähigkeiten auch in der Schule gefördert werden. Zudem hat Musik auch eine Komponente von Selbstreflexion, von Selbstfindung und das ist meiner Meinung nach ein ganz wichtiger Aspekt. Als Ensemble wollen wir zudem gemeinsam pädagogisch arbeiten. Beispielsweise mit Workshops an Schulen gehen, um den Kindern zu zeigen, was Musik alles bewirken kann. Musik soll als wichtiger Bildungsaspekt wahrgenommen werden. Für mich ist das Arbeiten mit Kindern etwas unglaublich Berührendes. Das Begleiten von Kindern und Jugendlichen beim Erwachsenwerden, im Wachsen, im Erlernen von Dingen, das ist sehr bereichernd. 

Welche Rahmenbedingungen könnten in der Musikvermittlung verbessert werden?

In der Ausbildung ist es sehr wichtig, dass der pädagogische Aspekt nicht zu kurz kommt. Natürlich wollen alle immer noch besser und noch klarer und noch effektiver im Musizieren werden. Es ist ein stetes Streben nach Perfektion. Ich glaube, dass Musik immer etwas fast nicht Perfektes haben darf – etwas im Moment. Musizieren ist wichtig für Kinder, unabhängig von Perfektion und konzertfähigem Können, und zwar auf allen Bildungsebenen, beginnend im Elementarbereich. Für Musikvermittler*innen und deren Arbeitsbedingungen ist das Bewusstsein für den gesellschaftlichen Wert der Musik und Kultur wichtig. Die Stunden-Kürzungen in den Schulen sind schon ein Thema. In der Lehrer*innen-Ausbildung ist in den letzten Jahren immer wieder gekürzt worden. Teilweise kommen Kinder fast ohne Gesang aus der Volksschule. Natürlich hätten wir gerne mehr Musikstunden in den Schulen, auch die Naturwissenschaften sind wichtig – ich verstehe, dass nicht alles machbar ist. Aber ich glaube schon, dass man den Wert von Kultur und Musik von Grund auf in der Bildung etablieren muss. Die Wertevermittlung von Kultur muss ja irgendwo herkommen. 

Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich mitgeben?

Für uns als Ensemble war es unglaublich wichtig, als soziale Gruppe gut zu funktionieren. Es wäre vermutlich kein Problem, zehn ähnliche Ensembles zusammenstellen, die qualitativ auf demselben künstlerischen Niveau liegen. Aber um wirklich viel Zeit miteinander zu verbringen, gut miteinander zu arbeiten und auch kritisieren zu können, ist sehr wichtig und nicht selbstverständlich. Dafür muss man von Anfang an Zeit und Arbeit investieren. Beim gemeinsamen Musizieren geht es nicht nur darum, musikalische Perfektion zu erreichen, sondern auch um Wertschätzung und soziale Kompetenzen.  

vokalensemblesonance.com

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