Es soll nicht nur um den Rollstuhl gehen - Markus Degenfeld

09.04.2026
Alumnae & Alumni Stories
© Paulo Jamil Sieweck

Ein Bewerber im Rollstuhl, körperlich und sprachlich beeinträchtigt, möchte Schauspiel studieren. Zweifel im Kollegium, Unsicherheit im Umgang, organisatorische Hürden – und zugleich der Anspruch, nicht vorschnell zu urteilen, sondern genauer hinzusehen: auf Spiellust, Spontaneität, Gruppenfähigkeit, Humor.

Markus Degenfeld, Schauspieler / Salzburg

Vier Jahre später ist klar: Der Weg, den man gemeinsam gegangen ist, hat alle bereichert. Im Blick auf Ausbildung, auf Zusammenarbeit – und auf das, was Theater kann: Menschen zu erreichen. Für Markus Degenfeld selbst war es eine Zeit intensiver Auseinandersetzung: mit dem eigenen Körper, mit Rollen, mit Erwartungen von außen – und mit der Frage, wie man gesehen werden will.

Im folgenden Gespräch mit Hanna Binder spricht er über seinen Weg durch die Ausbildung, über Sichtbarkeit jenseits von Zuschreibungen – und darüber, was ihn am Schauspiel antreibt.


Markus, warum Schauspiel, was liebst du daran?

In eine andere Rolle zu schlüpfen. Dem Publikum einen schönen Abend zu bescheren und sie zum Nach- bzw. Umdenken zu bewegen. Das größere Ziel ist die Gesellschaft zusammen zu bringen und eine Verbundenheit zu schaffen.

Film oder Theater?

Langfristig will ich auf die Bühne, da ich die Energie vom Publikum spüren will. Ab und an kann ich mir auch vorstellen, vor der Kamera zu stehen.

In welchen Rollen warst du am Mozarteum zu erleben?

Mir haben vor allem der Graf von Gloster aus König Lear von William Shakespeare Spaß gemacht, Ophelia aus der „Hamletmaschine“ von Heiner Müller und Bruscon aus dem „Theatermacher“ von Thomas Bernhard waren eine Herausforderung und sehr bereichernd.

Du wolltest während der Ausbildung, dass dein Rollstuhl nicht im Vordergrund steht. Was bedeutet dein Rollstuhl für dich?

Ich habe zu Beginn des Studiums Interviewangebote bekommen und abgelehnt, weil es da nur um meine Behinderung ging. Es ist wichtig zu wissen, dass ich im Rollstuhl sitze. Ich möchte aber nicht, dass es nur darum geht. Ich bin im deutschsprachigen Raum eine der wenigen Personen, die als Rollstuhlfahrer eine staatliche Schauspielausbildung absolviert. Das ist schon Besonders, aber ich finde es sollte Normalität werden. Dass es auch in einem Beitrag in einer Zeitschrift zur Sprache kommt, ist gut, aber es sollte nicht das Hauptthema sein. 

Wie würdest du denn den Umgang hier an der Uni mit dir beschreiben?

Also generell war der Umgang hier sehr gut, weil wir mit allen Dozierenden vereinbart haben, dass ich am Anfang zu jedem Unterricht gehe und wir schauen, wie wir adaptieren können. Und wenn es von beiden Seiten keinen Sinn macht, dann bin ich nicht dabei. Zum Beispiel bei Artistik war ich am Anfang dabei, habe jongliert und so und kann es noch immer nicht. Aber als es um Hebefiguren und Pyramide bauen gegangen ist, ging das eben nicht. Und das war dann auch okay für mich. So konnte ich die Zeit für mich besser nutzen und musste nicht beim Unterricht zuschauen.

Findest du, dass wir das richtig gemacht haben, dich einfach genauso zu behandeln, wie jede*n andere*n Studierende*n, ohne zu sagen, du hast aber spezielle Bedürfnisse und wir müssten eigentlich eigenen Unterricht für dich kreieren?

Also ich glaube, es gibt kein Richtig oder Falsch – das findet man nur im Umgang heraus, wenn man miteinander redet, und das war hier sehr gut für mich. Dass ihr mich normal behandelt habt, fand ich gut, weil genau so soll es sein. Jeder hat individuelle andere Fähigkeiten.

Was erlebst du jetzt auf dem freien Berufsmarkt. Wie ist das für Außenstehende, die dich nicht kennen?

Naja, mich stört, dass es oft nur um den Rollstuhl geht und warum ich im Rollstuhl sitze und nicht darum, warum ich Schauspiel studiert habe oder über meine Fähigkeiten oder wo ich arbeiten will und ob ich jetzt lieber Theater oder Film mache oder sowas.

Hast du im Schauspielstudium auch mal daran gezweifelt, Schauspieler zu werden?

Naja, ich habe mir schon manchmal gedacht, warum tue ich mir diese Anstrengung an, und kann ich in Zukunft meinen Lebensunterhalt damit verdienen? Diese Frustrationsphasen gab es natürlich. Aber dann kam ich zu dem Ergebnis – es ist vielleicht ein bisschen banal – ich mache das, weil es mir Spaß macht. Und weil ich auch andere Leute zum Nachdenken bewegen will und so auch die Welt ein bisschen verändere. Es ist zumindest ein Versuch.

Hast du dich mit anderen Menschen im Theater mit Behinderung connected?

Ich habe mit einer Schauspielerin telefoniert. Sie ist frei und hat mir Tipps gegeben, wie man im Beruf Fuß fasst. Sie hat was Interessantes gesagt: dass es im Schauspiel einfach ein hartes Pflaster ist und wenn man raussticht, egal womit, dann soll man das machen und das hat irgendwie meinen Blick geöffnet. Also nicht geändert, aber geöffnet. Diese Rollstuhlsituation ist Teil von mir und sie kann auch im Mittelpunkt stehen, aber nicht nur.

Wenn du jetzt so zurückguckst auf den Markus, der hier angefangen hat zu studieren: Wie würdest du den beschreiben?

Also dem jüngeren Markus würde ich sagen, es war eine der besseren Entscheidungen, Schauspiel zu studieren, weil er viel mehr über sich gelernt hat als in zehn Jahren davor, körperlich und emotional.

Und wie würde sich der Markus in zehn Jahren fühlen, wenn alles, was er sich wünscht, in Erfüllung gehen würde?

Ich wäre schon ein bisschen stolzer auf mich, weil ich glaube, dass es dann normaler wäre, dass Rollstuhlfahrer sichtbarer sind und mehr in der Gesellschaft als gleichwertige Menschen akzeptiert werden. Und ich glaube, auch wenn es jetzt schwer ist das zu sagen und ohne mich loben zu wollen, aber ich und andere leisten da Pionierarbeit.

Nervt dich etwas im Umgang mit dir als Schauspieler im Rollstuhl besonders?

Das hat jetzt nichts explizit mit Schauspiel zu tun, es hat eher mit dem Rollstuhl und der Behinderung zu tun. Es nervt, dass Leute mit mir reden wie mit einem kleinen Kind, weil sie glauben, ich kann nichts. 

Was magst du Erstsemestern mit auf den Weg geben?

Mut haben, durchhalten, nicht aufgeben, auch wenn man frustriert ist – und man wird frustriert sein. Aber nach den vier Jahren kann man stolz sein. Ich war manchmal genervt und habe gehofft, dass es bald vorbei geht. Aber es ist trotzdem das Schönste.

Wo würdest du gerne spielen? Oder welche Rollen würdest du gerne übernehmen?

Ich werde am Landestheater Niederösterreich gastieren, auch am Schauspielhaus Salzburg zu spielen wäre schön. Eine Wunschrolle habe ich nicht. Ich will gerne flexibel bleiben und sowohl Bösewichte als auch Liebhaber spielen.

Worin siehst du deine größten Stärken?

Eindeutig im Humor, in der Hartnäckigkeit und in der Begabung, auf Menschen zuzugehen.


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