Sie kamen früh ans Theater, gleich nach dem Abitur. Wie kam es dazu?
Ich ging mit meinen Eltern viel ins Theater, komme aber aus keiner Theaterfamilie, es war daher eher Zufall. Wichtige Begegnungen hatte ich in der Oberstufe in Hamburg mit dem Fach „Darstellendes Spiel“ und mit der „Theater A. G.“ und ich hatte eine sehr tolle Lehrerin, die ein gewisses Talent in mir sah und mir vermittelte, dass man sich in diesem Bereich auch professionalisieren und studieren kann. So habe ich in der Oberstufe bereits die ersten Theaterstücke geschrieben. Daneben war ich jede Woche in den Hamburger Jugendclubs, besonders im Schauspielhaus und im Thalia Theater. Für den Besuch der Theaterschulen für Regie muss man allerdings mindestens 21 Jahre sein oder ein abgeschlossenes Studium haben. Ich war aber erst 18 Jahre und konnte daher diese Ausbildung nicht beginnen. So habe ich über eine gute Freundin meiner Familie mein erstes Praktikum in Warschau am „Och-teatr“ bekommen. Meine Familie kommt aus Polen und so nahmen die Dinge ihren Lauf.
Ein Praktikum oder wie in meinem Fall eine Hospitanz würde ich allen vor dem Studienbeginn empfehlen. Danach begann ich, in Berlin Theaterwissenschaften zu studieren. Im zweiten Semester des Studiums war ein Praktikum vorgesehen und so kam ich ans „Deutsche Theater Berlin“. Ein glücklicher Zufall war die Schwangerschaft einer Assistentin, deren Vertretung ich übernehmen durfte – das war mein erster richtiger Job am Theater. Von da an habe ich neben dem Studium immer gearbeitet. Ich war mehrere Jahre Regieassistent in Hamburg, allerdings hatte ich das Gefühl, nicht weiterzukommen. Eine befreundete Dramaturgin riet mir daher zum Regiestudium, da war Salzburg mit Amélie Niermeyer eine der besten Möglichkeiten. Das Studium war sehr praktisch angelegt und es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ich hatte zuvor schon das Glück, mit Regisseuren wie Luk Perceval, Johan Simons und Jette Steckel zusammenzuarbeiten und ich lernte viel, aber es fehlte das Fundament. Die Möglichkeiten am Mozarteum mit der Fülle an Stoffen und Projekten, der Infrastruktur, der Logistik waren einzigartig. Ich glaube, an keinem anderen Ort im deutschsprachigen Raum kann man so gut studieren (lacht). Hilfreich waren auch die langen Semesterferien und die Blockseminare, so ging das Arbeiten nebenbei gut. Je früher man Menschen in der Branche kennenlernt und im Beruf Fuß fassen kann, desto eher findet man auch nach dem Studium seinen Arbeitsbereich.
Sie sind zweisprachig, mit Deutsch und Polnisch aufgewachsen, richtig?
Ja, genau. Das habe ich meinen Eltern zu verdanken und es eröffnet Möglichkeiten. Ich kann auch in Polen arbeiten, oder mit polnischen Leuten hier im deutschsprachigen Raum und es erweitert die Bandbreite der Stoffe, denen ich mich widmen kann. Im Theater ist es wichtig, ein Verständnis für die Materie zu haben. Einen Text in anderer Sprache zu singen oder zu sprechen, reicht nicht.
Sie interessieren sich bei der Auswahl Ihrer Stoffe insbesondere für die polnisch-deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts und dem damit einhergehenden Antislawismus. Worin manifestiert sich Antislawismus und was wollen Sie vermitteln?
Ich merke in meiner Arbeit immer wieder, dass es große „blinde Flecken“ zwischen Berlin und Moskau bzw. zwischen J. W. Goethe und A. P. Tschechow gibt. Als ich letztes Jahr Regie in der Uraufführung „Die Tiefe“ nach dem gleichnamigen Roman von Ishbel Szatrawska am Theater Konstanz führte, musste ich zunächst Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit leisten. Es handelt sich um ein Art Anti-Familiensaga, die die wechselvolle Historie des ehemaligen Ostpreußens widerspiegelt, in der sich über Jahrhunderte polnische, masurische, deutsche und litauische Identitäten mischten. Leider wird wenig polnischer Stoff übersetzt, in die andere Richtung, also vom Deutschen ins Polnische, ist das anders. Die Themen werden oft auf den Zweiten Weltkrieg und Ausschwitz reduziert. Die migrations- und postmigrantischen Diskurse werden in Deutschland sehr einfach geführt. Oft sind es türkische oder deutsch-russische Geschichten, polnische Geschichten kommen nicht vor. Dabei gibt es diese Stoffe und Texte! Manchmal schlüpfe ich in die Rolle des Geschichtelehrers mit Bildungsauftrag (lacht). Ich mag die Außenseiter in den Geschichten, die Figuren, die keine Helden sind. Die wirklich berührenden Geschichten haben keinen Helden-Epos. Gleichzeitig muss man Stücke produzieren, für die es Publikum gibt. Das Stück in Konstanz kam glücklicherweise sehr gut an.
Ihre Bandbreite ist wesentlich größer. Sie widmeten sich u.a. „Iphigenia“ in Hamburg sowie bei den Salzburger Festspielen. Im Frühjahr diesen Jahres führten Sie am Schauspielhaus Salzburg in „Echtzeitalter“ Regie. Und behandelten das Thema Jugend und ihre Gefühlswelt. Wie finden Sie Ihre Themen? Wie treffen Sie Ihre Auswahl?
Sehr oft spielt der Zufall eine Rolle. Ich sammle sehr viel, führe Listen und habe überall kleine Notizen. Irgendwann formen sich diese Dinge in Gedanken und daraus entstehen die Stoffe. Ich versuche für die Themen Leitsätze zu finden, wenn sie mir gefallen, setze ich sie um. Viele Stoffe liegen jahrelang in der Schublade. Viel Inspiration erfahre ich auch durch die Menschen, mit denen ich arbeite. Wichtig ist die Neugierde. Von der ersten Idee bis zum Konzept vergehen meist ein bis zwei Jahre.
Wie verschaffen Sie sich innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen im Kunstbetrieb die nötige Freiheit, die Sie für Ihre Arbeit benötigen?
Ganz einfach ist das nicht, da man von vielen Faktoren abhängig ist. Was mir sehr hilft, ist ein kleines Team von Menschen, mit denen ich immer wieder zusammenarbeite. Ich habe mir den Beruf zu Beginn freier vorgestellt (lacht). Was mir hilft, ist der Fokus auf das Positive der Dinge. Künstlerische Freiheit ist immer nur dann möglich, wenn man an das Positive denkt und negative Einflüsse nicht an sich ranlässt. Manches kann man nicht beeinflussen. Auch wenn man am Ende nur zwei Personen für ein Projekt hat anstelle der fünf benötigten. Ich denke nicht über Dinge nach, die nicht passiert sind, sondern an die Möglichkeiten, die ich habe – auch wenn der Wunsch ursprünglich ein anderer war.
Welches Projekt würden Sie sofort realisieren, wenn Budget und Zeit keine Rolle spielten?
„Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon. Eine wahnsinnige Science-Fiction-Geschichte mit vielen Figuren. Der Abend wäre vermutlich fünf Tage lang mit tausend Schauspieler*innen …
Welche Regel des Regieführens brechen Sie am liebsten? Gibt es Regeln?
Das ist eine gute Frage, darüber muss ich erst nachdenken (lacht). Ich würde gerne weniger Kompromisse eingehen und zu Dingen einfach Nein sagen. Wenn man mit vielen Menschen zusammenarbeitet, muss man einen gemeinsamen Konsens finden und das ist nicht immer einfach.
Würden Sie die Kompromissfähigkeit oder Teamfähigkeit als wichtige Eigenschaft eines Regisseurs bezeichnen?
Absolut. Das sehen zwar nicht alle Kolleg*innen so, aber ich halte diese Eigenschaften für essenziell, neben der Neugier an den Menschen und der Lust, gemeinsam etwas zu entwickeln. Man muss als Regisseur Team-Plyer sein und gleichzeitig Verantwortung übernehmen, auch für unangenehme Dinge. Manche Entscheidungen sind sehr schmerzhaft. Etwa wenn ein Stück zu lange dauert und Figuren und Kostüme rausfliegen oder Bühnenbilder umgebaut werden müssen.
Sie wurde für Ihr Regieprojekt „Last Hour of Resistance“ mit dem Austrian Art Alumni Award 2025 ausgezeichnet. Das Stück setzt sich mit gesellschaftlichen Umbrüchen, kollektiven Traumata und der Frage nach individueller Verantwortung in Zeiten des Umsturzes auseinander. Welche Verantwortung verspüren Sie selbst?
Ich wuchs als Jugendlicher in den 90er-Jahren in einer eher apolitischen Zeit im Geist des „deutschen Mauerfalls“ und am Ende des Kalten Krieges auf. Große politische Themen waren dünn gesät. Das ist heute anders, die politische Haltung von Jugendlichen ist viel stärker und ich merke, dass sich auch die Kunst wieder viel politischer zeigt und äußert. Das interessiert mich natürlich, wobei ich nicht alle tagesaktuellen Themen umsetzen will. Ich differenziere gerne und will oft ein anderes Bild zeigen.
Manches muss man vermutlich auch erst reflektieren, wie die jüngsten Wahlen in Deutschland gezeigt haben.
Ja, natürlich. Die Situation erschüttert und verwundert aber nur jene, die zuvor nicht genau hingesehen haben. Diskriminierende Erfahrungen sind mir nicht fremd. Politische Verantwortung beginnt im Privaten. Wir müssen uns fragen, was kann akzeptiert werden und was nicht. Das Thema ist nun in den Wohnzimmern der breiten Masse angekommen. Mein Projekt „Last Hour of Resistance“ zeigt den Moment, in dem man sich der Verantwortung nicht mehr entziehen kann. Eigentlich müssen wir früher wach werden. Je früher wir uns wehren, desto besser. Ich glaube, wir müssen Strategien finden und Werkzeuge benutzen, die wir sehr lange nicht oder noch nie benutzt haben. Strömungen zu ignorieren in der Hoffnung, dass sie sich selbst wieder abschaffen, ist nicht der richtige Weg. Und ich finde, dass wir es uns in der Kunst auch zu einfach gemacht haben. Schockstarre, Trauerbekundungen oder Lesungen sind keine Lösungen.
Sie haben bereits mehrere (Nachwuchs-) Preise gewonnen. Welche Möglichkeiten eröffnen solche Preise und konkret der Alumni Award 2025?
Viele Prozesse am Theater und in der Regiearbeit sind sehr langwierig. Unter einem Jahr, meist sind es zwei bis drei Jahre, ist kaum ein Projekt umzusetzen. Daher bieten solche Preise finanzielle Sicherheit. Damit können umfangreiche Recherchen betrieben werden, andere Personen für Teilaufgaben bezahlt werden, die in der Kunst oft als „ein Gefallen unter Freunden“ behandelt werden, was so nicht sein sollte. Solche Preise bedeuten die Erweiterung der Ressourcen. Ich muss zum Beispiel für eine gewisse Zeit keinem Nebenjob nachgehen und kann mich auf das Projekt konzentrieren. Diese finanzielle Freiheit ist eine künstlerische Freiheit, die den Druck an bestimmten Stellen rausnimmt. Das Schwierige ist die Balance zu finden zwischen der künstlerischen Freiheit und der nötigen Sicherheit. Die Umsetzung des Projekts „Last Hour of Resistance“ ist für 2028 geplant. 2027 werde ich noch andere Projekte umsetzen.
Welche Tipps würden Sie Ihrem jüngeren Ich mit auf den Weg geben?
Sich einzugestehen, dass man sehr wenig weiß, das eigene Ego zurückstellen und sich zu erlauben, Fehler zu machen. Eine Eigenschaft, die ich nicht hatte, ist Geduld und die muss man üben. Oft war ich davon überzeugt, dass es nur den einen Weg gibt. Ich war verbissen. Es hilft, wenn man drei Schritte zurückgeht, sich Zeit und Ruhe nimmt und nachdenkt. Die Zeit im Studium ist Gold wert, auch um Verbindungen mit anderen Menschen zu suchen.
Haben Sie neben dem Theater noch andere Leidenschaften?
Ich liebe es zu kochen! Das ist meine Art der Meditation. Ich verfolge Fermentationsprojekte und empfinde es als optimalen Ausgleich zu meiner Arbeit. Fermentieren ist ein langsamer Prozess – richtig oder falsch stellt sich erst nach und nach heraus. Ich koche auch gerne nach einem langen Proben-Tag.
Was bedeute Erfolg für Sie?
Dass ich mir die Zeit nehmen kann, an Projekten so lange wie nötig zu arbeiten, mit allen Vorläufen und notwendigen Recherchen. Umgekehrt schenkt Erfolg die künstlerische Freiheit.
Gibt es noch etwas, das Sie uns mit auf den Weg geben wollen?
Ich glaube, unser Hier und Heute ist nicht so düster, wie es teilweise gezeichnet wird: Die Angst vor KI, die, so die Annahme, unsere Jobs und Kunst überflüssig macht, die ausufernde Zeit, die wir am Handy verbringen und zu schnellem (Kultur-)Konsum verleitet, kurze Aufmerksamkeitsspannen, schnelle Klicks und dergleichen. Wir werden damit umgehen müssen, in welcher Form auch immer. Dennoch glaube ich daran, dass die Bedeutung menschlicher Begegnungen weiterhin relevant bleiben. Live-Konzerte, Theater, Kino, Oper, Performance usw. werden wir weiterhin besuchen und dringender brauchen denn je.
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Der Regisseur Alek Niemiro studierte Philosophie und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin sowie Regie an der Universität Mozarteum Salzburg (2020 bis 2024). Bereits nach seinem Abitur 2012 assistierte er am Warschauer „Och-teatr“. Während seines Studiums in Berlin assistierte er am Deutschen Theater Berlin, unter anderem bei Ivan Panteleev. In Berlin entstanden auch erste Arbeiten in den Sophiensälen. Von 2015 bis 2019 war er fester Regieassistent am Thalia Theater, wo er mit Regisseur*innen wie Ewelina Marciniak, Bastian Kraft, Luk Perceval, Johan Simons, Jette Steckel und Sebastian Nübling zusammenarbeitete. Es entstanden: „Patrick Bateman – An American Psycho“, „Peter Weiss/Marat Sade“ und „Das Ende von Eddy“ (eingeladen zum Theater der Welt). Im Juni 2018 gewann er den “Start Off”- Wettbewerb für Regienachwuchs am Lichthof-Theater Hamburg. Im Mai 2019 entstand „In der Schwebe” am Thalia Theater und im Sommer 2020 seine erste audiovisuelle Installation an der Fleetstreet Hamburg. 2023 gewann er den Kunstpreis der Altonale Hamburg und 2024 war er Teil des Internationalen Forum beim Berliner Theatertreffen. Nach verschieden Projekten während seines Studiums in Salzburg, darunter „Iphigenia“, bei dem er als künstlerischer Mitarbeiter 2022 bei den Salzburger Festspielen wirkte, entstanden 2025 „Die Tiefe“ am Theater Konstanz und 2026 „Echtzeitalter“ am Schauspielhaus Salzburg. 2025 wurde er mit dem Austrian Art Alumni Award ausgezeichnet. In seinen Arbeiten ist er unter anderem auf der Suche nach postmigrantischen Lesarten von klassischen Stoffen. Insbesondere die polnisch-deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts und der damit einhergehende Antislawismus sind Interessenschwerpunkte.