Ein architektonisch prägnanter Baukörper am Salzburger Kurgarten bildet die Kulisse für eine weitreichende künstlerisch-forschende Weichenstellung. Das im Oktober 2025 eröffnete Gebäude der Universität Mozarteum am Kurgarten (UMAK) beherbergt mit dem X-Reality-Lab (XR-Lab) eine High-End-Forschungsinfrastruktur, die Disziplingrenzen zwischen darstellender Kunst, auditiver Architektur und digitaler Medientechnologie systematisch auflöst.
Auf den ersten Blick wirkt die 165 Quadratmeter große Fläche fast sakral, doch die Wände haben es in sich: Fünf der sechs Seiten sowie der Boden sind lückenlos mit 3D-Projektoren bestückt. Versteckt hinter den Projektionsflächen wartet ein akustisches Wunderland – ein System aus über 80 Lautsprechern und Subwoofern. LiDAR-Laser und optische Sensoren tasten zudem jeden Zentimeter ab, um Menschen, Objekte und sogar Roboter in Echtzeit zu tracken und ermöglichen komplexe 3D-Raumklang-Algorthmen. „Das X-Reality Lab der Universität Mozarteum ist in seiner Konzeption außergewöhnlich, weil es nicht nur einzelne Technologien kombiniert, sondern auch als Raum funktioniert, in dem ein gemeinsames Erleben (in 360 Grad) möglich ist. Von narrativen Formaten über performative Settings bis hin zu Live-Konzerten ist dort vieles denkbar. Das X-Reality Lab ist damit eine Art eigenständige, begehbare ‚Erfahrungsarchitektur‘, in der sich künstlerische, performative und technologische Praktiken verschränken können“, erklärt Claudia Lehmann, Univ.-Prof.in für Filmkunst und Visuelle Kommunikation sowie Leiterin des Instituts für Open Arts, die gemeinsam mit Christopher Lindinger (Univ.-Prof. für Digital Humanities in the Arts) das XR-Reality-Lab verantwortet.
Gefördert durch die FFG und die EU (EFRE), manifestiert sich hier ein Laborraum, der die Erzeugung und Rezeption von Kunst unter den Bedingungen der Postdigitalität radikal neu verhandelt. Um das Nebeneinander inkompatibler Eigensysteme aufzubrechen, hat die Universität Mozarteum in einer Forschungskooperation mit dem Ars Electronica Futurelab ein eigenes Software-Framework mozXR entwickelt. Das Tool fungiert als flexible Schnittstelle für gängige Engines wie Unreal, Unity oder TouchDesigner. Man muss nicht physisch in Salzburg sein, um das Lab zu bespielen, Kunstschaffende weltweit Inszenierungen und das nötige Coding aus der Distanz vorbereiten und testen.
Wer bisher an Virtual Reality dachte, hatte meist das Bild eines einsamen Menschen vor Augen, der mit einer klobigen Plastikbrille auf dem Kopf scheinbar orientierungslos in die Luft greift – noch weitgehend unausgeschöpftes Potenzial neuer XR-Technologien liegt in der kollektiven Erfahrung, insbesondere im gemeinsamen Erleben innerhalb eines realen Raums. Hier entwickeln sich neue Formen sozialer Interaktion, ästhetischer Aushandlung und gesellschaftlicher Prozesse: „Es verschieben sich mehr und mehr die klassischen Rollenverteilungen, die Grenzen zwischen Rezeption und Produktion lösen sich auf. Wir wollen erforschen, wie sich die Möglichkeiten des XR-Labs auf diese klassische Situation auswirkt und ob für unsere Sinne ein Erlebnis geschaffen werden kann, das unsere Erfahrung erweitert und dadurch ein anderes Verständnis von der Welt entstehen kann – das wieder auf die Welt rückwirkt“, so Lehmann.
Der virtuelle Raum verschränkt sich mit dem physischen Raum und erweitert so das Spektrum neuer Erzählformate und Möglichkeiten, wie und wo Geschichten erzählt werden. Dieser Verschränkung widmet sich die Universität Mozarteum auch in zwei Kooperationen mit den Salzburger Festspielen: Während Claudia Lehmann und Konrad Hempel mit dem von Ihnen gegründeten Institut für Experimentelle Angelegenheiten (IXA) auf der Pernerinsel in Hallein Elfriede Jelineks monumentales Werk „Unter Tieren“ medial inszenieren, wird auch das XR-Lab direkter Schauplatz einer Festspiel-Produktion: Unter dem programmatischen Titel „The Living Archive – Staging Realities“ werden dort in Zusammenarbeit mit der Ars Electronica künstlerische Prozesse nicht bloß dokumentiert, sondern als begehbare Realität reaktiviert. Seit das Festspielarchiv 2024 seinen neuen Standort in der Riedenburg bezogen hat, wurden die historischen Schätze bereits in verschiedenen Projekten präsentiert. Im Sommer 2026 folgt mit „The Living Archives“ ein eigenes Archiv-Festival, das sich der Bewahrung performativer Kunst widmet und innovative Konzepte für ein lebendiges Archiv vorstellt. Für Lehmann ist das die logische Konsequenz ihres Kunstbegriffs: „Ob große Bühne oder XR-Lab: Es geht meist um kollektive künstlerische Prozesse. Im Theater entwickelt ein Team gemeinsam eine Inszenierung, im XR-Lab entstehen Projekte aus der Zusammenarbeit vieler Disziplinen – die Komplexität kann längst nicht mehr von Einzelnen getragen werden. In unserem Institut (IXA) beschäftigen wir uns seit Jahren mit Systemen und der Entstehung künstlerischer Formen in einer Art erweitertem Labor zwischen Kunst und Forschung. Die „Living Archive“-Ansätze reihen sich für mich in diese Untersuchungen insofern ein, als dass sich neue Perspektiven auf Archive, deren kreative Nutzung und die Frage was Archive heute sein können, ergeben. Die Erfahrungen aus der Theaterarbeit fließen in die XR-Projekte ein, während neue Technologien wiederum die klassische Inszenierung nachhaltig können.“
Das Lab steht ab Oktober den Studierenden des neuen Masterstudiums „Immersive Arts & Digital Narratives“ zur Verfügung. Auf die Frage ob eher als Forschungsstandort oder Spielplatz für Experimente verweist Lehmann auf den Kulturanthropologen David Graeber, der das freie, kreative Spielen als zutiefst menschlichen, anarchistischen Akt ohne utilitaristisches Ziel beschrieb wodurch natürlich auch neue Ideen entstehen können: „Es ist beides – ein Experimentierlabor auch innerhalb des Studiums. Die Erkenntnisse wollen wir analysieren und wiederum nutzbar machen. Es geht um das (Er-)Forschen.“ Dieser Ansatz ist auch der Kern des Festivals aeines Artist-in-Residency-Programms: Aus über 150 Bewerbungen aus 39 Ländern wählte eine Fachjury transdisziplinäre Kollektive bzw. künstlerische Projekte aus, die ein Produktionsbudget von bis zu 40.000 Euro erhielten, um dedizierte Multi-User-Performances zu entwickeln.
Performances der aktuellen AIRs sind im Rahmen des Eröffnungsfestivals „Staging Realities“ Ende September zu sehen, wenn das Lab erstmals seine Pforten für die Öffentlichkeit öffnet und durch eine Partnerschaft mit der Schmiede Hallein zudem Verbindungen mit der freien Medienkunst-Szene knüpft. Neben den AIR-Performances wartet das Festival mit einem dichten Programm aus Symposien, einem Smartphone-Orchestra und einem Hackathon, Konzerten, Diskussionspanels und Filmscreenings auf, inklusive einer eigenen Bar. Das Festivalmotto „Die Zukunft ist immer jetzt“ versteht Claudia Lehmann als philosophischen Auftrag, sich nicht in technologischen Heilsversprechen zu verlieren, sondern die Gegenwart gestaltend in die Hand zu nehmen. „Wenn Zukunft also etwas ist, das wir ständig imaginieren, dann wird sie letztlich im Jetzt entschieden; durch die Art und Weise, wie wir handeln, reflektieren und Verantwortung übernehmen.“
(Ersterschienen in den Uni-Nachrichten / Salzburger Nachrichten am 6.6.2026)