Wie verlief euer künstlerischer Weg – und wann wurde euch klar, dass ihr Szenografie bzw. Komposition studieren wollt? Gab es prägende Erlebnisse oder Begegnungen, die euch auf diesen Weg gebracht haben?
Laura: Ich war am Musischen Gymnasium in Salzburg mit Schwerpunkt Musik und bin nach meinem Studienabschluss in Recht & Wirtschaft über Umwege zur Szenografie gekommen.
Vid: Ich habe als Cellist begonnen, mich hat jedoch immer viel mehr als nur das Üben eines Instruments interessiert – alle Instrumente, Orchester, Gesang… Nach meinem Abschluss im Fach Cello am Konservatorium für Musik und Ballett Ljubljana bin ich nach Salzburg übersiedelt, um Komposition zu studieren. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich mich als Komponist viel tiefer ausdrücken kann, auch wenn ich nicht selbst aktiv auf der Bühne bin. Mich fasziniert es, aus dem Nichts etwas zu erschaffen – besonders in der Oper, wo ich ganze Welten gestalten darf. Es gab kein einzelnes prägendes Erlebnis, vielmehr waren es verschiedene Begegnungen mit der Musik (und auch anderen Kunstformen), die mich auf diesen Weg geführt haben.
Ihr beschäftigt euch seit vielen Monaten intensiv mit dem Agamemnon-Mythos. Wie seid ihr an diesen Stoff herangegangen – und was hat euch daran besonders fasziniert?
Laura: Ich schreibe parallel meine Diplomarbeit zu Christa Wolf’s Kassandra. Mich haben daher besonders die inhaltlichen Überschneidungen sowie Unterschiede der rein männlich geprägten griechischen und später römischen Tragödie gegenüber der modernen weiblichen Erzählung interessiert. Sowohl bei Seneca als auch bei Christa Wolf geht es um den Trojanischen Krieg, seine Vorgeschichte, die Heimkehr des siegreichen Griechenfürsten Agamemnon nach Mykene und die Verschleppung der Troerinnen, unter ihnen die Seherin Kassandra. Der Mythos kennt nicht eine Wahrheit, nur Versionen, die immer im Spannungsfeld ihrer Entstehungszeit und unserer heutigen Deutung stehen. Das macht Figuren wie Kassandra, Klytaimnestra oder Agamemnon so vielschichtig und zeitlos.
Vid: Als ich nach einem Stoff für meine neue Oper gesucht habe, wünschte ich mir etwas Mystisches und Dramatisches. Alexander von Pfeil, der Regisseur der Produktion, hat mir daraufhin Seneca und seine Dramen vorgestellt – und es hat sofort „Klick“ gemacht, meine Entscheidung fiel auf „Agamemnon“. Ich war zunächst etwas zögerlich, weil es bereits großartige musikalische Umsetzungen dieses Stoffes gibt, und ich musste mir darüber klarwerden, dass ich mich von diesen lösen muss. Die Entscheidung für die lateinische Sprache hat diese Abgrenzung unterstützt. Letztlich musste ich mich aber auch von Senecas konkreten Ideen und seiner Philosophie ein Stück weit lösen und herausfinden, was ich selbst aus seinem Text entwickeln kann. Mir ist es wichtig, dass sowohl die Mitwirkenden als auch das Publikum offen an die Musik sowie an die szenische Umsetzung herangehen. Senecas „Agamemnon“ ist ein reicher, poetischer und hochdramatischer Text. Hinter dieser mythologischen Erzählung steht eine universelle Geschichte, deren Themen sich in jede Zeit übertragen lassen. Erstaunlich und beängstigend ist, wie aktuell dieses alte Drama heute ist. Auch der Aufbau des Stückes hat mich fasziniert: fünf Akte, Figuren, die sehr spät auftreten, oder solche, die für längere Zeit verschwinden und dann wiederkehren, wenn man sie schon fast vergessen hat. Besonders schön finde ich, dass alle Figuren ihre eigenen tiefen Momente bekommen. Und das Verrückteste: Die kleinste Rolle ist ausgerechnet Agamemnon selbst! Ein Tyrann braucht nicht mehr als drei Minuten Musik...