Agamemnon – Ein Tyrann mit nur drei Minuten Musik

08.06.2026
Interview
© Vid Ožbolt

Das Department Oper und Musiktheater der Universität Mozarteum Salzburg feiert am 23. Juni die Uraufführung von Agamemnon (Musikalische Leitung: Gernot Sahler, Regie: Alexander von Pfeil). Das Auftragswerk stammt aus der Feder des jungen slowenischen Komponisten Vid Ožbolt, der aktuell in der Kompositionsklasse von Sarah Nemtsov studiert. Im gemeinsamen Gespräch mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Laura Trilsam, Studierende am Department für Szenografie, werfen wir einen Blick hinter die Kulissen und auf den Entstehungsprozess der Produktion.

Wie verlief euer künstlerischer Weg – und wann wurde euch klar, dass ihr Szenografie bzw. Komposition studieren wollt? Gab es prägende Erlebnisse oder Begegnungen, die euch auf diesen Weg gebracht haben?

Laura: Ich war am Musischen Gymnasium in Salzburg mit Schwerpunkt Musik und bin nach meinem Studienabschluss in Recht & Wirtschaft über Umwege zur Szenografie gekommen.

Vid: Ich habe als Cellist begonnen, mich hat jedoch immer viel mehr als nur das Üben eines Instruments interessiert – alle Instrumente, Orchester, Gesang… Nach meinem Abschluss im Fach Cello am Konservatorium für Musik und Ballett Ljubljana bin ich nach Salzburg übersiedelt, um Komposition zu studieren. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich mich als Komponist viel tiefer ausdrücken kann, auch wenn ich nicht selbst aktiv auf der Bühne bin. Mich fasziniert es, aus dem Nichts etwas zu erschaffen – besonders in der Oper, wo ich ganze Welten gestalten darf. Es gab kein einzelnes prägendes Erlebnis, vielmehr waren es verschiedene Begegnungen mit der Musik (und auch anderen Kunstformen), die mich auf diesen Weg geführt haben.

Ihr beschäftigt euch seit vielen Monaten intensiv mit dem Agamemnon-Mythos. Wie seid ihr an diesen Stoff herangegangen – und was hat euch daran besonders fasziniert?

Laura: Ich schreibe parallel meine Diplomarbeit zu Christa Wolf’s Kassandra. Mich haben daher besonders die inhaltlichen Überschneidungen sowie Unterschiede der rein männlich geprägten griechischen und später römischen Tragödie gegenüber der modernen weiblichen Erzählung interessiert. Sowohl bei Seneca als auch bei Christa Wolf geht es um den Trojanischen Krieg, seine Vorgeschichte, die Heimkehr des siegreichen Griechenfürsten Agamemnon nach Mykene und die Verschleppung der Troerinnen, unter ihnen die Seherin Kassandra. Der Mythos kennt nicht eine Wahrheit, nur Versionen, die immer im Spannungsfeld ihrer Entstehungszeit und unserer heutigen Deutung stehen. Das macht Figuren wie Kassandra, Klytaimnestra oder Agamemnon so vielschichtig und zeitlos.   

Vid: Als ich nach einem Stoff für meine neue Oper gesucht habe, wünschte ich mir etwas Mystisches und Dramatisches. Alexander von Pfeil, der Regisseur der Produktion, hat mir daraufhin Seneca und seine Dramen vorgestellt – und es hat sofort „Klick“ gemacht, meine Entscheidung fiel auf „Agamemnon“. Ich war zunächst etwas zögerlich, weil es bereits großartige musikalische Umsetzungen dieses Stoffes gibt, und ich musste mir darüber klarwerden, dass ich mich von diesen lösen muss. Die Entscheidung für die lateinische Sprache hat diese Abgrenzung unterstützt. Letztlich musste ich mich aber auch von Senecas konkreten Ideen und seiner Philosophie ein Stück weit lösen und herausfinden, was ich selbst aus seinem Text entwickeln kann. Mir ist es wichtig, dass sowohl die Mitwirkenden als auch das Publikum offen an die Musik sowie an die szenische Umsetzung herangehen. Senecas „Agamemnon“ ist ein reicher, poetischer und hochdramatischer Text. Hinter dieser mythologischen Erzählung steht eine universelle Geschichte, deren Themen sich in jede Zeit übertragen lassen. Erstaunlich und beängstigend ist, wie aktuell dieses alte Drama heute ist. Auch der Aufbau des Stückes hat mich fasziniert: fünf Akte, Figuren, die sehr spät auftreten, oder solche, die für längere Zeit verschwinden und dann wiederkehren, wenn man sie schon fast vergessen hat. Besonders schön finde ich, dass alle Figuren ihre eigenen tiefen Momente bekommen. Und das Verrückteste: Die kleinste Rolle ist ausgerechnet Agamemnon selbst! Ein Tyrann braucht nicht mehr als drei Minuten Musik...

© Petra Draškovič Pelc

 


Eine abendfüllende Oper zu komponieren ist eine Mammutaufgabe: Seit wann arbeitest du an diesem Werk – und wie sah der Weg von den ersten musikalischen Ideen bis zum Status Quo aus?

Vid: Die Arbeit begann im Frühling 2024 mit der Erstellung des Librettos, das wir während des Kompositionsprozesses immer wieder anpassen mussten. Ich musste die lateinische Sprache zunächst kennenlernen, darauf folgte die Auswahl der Gesangs- und Orchesterbesetzung. Im Sommer 2024 habe ich mit der eigentlichen Komposition begonnen, und arbeite nun zwei Jahre später nach wie vor an der Fertigstellung. Der Schreibprozess selbst war nicht fließend. Viele Szenen sind groß angelegt und verlangen nach weiten musikalischen Bögen – etwa gleich zu Beginn mit dem Sonnenaufgang und dem Monolog für den Countertenor. Ich musste viel planen, zwischen Szenen hin- und herspringen. Gleichzeitig hat mich der Stoff immer motiviert, alle Parameter von Harmonie, Rhythmus und Klangfarbe neu zu befragen. Der archaische Stoff hat sich stark in meiner harmonischen Sprache niedergeschlagen. Ich wollte die Musik in einer Nische finden: Sie soll düster, aber nicht farblos sein – sie hat oft etwas Goldenes, Mystisches, „Ritualhaftes“ und sogar Festliches. Das hat auch einen Zusammenhang mit der Orchesterbesetzung: Neben vielen Schlaginstrumenten spielen mit Gitarre, Harfe und Cembalo auch drei solistische Instrumente eine wichtige Rolle spielen.

Die Oper basiert auf Senecas Originaltext. Ein Musiktheaterwerk in lateinischer Sprache ist ungewöhnlich. In einem früheren Statement zu deinem Werk sagtest du, dass die lateinische Sprache im Kontext der Oper nicht mehr als Kommunikationsmittel, sondern als musikalisches Mittel verwendet wird. Was bedeutet das konkret für deine Komposition?

Vid: Das Thema Sprache und Musik fasziniert mich und ich finde es wichtig, in welcher Sprache ich die Musik komponiere. Ich komme aus Slowenien, dessen Sprache nur wenige Menschen verstehen oder singen können. Daher bin ich es gewöhnt, mich ein Stück weit anzupassen. Ich habe mich also entschieden, die Sprache „zu komponieren“, die dem Stoff am besten entspricht. Außerdem finde ich es sehr spannend, eine Person auf die Bühne zu stellen, die in einer toten Sprache singt, die kaum jemand versteht. Mit Musik kann das funktionieren! Durch die Sprache betreten wir eine unbekannte, entfernte, uralte Welt, die wir im Verlauf der Zeit immer mehr zu verstehen beginnen – und letztlich kann die Loslösung vom Wort dabei sogar helfen. Das bedeutet nicht, dass die Bedeutung der einzelnen Wörter für mich unwichtig ist; ich analysiere die Sprache jedoch nicht obsessiv. An erster Stelle steht die Musik, an die sich die Sprache mitunter auch anpassen muss. 

© David Trilsam

   


Laura, deine ersten Bühnenentwürfe sind entstanden, als die Musik noch gar nicht fertig war. Welche besonderen Herausforderungen bringt eine Uraufführung mit sich, wenn man sich nicht an einer bestehenden Partitur oder Aufnahme orientieren kann?

Laura: Die Musik ist für das Entwerfen von Raum und Kostüm eine große Inspirationsquelle, weil ich dabei gerne zuerst meiner Intuition folge, bevor sich konkrete Fragen an den Inhalt und die Ästhetik stellen. In diesem Fall konnte ich mich nur am Libretto orientieren und im Austausch mit Vid über seine Komposition und unser gemeinsames Interesse an dem antiken Stoff ein Gefühl für Atmosphären entwickeln. 

Was ist dir in deinen Bühnen- und Kostümbildern grundsätzlich besonders wichtig? Welche gestalterischen Ideen oder Materialien prägen speziell dein Bühnenbild für „Agamemnon“?

Laura: Mich interessiert vor allem die Beziehung zwischen Raum, Sänger*in und Rezipient*in. Wenn ich einen Raum entwerfe, frage ich mich: Wo und wie gibt es Begegnung zwischen den Spieler*innen untereinander, wie entstehen Distanz, Druck oder Leere, wie beeinflusst der Raum die Dynamik und schafft eine Verbindung zum Publikum? Beim Raumentwurf für „Agamemnon“ hat mich das Erstarren im immer wiederkehrenden Kreislauf aus Aufbau und Zerstörung beschäftigt: Die Protagonistinnen und Protagonisten sind gefangen, erstarrt in ihrer Unfähigkeit, sich aus der fortschreibenden Gewaltspirale zu befreien. Ich wollte einen Raum schaffen, der das Monument dekonstruiert und die ihm zugrundeliegenden Macht- und Hierarchiesysteme entlarvt und so die Frage nach Zwangsläufigkeit und Sinnlosigkeit stellt. Wie fragil ist das Gerüst unserer Zivilisation, das immer wieder neu auf den Ruinen des Alten erbaut und dadurch legitimiert wird und wo gibt es Möglichkeiten, das gewaltsame Erbe zu durchbrechen, Räume zu überschreiben und Geschichten neu zu erzählen?  

Krieg, Macht, entfesselte Gewalt und die Abgründe der menschlichen Seele sind die zentralen Themen der Oper und aktueller denn je. Welche Rolle spielt für dich die Frage nach heutigen gesellschaftlichen Parallelen zu Senecas Sicht auf die Welt vor über 2000 Jahren?

Laura: Die Parallelen sind erschreckend und man fragt sich: Warum finden wir keinen Ausweg? Gleichzeitig stellt sich die Frage, inwieweit die Geschichten, die wir erzählen und über die Jahrhunderte hinweg erzählt haben, unsere Sichtweise und unseren Umgang mit Krieg und Gewalt prägen und welche künstlerische Übersetzung es geben kann, um das Bewusstsein dafür zu schärfen und Gegenentwürfe zu schaffen. „Das Epos, aus den Kämpfen um das Patriarchat entstanden, wird durch seine Struktur auch ein Instrument zu seiner Herausbildung und Befestigung“ (Christa Wolf; Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra, S. 200.)

Vid, wenn du an die Entstehung dieser Oper zurückdenkst: Was war der schwierigste Moment – und welcher der glücklichste?

Vid: Über einen so langen Zeitraum am selben Stück zu arbeiten, ist für mich das Schwierigste daran – und zugleich kann es auch sehr schön sein. Es ist etwas Besonderes, die Ruhe und Geduld zu finden, sich intensiv in ein Werk zu vertiefen. Im Studium ist das aber oft schwer zu schaffen – man ist ständig mit Kritik und neuen Einflüssen konfrontiert; man ist noch unerfahren und lernt ununterbrochen. Wenn man in ein so großes Stück (zu) sehr involviert ist, fällt es schwer, mit Kritik umzugehen. Dazu kommt der inhaltlich furchtbare „Agamemnon“-Stoff selbst, von dem man mental stark beeinflusst wird. Es gab Momente, in denen ich dachte, keine Musik zu den unzähligen Gräueltaten mehr erfinden zu können und wünschte mir etwas Positiveres. Plötzlich tauchten dann im Text fast lustige Momente auf, die nach etwas Schnellem, Wildem verlangten – manchmal war es wirklich zum Verrücktwerden! 

Der glücklichste Moment bisher war, als ich die Sängerinnen und Sänger meine Musik zum ersten Mal singen hörte. Das eigentliche Glück liegt aber darin, mein Werk so zu akzeptieren, wie es ist, und zu wissen, dass ich mein Bestes gegeben habe. Eine Oper kann einfach nie perfekt sein.

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