Zum ersten Mal in der Geschichte musizieren Instrumentalist:innen und Sänger:innen aus ganz Europa gemeinsam in Echtzeit an unterschiedlichen Standorten – in einem synchronen Live-Konzert, initiiert von den Dresdner Sinfonikern, die schon früh Multimediaelemente in ihren Konzertprojekten einsetzten. Möglich soll dies durch ein von Alexander Carôt von der Hochschule Anhalt entwickeltes System werden, das Audio- und Videosignale in Echtzeit überträgt. Eine zentrale Herausforderung bleibt die unvermeidbare Latenz: Selbst bei modernster Infrastruktur entstehen Verzögerungen von rund 35 Millisekunden. Im Rahmen des Projektes soll gemeinsam untersucht werden, wie dieses „Remote-Musizieren“ technisch präzise umgesetzt und zugleich künstlerisch mitgestaltet werden kann.
Die Universität Mozarteum Salzburg ist unter der Projektleitung von Heike Henning (Musikpädagogik Innsbruck) eine der zentralen Projektpartner:innen des Vorhabens. Mit dem Mozarteum Lab Choir beteiligt sich die Universität aktiv an der Europasinfonie und bringt als eines von zwölf europäischen Ensembles sowohl künstlerische Qualität als auch wissenschaftliche Expertise in das Projekt ein: Wesentliche Pionierarbeit im Bereich vernetztes Musizieren wurde bereits im Erasmus+-Projekt „Choir@Home“ (2022–2024) geleistet; Heike Henning, Alexander Carôt und Janine Hacker (Universität Liechtenstein) erforschten dabei, wie gemeinsames Singen über Distanz – also „remote“ – funktionieren kann. Das Projekt konnte alle gesteckten Ziele erreichen – viele davon sogar übertreffen. So entstand eine umfassende Wissensbasis über geeignete digitale Werkzeuge, es wurden praxisnahe Leitfäden für Chorleitende und Chöre entwickelt, und mit den durchgeführten Online-Proben konnte der Nachweis erbracht werden, dass gemeinsames Singen auch digital lebendig und sozial verbindend sein kann. Die dort generierten, wertvollen Erkenntnisse bilden nun das Fundament für die Umsetzung der Europasinfonie.
Die Uraufführung der Europasinfonie ist für den 18. Juni 2027 in der Messe Dresden angesetzt, von wo aus das Konzertereignis simultan und in Echtzeit an die jeweiligen Heimatstandorte der zwölf beteiligten Projektpartner:innen übertragen wird. Das visuelle und akustische Herzstück vor Ort bilden 62 Streicher der Dresdner Sinfoniker, die physisch in Dresden auf der Bühne stehen. Die anderen Instrumentengruppen und Chöre werden zeitgleich quer über den gesamten europäischen Kontinent in Echtzeit nach Dresden übertragen, wo sie lebensgroß auf LED-Screens neben dem Streichorchester auf der Bühne erscheinen.
Dieses grenzüberschreitende Klangnetzwerk setzt sich aus hochkarätigen Beiträgen zusammen: Während das Estnische Nationalsinfonieorchester die tiefen Blechbläser mit Tuba und Posaunen stellt, erklingen die Flöten beim Orchestra Sinfonica di Milano in Italien, aus Serbien werden die Trompeten des No Borders Orchestra digital eingeflochten, und die Klarinettenstimmen stammen vom Athens State Orchestra aus Griechenland. Für das Schlagwerk sorgt das Brussels Philharmonic aus Belgien. Die gesangliche Dimension wird maßgeblich durch Chorensembles getragen, welche die Universität Mozarteum und die Tschechische Philharmonie in das Projekt einbringen. Das Orquesta Sinfónica de Madrid steuert die Fagotte bei, der Pannon Philharmonic aus Ungarn besetzt die Hörner, der polnischen Sinfonia Varsovia die Oboen, die Birmingham Contemporary Music Group ist für Klavier, Celesta und Harfe verantwortlich. Ein monumentales, musikalische großes Ganzes – trotz einer geografischen Distanz von teilweise bis zu 2.200 Kilometern. So entsteht ein innovatives Orchester, das nicht mehr an einem einzigen Ort existiert, sondern sich als digitales, europaweit verteiltes Klanggefüge manifestiert.
Ein großer Teil dieses innovativen Projekts besteht zudem aus einem internationalen Kompositionswettbewerb, Einreichungen für die Uraufführung 2027 sind noch bis 31. Juli 2026 möglich. Gesucht werden Werke, die sich künstlerisch mit den besonderen Bedingungen einer verteilten Echtzeit-Aufführung auseinandersetzen und die das Musizieren über Distanz von Grund auf mitdenken. Der Wettbewerb steht für Einreichungen in den Kategorien Orchesterwerk (besetzt für großes Sinfonieorchester) sowie Orchesterwerk mit Chor (besetzt für großes Sinfonieorchester und Chor) offen, wobei Komponist:innen einen Auszug pro Kategorie einreichen und sich in einer oder auch in beiden Kategorien beteiligen können. Drei Werke werden ausgewählt, jedes davon wird mit einem Honorar von 14.000 € prämiert.
Vor dem Hintergrund eines Europas, das unter Druck steht, steht die Europasinfonie für einen Kontinent und für das europäische Ideal der Partnerschaft. Das Projekt ist auch als Aufruf zum ständigen Dialog unter allen Europäer:innen und als Beweis für die europäische Verbundenheit – technologisch, künstlerisch und kulturell – zu verstehen: Es verknüpft europaweit künstlerische Innovation mit technologischer sowie musikpädagogischer Forschung und zeigt, wie remote organisierte Zusammenarbeit neue Perspektiven für das gemeinsame Musizieren über Distanz eröffnet. Geplant ist der Aufbau einer digitalen Plattform mit permanenten „Remote Studios“ in ganz Europa. Musiker:innen, Orchester und Komponist:innen können grenzüberschreitend proben, aufnehmen und produzieren – ohne Reiseaufwand, umweltschonend und offen für experimentelle Projekte, die im klassischen Konzertbetrieb kaum Chancen hätten.