Auf der Jagd nach unerhörten Klangwelten

© Michael Klimt

Der musikalische Leiter Kai Röhrig und die Flötistin Leona Rajakowitsch, Gründungsmitglieder des neu formierten Ensembles für zeitgenössische Musik an der Universität Mozarteum, sowie die Komponistin Anna Skladannaya reflektieren nach ihrem ersten Konzert Ende Mai Potenziale und Stellenwert der neuen Musik – mit Ausblick auf mehr.

Das eigene Werk gemeinsam mit Musiker:innen zu erarbeiten, es in Proben wachsen zu sehen und schließlich erstmals „live“ aufzuführen, stellt nicht nur für Kompositionsstudierende eines der Highlights der universitären Ausbildung dar. Für alle Mitwirkenden ist der Schaffungsprozess, ein neues Werk oder gänzlich neue Musik zum Leben zu erwecken, ein besonderer, er stellt auf allen Ebenen einen intensiven Dialog dar und setzt ein grundlegendes gemeinsames Verständnis voraus. Zeitgenössische oder neue Musik lebt daher besonders von ihrer Vermittlung und den Ensembles, die sich ihr vollkommen widmen. In Salzburg gibt es erfreulich viele Beispiele für Ensembles, die aus bzw. aus dem Umfeld der Universität Mozarteum kommen: das œnm . œsterreichisches ensemble für neue musik, das Ensemble acrobat oder das NAMES ensemble belegen, dass es immer wieder nachhaltige und erfolgreiche Initiativen im universitären Kontext gab und sich diese Tradition mit dem kürzlich neu formierten Ensemble für zeitgenössische Musik fortsetzt.

Letzteres versteht sich langfristig als Plattform zur Erprobung neuer Ideen und möchte gleichzeitig das Verständnis und die Wertschätzung zeitgenössischer Musik beim Publikum fördern. Aus gutem Anlass, wie der musikalische Leiter, Kai Röhrig, konstatiert: „Der Stellenwert von zeitgenössischer Musik innerhalb der sogenannten ‚Klassikbranche‘ und innerhalb der Ausbildung ist ein sehr komplexes Thema. Ich bin inzwischen seit dreißig Jahren an der Universität Mozarteum und habe in all der Zeit stets eine sehr ernsthafte und intensive Auseinandersetzung mit Neuer / neuer Musik erlebt. Unsere renommierten Kompositionslehrenden (in der Vergangenheit wie in der Gegenwart) sowie die vielen erfolgreichen Absolvent:innen belegen dies nachdrücklich. Dennoch muss die Neue Musik fortwährend um Sichtbarkeit und Wahrnehmung kämpfen. Große Wettbewerbe gewinnt man mit Standard-Repertoire und Veranstalter wünschen sich vorrangig Werke aus dem klassischen Kanon.

Röhrig, der im Department für Oper & Musiktheater beheimatet ist, nimmt aber in vielen Bereichen auch eine Aufbruchstimmung wahr: Das Institut für Neue Musik ist mit seinem Studio für Elektronische Musik fest am Mozarteum verankert, das Internationale Masterstudium Neue Musik (Bern – Dresden – Salzburg) entwickelt sich kontinuierlich weiter und Festivals sowie Kooperationen fördern zusätzlich die Vernetzung innerhalb der Musikszene. Auch viele der neuen Lehrenden setzen Schwerpunkte mit zeitgenössischen Repertoires, so auch Röhrig selbst im Operndepartment: „Heutzutage kommen meine Master-Studierenden in der Opernklasse während ihrer Zeit bei uns nicht um die zeitgenössische Musik herum. Gemeinsam mit meiner Kollegin, der Regisseurin Florentine Klepper, sind wir nachdrücklich daran interessiert, im Bereich des Musiktheaters nach vorne zu schauen und auch unsere Studierenden zu ermutigen, über den Tellerrand hinaus zu blicken.“ Diese Aufbruchstimmung ist auch bei den neuen Ensemblemitgliedern deutlich zu spüren, die Gründungsphase ist geprägt von Elan und Begeisterung: „Sehr schön wäre es, wenn wir dieses Engagement beibehalten könnten und sich unsere musikalische Kooperation durch die regelmäßige Zusammenarbeit noch stärker intensiviert. Ein starkes Ensemble zeichnet sich nicht zuletzt durch jahrelanges ‚Zusammenwachsen‘ aus. Ich hoffe auf ein langes Fortbestehen unseres Ensembles und eine Vielzahl an innovativen Projekten! Was ich bis jetzt erleben durfte, war vielversprechend“, freut sich Flötistin Leona Rajakowitsch.

Die Auswahl der Gründungsmitglieder des Ensembles war „denkbar einfach“, lacht Kai Röhrig. Acht Studierende wurden gefragt, alle haben sofort zugesagt, die Neugier ist definitiv bei allen Beteiligten groß. Im Fokus steht die Vernetzung innerhalb des Hauses, das Fördern der Zusammenarbeit und des Austauschs zwischen komponierenden und musizierenden Studierenden. Dazu Röhrig: „Hier sehe ich als Lehrender einen Teil meiner Aufgabe. Neben der Aufführung der neuen Werke versuchen wir, eine wichtige Erfahrung zu vermitteln: Lasst euch aufeinander ein und lernt voneinander!

Die Bereicherung der eigenen künstlerischen Arbeit, die Schärfung des Blickes auf klassische Partituren und die Entdeckerlust, die Suche nach Talenten und die Jagd nach neuen unerhörten Klangwelten und spannenden kompositorischen Ideen stehen bei den jungen Musiker:innen und Komponist:innen des Ensembles für zeitgenössische Musik im Vordergrund, so Anna Skladannaya: „Für uns Komponist:innen, die am Anfang ihres Weges stehen, bietet die Uni mit der Gründung dieses Ensembles eine Möglichkeit, unsere Werke von Beginn an live zu erleben. Ich vergleiche den Kompositionsprozess gerne mit dem Malen mit verbundenen Augen: Man weiß genau, welche Farben man auf der Palette zur Verfügung hat und hat eine klare Vorstellung vom Ergebnis. Aber auf welche Art und Weise das Werk in den Händen der Musiker:innen entsteht, wie es mit der Raumakustik kommuniziert und welchen Nachgang es bei den Zuhörer:innen hinterlässt, ist nur in dieser Zusammenarbeit erlebbar.“ Leona Rajakowitsch ergänzt: „Es ist für mich als Gründungsmitglied wunderbar, mich auf einen Nukleus aus vertrauten Klängen um mich herum verlassen zu können. Ich darf mit meinen Kolleg:innen über einen langen Zeitraum gemeinsam ein Klangideal formen, und habe dabei die Möglichkeit, die musikalische Persönlichkeit aller Beteiligten noch besser kennenzulernen. Für mich ähnelt der Prozess der Kreation eines Gerichtes; angefangen bei der Konzeption bis hin zum fertigen Anrichten. Wir sind viele Köche, allesamt Meister:innen in ihrem Gebiet, die ihr Instrument perfekt beherrschen, neugierig auf neue Herausforderungen. Und Kai ist unser Chefkoch. Das Beste daran: Wir stehen alle gemeinsam in der Küche! Letztendlich präsentieren wir unter der Servierhaube ein komplexes Gericht aus Inspiration, künstlerischer Fertigkeit und fruchtbarer Kollaboration höchster Qualität. Worauf ich mich also am meisten freue? Aufs gemeinsame ‚kochen‘!

Nach dem Gründungskonzert stehen bereits weitere Termine fest: Das Ensemble für zeitgenössische Musik wird am 22. und 25. Juni zwei Diplomkonzerte spielen, mit Uraufführungen von Seungju Noh, Mikyoung Lee und Veit Vergara, die im Rahmen dieser Konzerte ihr Masterstudium Komposition abschließen. Solche Konzerte werden auch in Zukunft Fixpunkte im Konzertplan des Ensembles sein, zudem stehen regelmäßige Ensemblekonzerte und auch schon Anfragen für Kooperationen im Raum. Anna Skladannaya blickt bereits mit Vorfreude auf die nächsten Projekte: „Ich freue mich besonders, meinem Werk ‚Luzider Traum‘ beim Erwachen zusehen zu dürfen, auf die Proben mit tollen Musiker:innen und auf die Möglichkeit, bei der Uraufführung dabei zu sein. Ich will so viele Menschen wie möglich für Musik und besonders für das Komponieren begeistern! Es gibt so viele Konflikte auf der Welt – meiner Meinung nach nicht zuletzt deshalb, weil viele Menschen einander nicht mehr zuhören, anstatt die innere Energie in Kunst und Liebe umzuwandeln.

Der eigene Anspruch und die Musik, der das Ensemble Leben geben will, ist im wahrsten Sinn des Wortes „neu“, darin liegt für die Beteiligten der große Reiz: Jede Uraufführung ist eine Herausforderung und in ihrer Bewältigung liegt der Lerneffekt. „Für die sängerische und künstlerische Persönlichkeit sind gerade solche Uraufführungen nachhaltig prägende Erfahrungen. Es gibt hier keinerlei Rollenvorbilder, sondern man kreiert etwas ganz Neues, macht es sozusagen zu seiner Sache“, schließt Kai Röhrig – wir wünschen viel Freude beim Entdecken!

 

(Ersterschienen in den Uni-Nachrichten / Salzburger Nachrichten am 8. Juni 2024)

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