Per Artistic Research durch die Galaxis

03.06.2021
Interview
Lucia D'Errico

Die italienische Musikerin, Grafikdesignerin und Videokünstlerin Lucia D’Errico hat im April eine der ersten zwei Professuren für Artistic Research an der Universität Mozarteum angetreten. Ein Gespräch über das Glück, das ihr die künstlerische Forschung beschert.

Lucia D’Errico, Sie haben klassische Gitarre am Conservatorio Benedetto Marcello und Englische Literatur an der Università Ca’ Foscari in Venedig studiert. Wann haben Sie begonnen, sich für künstlerische Forschung zu interessieren?

Lucia D’Errico: Tatsächlich war mein Eintauchen in die Welt der künstlerischen Forschung ein Zufall. Auf der Suche nach einer festen Anstellung bin ich 2014 auf eine Ausschreibung am Genfer Orpheus Institut gestoßen, die mich sofort begeisterte. Denn es sah ganz danach aus, als könnten die Stelle und das Institut, eines der führenden Zentren für künstlerische Forschung in Europa, eine breites Spektrum an Interessen bündeln und katalysieren, das in meinem Leben als Musikerin keinen Platz hatte. Auch weil dieses Leben stark vom Markt und von Erwartungen reguliert wurde, die ich persönlich als einschränkend empfunden habe. In Genf wurde mir dann schnell bewusst, dass Artistic Research ein Feld ist, in dem ich mich als Künstlerin neu definieren kann, weil dort andere Regeln herrschen. Dieser Job hat mein Leben verändert und war wie eine Art Erleuchtung.

War Ihnen bei Ihrer Ankunft am Orpheus Institut sofort klar, wohin Ihre Reise gehen wird?

Ich hatte Glück, weil meine Dissertation Teil des Projekts „MusicExperiment21“ war und ich von einer starken Community an Forscherinnen und Forschern, aber auch von einer enormen kreativen Energie profitierte, die das Projekt ausstrahlte. Es bot sich ein überwältigendes Feuerwerk an neuen Ideen und Möglichkeiten – und es fühlte sich natürlich an. Was definitiv eine Weile gedauert hat, war herauszufinden, was Artistic Research tatsächlich ist, da das Feld selbst eine klare Definition ablehnt. Das irritiert zu Beginn und kann auch frustrierend sein. Was ich aber sofort mochte, ist, dass Artistic Research ein Verb und kein Nomen* ist. Man muss es tun und es braucht Zeit, man muss dabeibleiben. Und das ist auch gut so. Genau darin liegt nämlich die Chance, die künstlerische Aufmerksamkeit weg vom Endergebnis zu führen. Die Kraft von Artistic Research liegt in der Konzentration auf den Prozess. So haben alle, die diese Welt betreten, sowohl die Chance und als auch die Verantwortung, sie neu zu definieren. Das finde ich absolut spannend und auch revolutionär. Sowohl für die Kunst als auch für die Wissenschaft.

In Ihrer Dissertation „Powers of Divergence. An experimental approach to written music“ stellen Sie die Frage, ob man die originalgetreue Wiedergabe einer Partitur aufgeben kann, ohne dabei das Erbe westlich notierter Kunstmusik aufzugeben. Kann man?

Die Antwort auf die Frage hängt davon ab, was wir unter diesem Erbe verstehen. Wenn wir von der Prämisse ausgehen, dass es sich um ein Erbe im Sinne eines geschlossenen Reservoirs an musealen Objekten handelt, die im Originalzustand erhalten bleiben müssen, dann verschließt diese Vorstellung den Zugang und die Werke werden für immer das bleiben, was sie sind. Wenn wir aber davon ausgehen, dass diese Werke nicht etwas sind, sondern etwas tun und dass sie die Fähigkeit besitzen, auf uns zu wirken oder ob ihrer Verortung in einer bestimmten historischen Zeit mit anderen Zeiten kommunizieren, dann können wir in der Tat etwas mit ihnen tun und mit verschiedenen Möglichkeiten experimentieren. Das Buch und das Projekt wollten eine dieser Möglichkeiten aufzeigen. Das Wichtigste ist meiner Ansicht nach ein Wechsel der Perspektive – weg vom Verschließen hin zur Möglichkeit einer Öffnung. Und vor allem in etwas zu investieren, das für die heutige Zeit relevant ist.

Haben Sie selbst als klassische Musikerin unter der „Musealisierung“ von Musik gelitten?

Es muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass ich für lange Zeit wirklich sehr präzise beim Lesen von Partituren war. Genau das hat vermutlich auch zu meinem Ausbruch geführt, zumindest hat es einen wesentlichen Teil dazu beigetragen. Aber ja, ich habe auch unter einer Unzufriedenheit gelitten, die mit einem Widerspruch einherging. Nämlich dem Widerspruch des vermeintlich freien Interpreten, der in einer vermeintlich offenen Partitur und ihren Informationen festsitzt. Es existiert diese Illusion der Kommunikation zwischen den beiden Seiten, die paradox ist und für mich persönlich irgendwann nicht mehr funktionierte.

Welches Ihrer künstlerischen Forschungsprojekte war für Sie besonders bereichernd?

Ein Projekt, das mir neben meiner Dissertation über divergente Perfomances am meisten Spaß gemacht hat, war „Rasch X“. Es basierte auf Robert Schumanns „Kreisleriana“ op. 16 (1938) und Roland Barthes‘ Essay „Rasch“. Über weitere akustische und visuelle Elemente sowie zahlreiche Texte generierten wir im Rahmen dieses künstlerischen Forschungsprojekts ein Netz an ästhetisch-epistemischen Querverweisen, die dem Publikum zusätzliche Wahrnehmungsebenen eröffnen sollten: die der Musik, die der projizierten und gelesenen Texte, die der Bilder und der Stimmen. Jenseits von Interpretation und Hermeneutik erforschte „Rasch X“ damit eine experimentelle Aufführungspraxis, die von der konventionellen, repetitiven Performance abweicht und über eine unendliche Galaxie von Schichten, Dingen und Objekten – darunter Manuskripte, Editionen, Aufnahmen, aber auch philosophische Texte vertraute künstlerische Objekte in Denkobjekte verwandelt. Und das Stück damit öffnetet. Am Ende haben wir das Klavierstück zwar gespielt, es war aber nur ein Element von vielen. Die Reaktionen des Publikums, das mit künstlerischer Forschung für gewöhnlich nichts am Hut hat, waren erstaunlich.

Welche Bedeutung können die zwei Professuren für die Universität Mozarteum haben?

Artistic Research birgt definitiv ein ungeahntes Entwicklungspotenzial für Künstlerinnen und Künstler, das zumindest gesehen und erkannt werden sollte. Die meisten Künstlerpersönlichkeiten sind ohnehin Forscherinnen und Forscher, da sie selten ohne Kontext arbeiten – ob sozial, politisch oder kulturell. Meistens schreiben sie über ihre Arbeiten. Auch wenn es nur Programmtexte sind, ist das bereits ein Anfang. Auch das ist eine Form von Verbalisierung, die mit einer Reflexion einhergeht und damit eine Art von Forschung ist. Für die Universität Mozarteum wünsche ich mir, dass die Forschung sichtbarer wird, und zwar nicht als etwas, das nur ein paar wenige tun, sondern als große Chance, von der wir als Musikerinnen und Musiker, als Künstler*innen enorm profitieren können.

  • Powers of Divergence. An Experimental Approach to Music Performance, Leuven University Press 2018
  • Artistic Research: Charting a Field in Expansion, erscheint in Kürze bei Rowman & Littlefield International

 

(Ersterschienen in den Uni-Nachrichten / Salzburger Nachrichten am 5. Juni 2021)

 

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