Der Raum dazwischen

14.03.2026
Interview
© Thor Brødreskift

Radio, Relationalität und künstlerische Forschung: Seit Oktober 2025 ist Karen Werner Univ.-Prof.in für Artistic Research am Institut für Open Arts der Universität Mozarteum Salzburg. In ihrer Arbeit mit Radio als relationalem Medium erforscht sie Präsenz, Kommunikation und Ko-Kreation und reflektiert Radio als ästhetischen und politischen Raum.

Was macht das Medium Radio für Sie so interessant?

Karen Werner: Radio ist für mich deshalb so interessant, weil es so greifbar und zugänglich ist. Anders als viele digitale Medien ist es keine „Black Box“ – Menschen verstehen das Medium und können selbst damit arbeiten. Diese materielle, analoge Qualität macht Radio zu einem idealen Raum für relationale Prozesse, die mich in meiner Arbeit besonders interessieren. Über unterschiedliche Signalstärken lassen sich zudem verschiedene Räume erzeugen: Ein schwacher Sender schafft Nähe und Intimität, ein starkes Signal oder ein Livestream wiederum ganz andere Beziehungsformen. Radio ist außerdem fragil – Signale reagieren auf Distanz, Architektur, Atmosphäre. Diese Verletzlichkeit empfinde ich als zutiefst menschlich. Deshalb arbeite ich auch vor allem mit Live-Radio. Im Gegensatz zu Podcasts entsteht hier eine gemeinsame, zeitlich gebundene Erfahrung. Mich interessiert, was wir gemeinsam in Echtzeit hervorbringen.

Ihr Hintergrund verbindet Soziologie, künstlerische Forschung, Radiokunst und Performance. Sind das getrennte Felder?

Für mich sind es unterschiedliche Dialekte einer gemeinsamen Sprache und meine künstlerische Forschung lebt vom Verwischen dieser Grenzen. Radio eignet sich dafür besonders, weil viele Menschen bereits eine Beziehung dazu haben – unabhängig vom Kunstkontext. Mein soziologischer Hintergrund kommt stark aus der Aktionsforschung, also dem Arbeiten in realen Situationen. Diese Herangehensweise ist der künstlerischen Forschung sehr nah.

Sie haben in den USA und in Bergen (Norwegen) gearbeitet, aktuell leben Sie in Salzburg. Wie prägen unterschiedliche Orte Ihr Verständnis von Gemeinschaft und Zuhören?

Ortswechsel schulen das Zuhören. In Norwegen etwa wurde mir geraten, den Begriff „Community“ nicht zu verwenden, da er dort religiös konnotiert ist. In den USA hingegen ist Community Radio eng mit Universitäten oder Aktivismus verbunden. Auch die Infrastruktur spielt eine Rolle: In Norwegen wurde UKW abgeschaltet, Radioarbeit findet dort gewissermaßen in Ruinen statt. In Österreich, besonders im freien Radio, ist das Medium noch sehr lebendig. Diese Unterschiede prägen, was Gemeinschaft im Radio bedeuten kann.

Viele Ihrer Projekte sind partizipativ und zeitlich begrenzt. Was reizt Sie an offenen oder ephemeren Formaten?

Ich arbeite gerne in offenen Prozessen, aber auch immer innerhalb klarer Strukturen. Im Auftrag der Bergen Assembly 2025 sendeten wir z. B. sechzig Abende lang live nächtliche Schlaflieder aus der Bergen Kunsthall über AM-, FM- und Kurzwellenradio – ein Projekt, das mir sehr am Herzen lag. Viele Menschen hörten im Bett zu, manche schliefen dabei ein. Da kaum jemand noch ein Radio besaß, wurden Geräte vom Museum ausgeliehen. Im März 2026 wird dieses Projekt in neuer Form gezeigt – als zehntägiger Livestream der Schlaflieder im Tanzquartier Wien. 

Sie beschreiben Ihre Arbeit als relational statt repräsentational. Was bedeutet das konkret?

Radio ist von Natur aus relational. Signale sind nie stabil, sie stehen in Beziehung mit ihrer Umgebung, mit Störungen, mit dem Kosmos. Mich interessiert genau das – das Rauschen, die Interferenzen, das Unkontrollierbare.
Auch die Rollen von Sender:in und Empfänger:in verschwimmen. Beim Sprechen antizipiere ich bereits die Zuhörenden, werde in Beziehung zu ihnen jemand anderes. Identität erscheint dadurch beweglich und gemeinsam hervorgebracht.

Seit Oktober 2025 sind Sie Professorin am Institut für Open Arts. Welche Rolle möchten Sie dort einnehmen?

Ich möchte keine Professorin sein, die aufhört zu lernen oder vorgibt, alle Antworten zu kennen. Spiel, Neugier und Offenheit sind für mich zentral – in der Kunst wie in der Lehre. Mich interessiert die Zusammenarbeit über Abteilungsgrenzen hinweg und das Zusammenführen von Lehre, Forschung und künstlerischer Praxis. Diese Verflechtung halte ich für entscheidend für die Zukunft künstlerischer Forschung.

Was bedeutet „Offenheit“ im Kontext des Instituts für Open Arts?

Ich glaube, wir finden das als Institut gerade erst heraus. Bestimmt bedeutet es aber, die Rolle von Kunst in der Gesellschaft ernsthaft zu befragen und sich auf soziale und kulturelle Herausforderungen einzulassen. Gleichzeitig geht es darum, disziplinübergreifend zu arbeiten, ohne die eigene Praxis zu verflachen.
Kunst bleibt dabei immer Methode und Kern.

Welche Art des Zuhörens braucht unsere Gegenwart?

Zuhören als Praxis gewinnt zunehmend an Bedeutung. Besonders prägend für mich ist das Konzept des Deep Listening der Komponistin Pauline Oliveros. Dabei geht es um Aufmerksamkeit – für nahe und ferne Klänge und die Räume dazwischen. Zuhören wird zu einer Form von Präsenz. Diese Präsenz ist ein Geschenk, das Kunst kultivieren kann – nach außen wie nach innen, körperlich, psychologisch und spirituell.

Woran würden Sie in fünf Jahren sehen, dass Ihre Arbeit hier etwas bewirkt hat?

Ich stelle mir ein Campus-Radio vor, das Salzburg über seine Grenzen hinaus erreicht, ungewöhnliche Kooperationen ermöglicht und Gemeinschaft und Kollaboration innerhalb der Universität stärkt – ein Ort für experimentelle Kunst, Forschung und Bildung. Und ich hoffe, die PhD-Studierenden in ihrer Entwicklung zu sehen: selbstbewusst, wirksam und sichtbar im Feld der künstlerischen Forschung. Diese gemeinsame Energie wäre für mich das deutlichste Zeichen dafür, dass etwas Wichtiges entstanden ist. Und ich hoffe zu sehen, wie die PhD-Studierenden sowie das gesamte, immer noch sehr junge Institut gemeinsam aufblühen, Dynamik entwickeln und bedeutende Beiträge zum Feld der künstlerischen Forschung leisten.


(Ersterschienen in den Uni-Nachrichten / Salzburger Nachrichten, 14.3.2026)

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