„Ich frage in die Dunkelheit der Ungewissheit hinein“

Elegie für junge Liebende | © Judith Buss

Alexander von Pfeil, Regisseur der bevorstehenden Opernproduktion „Elegie für junge Liebende“ von Hans Werner Henze und Professor für musikdramatische Darstellung, hat sich vorab Gedanken zum Stück und zu seiner Inszenierung gemacht und reflektiert im Interview die großen Themen der Oper.

Elegie für junge Liebende

  • 26., 29. (+ Livestream) & 30.1.2024 um 19:00 Uhr

  • 27.1.2024 um 17:00 Uhr


    Max Schlereth Saal

 

→ Jetzt Tickets sichern!

Hans Werner Henze arbeitete mit bedeutenden Schriftsteller*innen wie u.a. mit Ingeborg Bachmann zusammen, war mit Visconti befreundet, Klaus Kinski spielte die Hauptrolle in seinem Tanzpoem „Der Idiot“ nach Dostojewskij. Er war für das westliche Nachkriegsdeutschland so etwas wie Britten in England nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch Henzes Werke hatten schon früh einen hohen Nimbus, er wurde von Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern aufgeführt. Henze, wie Britten auch, konnte wunderbar für die Stimme komponieren … 

Die Elegie passt stimmtechnisch sehr gut zu unserem Ensemble. Henze ist eine der bedeutendsten Komponisten der Nachkriegszeit bis in unser Jahrtausend hinein. Das Werk entstand in Zusammenarbeit mit W. H. Auden, einem Lyriker, Literaten und Librettisten von Weltrang. Der Anspruch der Werkerschaffer war kein geringerer, als sich in Nachfolge solcher Künstlergespanne wie Mozart–Da Ponte oder Strauss–Hofmannsthal zu sehen. Letzterer, dem das Werk gewidmet ist, erscheint auch als einer der Schriftsteller-Konkurrenten des (fiktiven) „Gregor Mittenhofer“, um den sich in der Elegie alles dreht.

Bernhard Neuhoff befindet allerdings in seiner Radio-Kritik der Elegie am Theater an der Wien (BR vom 3.5.2017) zwar den „betörenden Farben-Zauber der Musik“, moniert hingegen das „verstaubte“ Libretto und vermutet daher, dass das Stück doch eher den Nimbus der „Ausgrabung“ und weniger den des „Meisterwerks“ innehabe. 

Erstaunt war ich, dass bei den ersten Gesprächen und Leseproben mit den Studierenden gar keine Skepsis oder Abneigung gegenüber dem vordergründig „altmodischen“ Libretto spürbar war, ganz im Gegenteil: Alle waren davon fasziniert und neugierig auf eine abgründig-dunkle Geschichte.

Ist denn heutzutage noch so ein „Dichterfürst“ vorstellbar? Der sich mit seiner Mätresse, einem „Leibarzt“ und der auch als Sekretärin fungierenden Gönnerin in einen entlegenen Berggasthof zurückzieht, um dort die Worte einer aus Kummer wahnsinnig gewordenen Witwe abzulauschen, die vierzig Jahre auf die Rückkehr ihres verschollenen Bräutigams wartet? 

Die Autoren erzählen zum einen ein Künstlerdrama: Die Pein des Künstlers im Ringen darum, ein „Werk für die Ewigkeit“ zu erschaffen. Die Krise des Schaffens. Kann man nach Michelangelo noch eine Skulptur dem Stein abringen? Das Hochgebirge der Meisterwerke von Gegenwart und Vergangenheit ist schier unermesslich, kann erdrückend, niederschmetternd sein; das kennt jeder Künstler – ob Musiker, Bildhauer, Maler, Schriftsteller oder Schauspieler. Es gilt, sich immer wieder neu zu beweisen. Die Konkurrenz schläft nicht, und die öffentliche Meinung ist unbarmherzig: Künstler und ihre Werke werden von der Kritik entweder in den Himmel gelobt oder vernichtet.

Das kann den Menschen „vergiften“. Dieser Druck des Künstlers, die Verzweiflung angesichts der Ungenügsamkeit, die Angst vor dem Versagen, ist der Türspalt für das Unlautere: Hier kann das Böse entstehen, hier ist die Möglichkeit für den Handschlag mit dem Teufel.

Auch Gregor Mittenhofer, der Protagonist, scheint einen Pakt eingegangen zu sein. Er will besser sein als die anderen. Die wahnsinnige Witwe in dem Berggasthof scheint so etwas wie der Erfolgsgarant für ihn zu sein. Ihre Rede liefert ihm „beste Literatur“, schon seit vielen Jahren. Mittenhofer sucht die Nähe der Dämonen auf. Und er geht noch weiter, wird – auf geradezu elegante Art – zum Mörder, aus Eifersucht, und: um aus der Mördergrube seines Herzens heraus ein literarisches Juwel zu erschaffen.

Man kann aber auch ganz einfach diese Faust-Problematik – Thomas Mann ist dem Ganzen auch nicht ganz fern – beiseitelassen und sagen: Es geht hier um ein Burn-out-Problem. Das kann jeden von uns treffen.

Wir waren mit dem ganzen Ensemble im Kino, um den gerade preisgekrönten, wirklich aufwühlenden Film „Anatomie eines Falls" mit der faszinierenden Sandra Hüller anzuschauen. Auch ein Schriftsteller-Drama, ebenfalls in den Alpen spielend, auch hier vermischen sich auf ungute Art Leben und Literatur, auch hier scheint ein Mordfall vorzuliegen. Daniel Moersener hat in der Zeit den Film so zusammengefasst: „Ein bedeutendes Kunstwerk zu erschaffen ist im Grunde, wie ein Verbrechen zu begehen und damit durchzukommen“.

Die „Anatomie eines Falls" spielt im Jetzt, das Schreibwerkzeug ist das Macbook. Wie zeitgenössisch wird die Inszenierung der Elegie? Wir bleiben ganz unzeitgemäß bei Füllfederhalter und Schreibmaschine, rücken allerdings ein wenig von der ursprünglich im Libretto vorgesehenen Zeit um 1905 weg hinein in die dreißiger, vierziger Jahre. Ich glaube, dass diese unsägliche, schreckliche Epoche in Deutschland, Österreich und Europa den Nerv des Stückes trifft bzw. die Atmosphäre spiegelt, welche die Autoren bewusst oder unbewusst dazu angetrieben haben.

Wie entwickelt sich Lesart und Interpretation eines Werkes? Gibt es dafür eine künstlerische Technik? Jede Recherche zu einem neuen Werk, mit dem ich mich auseinandersetze, beginnt mit dem Fragenstellen. Dies ist für mich der Ausgangspunkt für jegliche künstlerische Interpretation. Federico Fellini benutzt das Bild des Mordfalls für seine Drehbuchentwicklung: Es ist ein Mord geschehen – und keiner weiß warum. Heiner Müller lässt Ödipus in seinem Ödipuskommentar formulieren: „Er warf seine Fragen ins Dunkle wie Netze.“ So verfahre auch ich. Ich frage in die Dunkelheit der Ungewissheit hinein. Ich gehe nur mit Mutmaßungen in den Probenprozess. Ich befrage Text und Musik, immer und immer wieder, auch mit neuen, immer wieder anderen Fragen. Daraus entsteht der Dialog mit der Darstellerin oder dem Darsteller und dem Dirigenten, in unserem Fall meinem musikalischen Partner Gernot Sahler. Daraus entsteht das Spiel.

Mehr aus dem Department Oper & Musiktheater

  • 1.10.2026
    In memoriam Josef Wallnig 

    Wir trauern um eine der prägendsten Persönlichkeiten unserer Universität und insbesondere des Departments für Oper und Musiktheater. Am 24. September 2026 ist der renommierte Dirigent, leidenschaftliche Pädagoge und emeritierte Universitätsprofessor Josef Wallnig im Alter von 80 Jahren verstorben. Mit ihm verliert die Musikwelt und unsere akademische Gemeinschaft einen weithin geschätzten Botschafter der Musik Wolfgang Amadeus Mozarts.

    In memoriam
  • Opernproduktion L’Hirondelle inattendue / Bella Musica Tournee 2024 | © Sven-Kristian Wolf / Jonas Hoffmann
    11.6.2026
    Bella Musica und LAUT:SPRECHER in den „Atlas der guten Lehre“ aufgenommen 

    Zwei Projekte der Universität Mozarteum Salzburg wurden in den renommierten „Atlas der guten Lehre“ aufgenommen. Das Ensembleprojekt „Bella Musica“ aus dem Pre-College sowie die Initiative „LAUT:SPRECHER“ aus dem Bereich der Hochschullehre zeigen eindrucksvoll, wie die Synthese aus künstlerischer Exzellenz, wissenschaftlicher Reflexion und gesellschaftlicher Verantwortung an einer modernen Kunstuniversität gelingen kann. Beide Modelle setzen neue Maßstäbe für zukunftsorientierte, partizipative Hochschuldidaktik.

    News
  • © Vid Ožbolt
    8.6.2026
    Agamemnon – Ein Tyrann mit nur drei Minuten Musik 

    Das Department Oper und Musiktheater der Universität Mozarteum Salzburg feiert am 23. Juni die Uraufführung von Agamemnon (Musikalische Leitung: Gernot Sahler, Regie: Alexander von Pfeil). Das Auftragswerk stammt aus der Feder des jungen slowenischen Komponisten Vid Ožbolt, der aktuell in der Kompositionsklasse von Sarah Nemtsov studiert. Im gemeinsamen Gespräch mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Laura Trilsam, Studierende am Department für Szenografie, werfen wir einen Blick hinter die Kulissen und auf den Entstehungsprozess der Produktion.

    Interview