Worte sind nicht immer die wahren Erzähler

04.12.2023
Interview
Hänsel & Gretel | © Fabian Helmich

Ein Gespräch mit der Regisseurin Rosamund Gilmore über Engelbert Humperdincks Märchenspiel „Hänsel und Gretel“, das am 7. Dezember im Max Schlereth Saal der Universität Mozarteum Premiere feiert. Einblicke in das Regiekonzept, in die gemeinsame Erarbeitung und Gestaltung von Rollen und über Wahrhaftigkeit auf der Opernbühne. 

Hänsel und Gretel

  • 7., 11. & 12.12.2023 um 19:00 Uhr
  • 9.12.2023 um 16:00 Uhr

    Max Schlereth Saal

 

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Foto: Fabian Helmich

Kai Röhrig als musikalischer Leiter und du als Regisseurin habt euch im laufenden Semester für Engelbert Humperdincks Märchenspiel Hänsel und Gretel entschieden. Kannst du uns einen Einblick geben, wie ihr euch zu Beginn des Semesters gemeinsam mit den Studierenden das Werk erarbeitet, eine gemeinsame Lesart findet?

Wir treffen uns am ersten Tag und erzählen den Studierenden von unserem Konzept. Ich habe versucht, das so konkret wie möglich zu tun, denn das Konzept ist ganz anders, als man es erwarten könnte. Ich habe die Studierenden um folgendes gebeten: Stellt euch vor, ihr seid Kinder, es ist Abend, ihr seid zu Hause, habt zu Abend gegessen, Hausaufgaben gemacht, Zähne geputzt. Ihr liegt im Bett, eure Mutter kommt herein und liest euch Hänsel und Gretel vor. Das ist unser Ausgangspunkt. Auf der Bühne sieht man, wie Hänsel und Gretel ihre Ängste verarbeiten, wie sie das Böse bekämpfen, um im Erwachsenwerden frei und ohne Schutz der Eltern in die Welt hinauszugehen, im Sinne eines „Coming of Age“- Prozesses. Diesen Prozess erarbeiten sich Hänsel und Gretel auf der Bühne, während sie die Geschichte durchleben. 

In meiner Inszenierung gibt es kein echtes Lebkuchenhaus, keinen Naturalismus oder Realismus: sie ist in einer Welt der Imagination angesiedelt, eine eher psychologische Lesart. Ich glaube, die Studierenden konnten diese Herangehensweise gut verstehen und akzeptieren, sodass sie das Märchen nicht unbedingt als kleiner Bub und kleines Mädchen, sondern als Sänger*innen und Darsteller*innen erzählen können. Die Studierenden haben uns vertraut, dass wir das – zusammen mit Humperdinck – auf diese Weise schaffen können. Dadurch wird auch dem Publikum die Geschichte auf eine „Singspielart“ erzählt. Meines Erachtens tut uns dieser Weg gut im Sinne von: Es ist kein Kindermärchen, es ist auch nicht wirklich eine Oper. Die verschiedenen Imaginationen der Kinder sind sehr gut abzulesen von der musikalischen Umwelt (im Wald, zu Hause, usw.), die verschiedenen Klänge und Klangmalereien (z.B. Kuckucksrufe) unterstützen die Handlung. Die Geschichte an sich wird also sehr gut über den Text und die Musik erzählt. 

Haben die Studierenden die Möglichkeit, ihre Rollen mit dir als Regisseurin gemeinsam zu gestalten?  

Absolut haben sie diese Möglichkeit. Durch das oben genannte Konzept gebe ich ihnen einen gewissen Rahmen – das zu ermöglichen, betrachte ich als meine Aufgabe. Aber die Sänger*innen müssen diese Figuren für sich selbst finden. Das ist ein Prozess über mehrere Wochen, bis der Sänger oder die Sängerin die Emotionen einer Rolle findet und auf die Bühne bringen kann. Wir sind diesen Prozess sehr schauspielerisch angegangen. Es ist eine sehr komplexe Arbeit, Gesang und Darstellung zusammenzubringen, ohne dass die Darstellung zu kurz kommt. Wir versuchen, den Sänger*innen in diesem Prozess zu vermitteln, wie wichtig es ist, nach der Wahrhaftigkeit einer Rolle zu suchen. Wir alle kennen Gefühle wie Angst, Glück, Langeweile: Wie sieht die Darstellerin z.B. als Hänsel aus, wie entwickelt sie sich in diesem Prozess zu Hänsel mit all seinen Emotionen? Wenn ich sehe, dass etwas „draufgepappt“ ist, arbeiten wir an der emotionalen Dramaturgie. Mir ist wichtig, dass es eine solche Dramaturgie über längere Textpassagen gibt. Es muss nicht immer ein Motiv geben, das erzeugt und gehalten wird – solche Darstellungen wirken sehr gestellt. Wir versuchen gemeinsam, die Gefühle, die ein Mensch in einer gewissen Passage durchlebt, zu verstehen und authentisch darzustellen. 

Die Geschichte von Hänsel und Gretel ist so bekannt, dass es kaum jemanden gibt, der nicht bereits eigene Bilder dazu im Kopf hat. Was waren/sind deine Assoziationen zur Grundlage des Grimm´schen Märchens? Welche Bilder wirst du versuchen, auf die Bühne zu bringen? Welche Aspekte sind dir besonders wichtig und werden intensiv herausgearbeitet? 

Meine Auffassung von Märchen hat sich mehrmals geändert. Als Kind fand ich Märchen spannend und sehr hilfreich. Später fand ich sie sehr grausam und mittlerweile verstehe ich Märchen als Hinweis auf unsere Sozialisierung. Sie ermöglichen uns eine Sichtweise auf die Welt, gleichwohl man als Kind noch überhaupt kein Verständnis für solche Fragen hat und auch kein Bewusstsein, wie man sich solche Geschichten erklären kann. Grundsätzlich finde ich Märchen auf der Bühne eigentlich nicht sehr interessant. Bei Humperdinck ist das aber etwas anderes. Die Entscheidung für diese Oper wurde ganz bewusst und für unsere Klasse getroffen. Die Wahl dieser Märchenoper ist eine klare Aufforderung an die Studierenden, die Geschichte psychologisch zu erzählen – und ich bin wirklich begeistert! Es gibt so viele Möglichkeiten, das als ernsthaftes Bühnenstück darzustellen. Die Vorstellungskraft eines Kindes und das assoziative Potential des Theater sind sich unheimlich ähnlich. Beide sind unerschöpflich, beide sind rätselhaft und frei. Und in beiden schlummert die Unschuld und die Grausamkeit der Welt. Ich möchte zeigen, wie schwer es ist, Kind zu sein. Womit man als Kind zu kämpfen hat und letztens Endes immer alleine kämpft. Dieser Aspekt ist mir sehr wichtig. Ich beginne die Arbeit an einer Oper immer über die Musik. Ich komme aus der Choreografie, aus dem Tanz und versuche deshalb immer, den Sänger*innen zu sagen, wie wichtig es ist, auf die Körpersprache und die Signale des Körpers zu achten. Worte sind nicht immer die wahren Erzähler. Dieser Aspekt ist auch für das Publikum essentiell, denn die Darstellung muss wahrhaftig sein und die Emotion muss zur Situation passen. Wenn diese Einstellung verinnerlicht ist, kann ich über die musikalische Ebene und die Choreografien mit den Studierenden das erarbeiten, was ich mir wünsche und was ich tatsächlich auf die Opernbühne bringen möchte. 

Wie gehst du mit der stereotypen Rolle der Knusperhexe um, die ganz märchenüblich „das Böse“ verkörpert? In eurer Produktion ist die Knusperhexe mit zwei verschiedenen Stimmfächern (Mezzosopran und Tenor) besetzt. Inwieweit verändert das die Rolle? 

Wir haben das Glück, zwei tolle Sänger*innen zu haben: Eine Frau und einen Mann. Das ist eine sehr interessante Arbeit mit den beiden. Die Sichtweise, in der Hexe die Mutter zu sehen, ist ja recht üblich. Ich finde es aber sehr interessant, für welche Stimmen das komponiert ist (z.B. Hänsel und Gretel für zwei Soprane, Hexe für Sopran oder Tenor). Ich habe über die Genderfrage nachgedacht und wollte die Thematik ein bisschen entschärfen, indem man weder die Hosenrolle forciert, noch die Geschlechter festlegt. Auf psychologischer Ebene können diese Figuren alle annähernd gleich aussehen, gleich kostümiert sein, das spielt keine Rolle. Aber das Böse an sich wollte ich ganz genau beschreiben. Wir reden über Kannibalismus, Kindesmissbrauch, sehr schwere Themen. Das ist meine Beschreibung von „böse“, es gibt nichts Schlimmeres, als zu sehen, wenn Kinder malträtiert werden.

Wie sieht die Rolle der Studierenden von Claudia Lehmann in deinem Regiekonzept aus? 

Wir haben die sechs Studierenden des Departments für Szenografie gebeten, für uns die Instrumentalpassagen durch Videoeinspielungen auszudeuten. Sie bringen einen ganz neuen Aspekt und neue Ansätze in die Produktion, arbeiten ganz anders, sehr kreativ und auf ihre ganz eigene Art und Weise mit ihren Mitteln. Die Arbeit ist noch nicht fertig (es ist unglaublich aufwendig, einen Film von vier Minuten Dauer zu produzieren!). Es wird ein großer Kontrast zum Bühnengeschehen sein und eine assoziative und überraschende Welt aus der Sicht der Studierenden eröffnen. Ich liebe es, wenn Theater überraschen kann!

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