Musikalische Dialoge jenseits des Kanons
Von 5. bis 7. Mai 2026 finden bereits zum vierten Mal die Erika-Frieser-Kammermusiktage an der Universität Mozarteum statt und stellen das kompositorische Schaffen von Frauen und kanonferner Komponist*innen in den Mittelpunkt.
Das lebendige Festival zeigt seit 2021, wie viel neues musikalisches Terrain es jenseits des vertrauten Repertoirekanons noch zu entdecken gibt. Seit der Gründung durch die Pianistin und Klavierkammermusik-Lehrende Biliana Tzinlikova versteht sich das Festival als Ort neugieriger Recherche und lebendiger Zusammenarbeit zwischen Lehrenden, Studierenden und Gästen. Das Festival ist Erika Frieser (1927–2011) gewidmet, die von 1973 bis 1995 als erste Frau an der Universität Mozarteum eine Professur für Klavierkammermusik sowie für Vokal- und Instrumentalbegleitung innehatte.
Wie eng die Programmidee mit einer persönlichen Entdeckungsbewegung verbunden ist, beschreibt Biliana Tzinlikova selbst: „Nachdem ich 2019 eine Solo-Klavier-CD mit Werken von Louise Farrenc aufgenommen hatte, die ich durch ihre wunderbare Kammermusik kennengelernt habe, hatte ich plötzlich das Gefühl, ich sehe doppelt mehr in der Landschaft – wie mit einer neuen Brille. Plötzlich bin ich ständig auf neue Kammermusikwerke von Komponistinnen gestoßen, und diese wollte ich mit Kolleg:innen und Studierenden an unserem Haus teilen." Das rund alle eineinhalb Jahre stattfindende Festival widmet sich bewusst in erster Linie Werken selten aufgeführter Komponist*innen und möchte die Grenzen des „immer und überall Hörbaren“ erweitern. In drei Konzertprogrammen wird die Vielfalt kammermusikalischer Besetzungen – vom Duo bis zu erweiterten Quartett- und Ensembleformationen – ausgelotet. Das Festival setzt sich zum Ziel, entlang verschiedener inhaltlicher Perspektiven ein Panorama kammermusikalischer Dialoge hörbar zu machen: mit Dialogen zwischen Instrumenten und Stimmen, zwischen historischen und zeitgenössischen sowie unterschiedlichen ästhetischen Positionen und verschiedenen „Gesprächsthemen“. Nach den erfolgreichen Ausgaben 2021, 2022 und 2024 wird das Festival 2026 von Biliana Tzinlikova gemeinsam mit dem Institut für Kammermusik und dem Department für Streich- und Zupfinstrumente fortgeführt.
Dass die besondere Handschrift des Festivals aus einem vielschichtigen Austausch entsteht, macht Tzinlikova ebenfalls deutlich „Die Spezifik entsteht im Prozess des Dialogs: mit Kolleg:innen, mit Iris Mangeng und auch mit den Fragen, die man sich selbst bei der Programmzusammenstellung stellen muss – etwa: Welche Instrumente waren bisher vertreten, was fehlt, welche Werke und Besetzungen passen zu den drei Konzerten? Darauf folgt der Prozess des Suchens, der Auswahl, des Anfragens von Kolleg:innen und eine natürliche Triage. Zum Glück – und das ist vielleicht eine der schönsten Eigenschaften der EFKMT – habe ich seit der Entstehung kaum Absagen erhalten. Im Gegenteil: Alle freuen sich, dabei zu sein, und es haben sich über die Jahre sogar richtige Artists in Residence entwickelt. Wie schön, nicht wahr? Ich bin sehr dankbar und glücklich darüber. 'Gesprächsthemen' wird es viele geben – nicht zuletzt, weil wir gleich zwei lebende Komponistinnen als Gäste im Publikum haben werden."
Bereits am ersten Festivaltag lässt das Konzert „Duo“ den Dialog fast greifbar erleben: Nuancenreiche französische Lieder von Poldowski, Elsa Barraine, Nadia Boulanger und Rita Strohl lassen fein ausgehörte Zwiegespräche zwischen Stimme und Klavier entstehen. In Kaija Saariahos „Tocar“ wird „Berühren“ selbst zum kompositorischen Prinzip, während Jessie Montgomerys „Duo“ zwei Stimmen als klingende Ode an die Freundschaft lebendig interagieren lässt. Rebecca Clarkes neoklassizistische Paarung von Klarinette und Viola, Germaine Tailleferres schillernde Walzer für zwei Klaviere und Luise Adolpha Le Beaus groß angelegte Cellosonate führen diese Reflexion weiter: Berührung und Abgrenzung, Gesanglichkeit und Struktur, Intimität und formale Klarheit werden hier zu verbindenden Linien eines vielstimmigen Dialogs.
Im zweiten Konzert „Trio“ erweitert sich der Blick auf die vielschichtige Gattung des Trios. Vier Werke eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf diese kammermusikalische Konstellation und stellen zwei Komponistinnen des 20. Jahrhunderts in eine Rahmung zeitgenössischer Stimmen. Amy Beach entfaltet in ihrem Klaviertrio spätromantische Expressivität und impressionistische Farbigkeit, während Claude Arrieu mit einem Trio für Holzblasinstrumente durch neoklassizistische Klarheit und parodistischen Witz überzeugt. Noëmi Haffner und Julia Purgina öffnen dazu gegenwärtige Klangräume, in denen Farbe, Struktur und energetische Kontraste das klassische Modell des Klaviertrios neu denken.
Mit dem dritten Konzert „Quartett Plus“ verdichtet sich der dialogische Raum der Kammermusik zu einem Geflecht klanglicher Beziehungen. Das leidenschaftlich-expressive, spätromantische Klavierquartett d-Moll von Dora Pejačević bildet dabei den historischen Bezugspunkt für Tim Lugsteins avancierte Gegenwartssprache in „between frontier“. Mit Sofia Gubaidulinas visionärer Klangmetapher der „tanzenden Sonne“ in Fata Morgana und Johanna Müller Hermanns charakterreichem Streichquintett verdichtet sich das Programm zu einer Dramaturgie innerer Spannungsfelder, in der Tradition und Gegenwart, Reflexion und spirituelle Aufladung miteinander in Austausch treten.
Mitwirkende:
- Enrico Bronzi, Matthias Bartolomey, Leonhard Roczek und Giovanni Gnocchi (Violoncello)
- William Coleman und German Cakulov (Viola)
- Lily Francis, Annelie Gahl und Johannes Meissl (Violine)
- Biliana Tzinlikova, Paulina Tukiaiinen, Ariane Haering und Yu Nitahara (Klavier)
- Andreas Schablas (Klarinette)
- Christoph Strehl (Gesang)
- Studierende des Pre-College, der Neuen Musik, der Kammermusik- und Liedklassen, Duo MOLEDE sowie acht Cellist*innen unter der Leitung von Enrico Bronzi
Publikumsreaktionen des letzten Festivals:
- „All diese Namen, ich habe sie noch nie gehört.“
- „Das sind wunderbare Werke.“
- „Wie schön, dass die Studierenden diese Werke kennenlernen dürfen.