Jörn Andresen: Im richtigen Takt zurück ins Chorkonzertleben

12.06.2021
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Jörn Andresen | © Johannes Schmidt

Im Gespräch mit Jörn Hinnerk Andresen ist die obligatorische Frage nach den Erfahrungen der letzten Monate fast unangenehm, sein Start hätte wirklich besser verlaufen können. „Alles, was ich geplant hatte, fiel durch Corona aus, den Regelbetrieb am Mozarteum habe ich also noch gar nicht erlebt. Dafür bin ich jetzt umso gespannter darauf, wie sich das anfühlt. Vieles wird nachgeholt, es ist also ein Anknüpfen und ein Neustart gleichermaßen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass wir emotional noch nicht ganz verstanden haben, dass jetzt plötzlich wieder so viel möglich ist.“

Den Beginn machte Jörn Hinnerk Andresen bereits im Februar 2021. Er nutzte eine der ersten Gelegenheiten, um gemeinsam mit dem Mozarteum vocalEnsemble und dem Barockorchester des Instituts für Alte Musik sowie mit Solistinnen und Solisten der Gesangsabteilung bzw. Oratorienklasse Kantaten von Johann Sebastian Bach aufzuführen – ohne Publikum, aber via Livestream im Internet. Das schmerzlich vermisste Live-Gefühl war für alle Beteiligten überwältigend. „Ein Orchestermitglied musste während einer Probe mit den Tränen kämpfen, weil endlich wieder mit Chor musiziert wurde. Das hat mir vor Augen geführt, wie eng wir emotional mit dem Thema Chor verbunden sind“, erzählt Andresen.

„Neustart“ scheint als übergeordnetes Motto für das kommende Konzertjahr von Jörn Hinnerk Andresen Pate zu stehen. Am 5. Juni erfolgte bereits die sehnsüchtig erwartete „Auferstehung“ der Chorkonzerte mit dem Oratorium „Paulus“. Schauplatz war der prächtige Salzburger Dom, eine der eindrucksvollsten Monumentalbauten des Frühbarocks. Jörn Hinnerk Andresen arbeitete auch für „Paulus“ mit Solistinnen und Solisten des Departments für Gesang, dem MozarteumUniChor, dem Universitätschor Dresden und dem Sinfonieorchester der Universität Mozarteum, eine Zusammenarbeit, die auch die 30-jährige Städtepartnerschaft zwischen Salzburg und Dresden zum Ausdruck brachte. Mit der Verwendung von zum Teil historischen Instrumenten verliehen die Musikerinnen und Musiker dem Konzert das authentische Klangbild der Frühromantik, dieser Anspruch ist Andresens Leidenschaft für authentische historische Aufführungspraxis geschuldet, wie er sagt.

Diese Leidenschaft findet sich auch in vielen seiner kommenden Projekte wieder. Der nächste Fokus liegt für ihn – im nachgeholten Orff-Jubiläumsjahr – am 25. und 26. Juni auf der „Carmina Burana“, die in der Szene Salzburg aufgeführt wird. Mit Studierenden der Schlagzeug- und Klavierklasse, Gesangssolistinnen und -solisten und dem Mozarteum vocalEnsemble sind insgesamt drei Konzerte geplant, darunter ein Konzert speziell für Schulen. „Studierende werden ein moderiertes Gesprächskonzert für Schülerinnen und Schüler realisieren, die Thematik wird von den Lehrenden vorab im Unterricht vorbereitet. Die ,Carmina Burana‘ ist unmittelbar und rhythmisch orientiert. Das ist das große Plus von Carl Orff, also die körperliche Rezeptionsmöglichkeit klassischer Konzertmusik. Das ist etwas, was junge Leute auch heute noch begeistern kann.“

Am 10. Oktober steht dann im Rahmen des Mozartforums in der Pfarrkirche Mülln das Mozart-Requiem gemeinsam mit einer Uraufführung von Frank Schwemmers „Spiegelung der Requiemfragmente“ auf dem Programm. Dieser Tage erhält Jörn Hinnerk Andresen die Partitur dafür: „Ich bin schon sehr gespannt! Das ist eine groß artige Sache, dass man den Bogen spannen kann zwischen der Mozart-Tradition und einem neuen Werk, das speziell für diesen Anlass geschrieben wird. Frank Schwemmer verwendet dabei auch Texte von Thomas Bernhard. Diese Verbindung von Mozart und Bernhard zu Salzburg über die Jahrhunderte hinweg und hinein in die Neuzeit ist wirklich sehr, sehr schlüssig.“ Außergewöhnlich ist dabei, dass die Werke für Barockorchester geschrieben wurden und vom Kammerorchester des Instituts für Alte Musik und vom Mozarteum vocalEnsemble interpretiert werden – was das Werk unmittelbar in die Jetztzeit holt. Das Konzert stellt für Jörn Hinnerk Andresen einen weiteren interessanten „Neustart“ zu Beginn des Studienjahres 2021/22 dar.

Unter dem Titel „Überall Musik!“ wird am 1. Dezember dann ein Konzert im Domquartier mit dem Kammerchor des Instituts für Alte Musik und dem Mozarteum vocalEnsemble stattfinden, unter anderem mit Werken von Andreas Hofer, Georg Muffat und Heinrich Ignaz Franz Biber aus der Musikkultur in Salzburg von 1587 bis 1803. Und am 13. März 2022 ist anlässlich des 350. Todestags von Heinrich Schütz ein Konzert mit dem Hochschulorchester und dem MozarteumUniChor in der Großen Universitätsaula geplant. „Wir kombinieren dabei das Brahms-Requiem mit den Musikalischen Exequien von Schütz, ein Werk, das Brahms gut kannte. Er hat sich sehr für – aus seiner zeitlichen Perspektive – historische Musik interessiert und ist in seinen Werken von Schütz beeinflusst. Das stellen wir im Konzert nebeneinander.“ Mit seinen Projekten plant Jörn Andresen einerseits, die Außenwirkung des Chorwesens an der Universität Mozarteum zu verstärken, und geht mit seinen Konzerten deshalb „hinaus“ in andere Aufführungsstätten. Ziel ist es, Chöre zu bilden, die die musikalisch-künstlerischen Entwicklungen in diesem Bereich auch außerhalb des Hauses repräsentieren. Andererseits möchte er das Studienfach Chordirigieren auch im Haus attraktiver machen. „Studierende brauchen dabei genauso wie ein Instrumentalist, eine Instrumentalistin ein funktionierendes Instrument, eine vorhandene Basis, mit der sie üben können – das möchten wir formen und bereitstellen können.“

Langfristig steht ein universitätsübergreifender Chor für Salzburg, ein großer Studierendenchor, auf Jörn Hinnerk Andresens Liste und damit eine Öffnung des Chorwesens für alle Interessierten. „Wir sind in der historischen Aufführungspraxis ja nur historisch informiert, wir wissen nicht, wie es damals wirklich klang. Das originale Klangbild wird immer eine Hypothese bleiben, Authentizität verbindet sich mit unserer heutigen Auffassung, wir entwickeln die Klangästhetik für uns, für unser heutiges Publikum – diesen Weg finde ich persönlich für die Chorarbeit sehr interessant. Salzburg als ehemaliger Kirchenstaat ist dabei ein spannender Anknüpfungspunkt, um das zu versuchen. Man muss einfach Sachen ausprobieren, um zu sehen, was übrig bleibt, was sich entwickeln kann.“ Man darf gespannt sein, welche weiteren Pläne Jörn Hinnerk Andresen an der Universität Mozarteum und im Bereich der Chorkonzerte weiterverfolgt. Der „Neustart“ scheint jedenfalls hervorragend gelungen zu sein. 

(Ersterschienen in den Uni-Nachrichten / Salzburger Nachrichten am 5. Juni 2021)

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