Musik in einer geteilten Welt (Johannes Moser)

15.01.2026
News
Illustration eines Kreises, aus dem Strahlen kommen

Bericht zur 77. Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung vom 6. bis 9. Oktober 2025
an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar zum Thema „Musik in einer geteilten Welt“ verfasst von Johannes Moser

Das Oberthema der Tagung „Musik in einer geteilten Welt“ an einem geschichtsträchtigen Ort wie Weimar mutet denkwürdig an in einer Welt, die im Jahr 2025 geprägt ist von Krieg in Europa, einem globalen Ringen zwischen Demokratie und Autokratie und neu entfachten oder nie abgeflauten Religionskonflikten. Dass dieser Gedanke dem Organisationsteam des Instituts für Musikwissenschaft Weimar-Jena nicht fremd ist, zeigt bereits der Ausschreibungstext zum Call for Papers, der die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlich-politischen Krisen und dem eigentlichen Untersuchungsgegenstand der Musikwissenschaft – der Musik – unterstreicht. Darin wird die Notwendigkeit von Untersuchungen darüber betont, „wie Musik sowohl Trennlinien als auch Brücken in verschiedenen Gesellschaften und Epochen klingend erfahrbar und verhandelbar macht.“ Es erscheint in diesem Kontext als folgerichtig, dass der Festvortrag – nach Grußworten von Anne-Kathrin Lindig (Präsidentin der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar), Peter Kleine (Oberbürgermeister der Stadt Weimar), Michael Klaper und Nina Noeske (Tagungsleitung) und Panja Mücke (Präsidentin der GfM) – von Peter Gülke gehalten wurde, der, selbst gebürtiger Weimarer, durch seinen biographischen Lebensweg und sein Doppelschaffen als Musiker und Musikwissenschaftler ein Sinnbild für (zum Teil im wörtlichen Sinn zu verstehende) Grenzüberschreitungen verkörpert. Dieser unterstrich die Aktualität des Tagungsthemas, indem er die Brisanz der Geopolitik ansprach und auf eine täglich erfahrbare „Verhöhnung der Wahrheit“ verwies, die wissenschaftlich Tätige besonders treffen muss. Nichtsdestotrotz sprach aus seinen Worten Zuversicht, die sich mit dem Appell im Call for Papers deckt, das kulturelle und gesellschaftliche Fundament für kommende Generationen mithilfe einer toleranten wie demokratischen Basis zu sichern.

Am ersten Kongresstag wurde im Rahmen Freier Referate zum Thema „Musik und Ideologie im Kalten Krieg“ der wohl prägendste Ost-West-Konflikt des 20. Jahrhunderts aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Sonja-Maria Welsch beschrieb in ihrem Vortrag die Ambivalenz der italienischen Musikpolitik der 1960er und 1970er Jahre, als der italienische Staat Musik einerseits als „soft power“ nutzte, indem Konzertreisen in den Ostblock gefördert wurden, in dem gleichzeitig aber Tendenzen zur Etablierung eines „Eurosozialismus“ vorhanden waren, um eine Distanz zu Moskau zu wahren bzw. herzustellen. Dass es eine solche Ambivalenz auch in binnendeutscher Form gab, arbeitete Svenja Schnepel in ihrem Beitrag zum Verhältnis von BRD und DDR heraus, indem sie das Wechselspiel zwischen Konkurrenz und Kooperation sowie das Ringen um das Erbe einer deutschen Musikgeschichte anschaulich darstellte. Besonders im Gedächtnis blieb dabei die ressentimentgeladene Haltung deutscher Kulturagenten gegenüber Publika des globalen Südens. Den Abschluss bildete Anna-Maria Plischkas Vortrag zum Versuch deutscher Bischöfe, den deutschsprachigen Messgesang gegenüber dem Vatikan durchzusetzen, wobei sie das Argumentationsmuster eines Kardinals, die Dialogmesse ginge zurück auf die „besondere Situation“ in der NS-Zeit und sei ein wirkmächtiges Mittel gegen den „gottlosen Kommunismus“, offenlegte.

Am selben Kongresstag folgte ein Panel zum Themenkreis „Zwischenkriegszeit und Drittes Reich“, das Christine Oeser mit ihrem Vortrag über die musikalischen Narrative von KZ-Überlebenden eröffnete, in dem sie eine Zweiteilung in heimliches und – oftmals von SS-Seite – befohlenes Musizieren beschrieb. Ya’qub Yonas N. El-Khaled setzte sich anschließend mit der Musikpublizistik zwischen den Weltkriegen auseinander und führte nachvollziehbar aus, dass die Musikkritik in der Tagespresse trotz der großen Reichweite gegenüber der Fachpresse in der Beforschung eher wenig Aufmerksamkeit bekommt. In ihrem das Panel abschließenden Vortrag zeigte Leonie Krempien, dass die Zahl an Promotionen von Frauen in der Musikwissenschaft in der NS-Zeit höher war als in der Zeit der Weimarer Republik. Als Begründung führte sie ein NS-Eheideal heran, in dem Musik als Teil einer stärkeren Verbindung zwischen Mann und Frau gesehen wurde und eine entsprechende Bildung der Frau somit als erstrebenswert schien.

Am zweiten Kongresstag wurde in einem Freien Symposium das Verhalten von und an Musikhochschulen und Konservatorien in der NS-Zeit aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Christoph Henzel beschrieb zu Beginn den Übergang des Professorenkollegiums am Staatskonservatorium in Würzburg in den Nationalsozialismus, der unter anderem mit einem kulturpolitischen Sendungsbewusstsein (insbesondere Hermann Zilchers) einherging. Dass viele Handelnde als Wegbereiter für den Nationalsozialismus fungierten, auch wenn sie glaubten, zum Wohle ihrer Hochschule zu handeln, ging aus Alexandre Bischofbergers Vortrag deutlich hervor, der ebenso darlegte, dass nicht selten eher karrieristische als ideologische Gründe ausschlaggebend waren, wie er am Beispiel des Kollegiums an der Stuttgarter Hochschule, einem Haufen „halbherziger Nazis“, veranschaulichte. Im Beitrag von Yvonne Wasserloos zur „Arisierung im Rheinland“ wies diese nach, dass eine Anstellung von Josephina Steiner am Robert-Schumann-Konservatorium in Düsseldorf an einer Denunziation bei der Übergabe von Dokumenten scheiterte, die nach vorliegender Quellenlage aus nationalsozialistischer Überzeugung geschah. Dieses Beispiel dient als wichtige Warnung davor, vorschnell karrieristische Motive anstatt ideologische Überzeugung hinter dem Handeln von Akteuren zu vermuten, die von jenen nach Kriegsende zur Schuldabwälzung selbst gerne vorgeschoben wurden. Im letzten Beitrag zum Symposium verortete Philine Lautenschläger unter dem Titel „Gemeinschaftsmusizieren statt Virtuosentum“ eine Teilung innerhalb des Orchesters, indem sie die Abkehr vom Individualismus hin zur („Volks“-) Gemeinschaft anhand der Situation an der Hochschule Berlin nachzeichnete. Als bereichernd erschien der Kommentar des Historikers Martin Rempe, der das Symposium mit fein nuancierten Ausführungen abrundete und konstatierte, dass es eine eindeutig definierbare NS-Ästhetik – entgegen anderslautender Äußerungen von NS-Seite – nicht gab. Eine in der Abschlussdiskussion gefallene Aussage, dass eine Mitgliedschaft in der NSDAP nicht überzubewerten sei, wurde weder begründet noch eingeordnet und sorgte für Kontroversen, zumal sie einen angesichts der Schwere der Thematik unpassenden Interpretationsspielraum hinterlässt.

Eine wesentlich frühere Epoche betrafen die Ausführungen Konstantin Voigts zur Abgrenzung paganer und christlicher Soundscapes und deren Ineinanderfließen in der Spätantike, mit denen das Hauptsymposium am dritten Kongresstag eröffnet wurde. In einem weiteren Freien Symposium wurde die Entstehung eines „Multispecies Music Memes“, einer anthropomorphisierten Katze, von Pascal Rudolph vornehmlich visuell nacherzählt. Der folgende Vortrag von Yvonne Wasserloos über „Deepfake Music“ beschrieb den fließenden Übergang von Künstlicher Intelligenz als harmlose Spielerei bis zur Vereinnahmung aus politischem Kalkül. Dabei machte sie die zunächst faszinierende „Entgrenzung und Fortschreibung (statt Endlichkeit)“ mithilfe der sich rasant entwickelnden Technologie als mögliches Problem aus.

Der letzte Kongresstag war geprägt von teilweise emotionalen Diskussionen, beispielweise im Anschluss an Simon Kannenbergs Vortrag zum „Deutungskampf“ über die Bombardierung Dresdens im Februar 1945, sowie von Beiträgen von höchster Aktualität, so etwa der erschütternde Bericht von Inna Klause über den Gebrauch von Musik als Folter in russischen Gefängnissen. Klauses Vortrag erinnerte unweigerlich an die medienwissenschaftliche Darstellung Johann Piberts von „Russlands Popmusik-Propaganda“ am ersten Kongresstag, die eine Durchmilitarisierung der russischen Gesellschaft veranschaulichte, welche nicht erst mit dem Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 begann.

Die Vielfältigkeit der verschiedenen Vorträge entspricht der Vielfältigkeit der Teilungen, denen unsere Welt im noch jungen 21. Jahrhundert ausgesetzt ist. Allerdings zeigen die Beiträge auch, dass Teilungen Bestandteil unserer Geschichte sind, denen wir – und das ist die noch wichtigere Erkenntnis – nicht machtlos gegenüberstehen. Peter Gülkes Worte „Wir sind keine Orchideenwissenschaft“ sind eben nicht als gekränkte Eitelkeit, sondern als Verantwortungsbewusstsein der eigenen Gesellschaft gegenüber zu verstehen. Der eingangs erwähnte Appell im Call for Papers, das kulturelle und gesellschaftliche Fundament für kommende Generationen zu sichern, spiegelt sich erfreulicherweise im Bestreben der Tagungsleitung wider, explizit Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler zum Einreichen von Beiträgen aufzufordern, die subjektiv als hoch wahrgenommene Zahl junger Vortragender bescheinigt diesem Anliegen Erfolg.


Erwähnte Vorträge und Links

Eröffnung der 77. Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung (Mo, 06.10.25)

  • Gülke, Peter: Wir sind keine Orchideenwissenschaft! (Festvortrag)

Freie Referate (Mo, 06.10.25): Musik und Ideologie im Kalten Krieg (Ost-West-Konflikt)

  • Welsch, Sonja: Musikpolitik in Italien der 1960er und 1970er Jahre im Kontext des Kalten Krieges
  • Schnepel, Svenja: Musik als diplomatische Strategie zwischen Konkurrenz und Kooperation. Deutsch-deutsche Außenkulturpolitik im Kalten Krieg
  • Plischka, Anna Maria: Katholische Kirchenmusik im Kalten Krieg: Deutschsprachiger Messge-sang als vatikanisches Politikum

Freie Referate (Mo, 06.10.25): Zwischenkriegszeit und Drittes Reich

  • Oeser, Christine: Musikalische Narrative in Berichten von Überlebenden nationalsozialisti-scher Konzentrationslager als Ausdruck sozialer Vergemeinschaftungs- und Abgrenzungspro-zesse
  • El-Khaled, Ya’qub Yonas N.: „Es gibt heut in Deutschland immer nur eine Wahrheit…“ – Zur Musikpublizistik zwischen den Weltkriegen
  • Krempien, Leonie: Die Promotion von Frauen in der deutschsprachigen Musikwissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Freies Symposium (Di, 07.10.25): Musikhochschulen und Konservatorien im ‚Dritten Reich‘. Vergleichende Perspektiven auf das Musikleben im Nationalsozialismus

  • Henzel, Christoph: Das Staatskonservatorium der Musik in Würzburg und der ‚schöne Schein‘
  • Bischofberger, Alexandre: Als Nazis „kläglich versagt?“ Der Lehrkörper der Stuttgarter Hoch-schule für Musik in der NS-Zeit
  • Wasserloos, Yvonne: ‚Arisierung‘ im Rheinland. Vorauseilender Gehorsam und Spielräume in den Konservatorien und Hochschulen
  • Lautenschläger, Philine: Gemeinschaftsmusizieren statt Virtuosentum. Über die Konjunktur eines Ideologems an der Berliner Hochschule für Musik und seine Auswirkung auf Studium und Institution
  • Rempe, Martin: Kommentar

Hauptsymposium II (Mi, 08.10.25): Musik zwischen Ost und West, Süd und Nord vor 1600

  • Voigt, Konstantin: Pagane Soundscapes und christlicher Kult in der Spätantike

Freies Symposium (Mi, 08.10.25): Anthropologische Differenz, Naturkulturen oder Deepfake Music? Die Neuverhandlung von Musik im Anthropozän

  • Rudolph, Pascal: The Kiffness x George Rufus The Lonely Cat: Produktion und Bedeutung eines viralen Multispecies Music Memes
  • Wasserloos, Yvonne: Deepfake Music als Problem künstlerischer und ästhetischer Identität

Freie Referate (Do, 09.10.25): Musik und Trauma

  • Kannenberg, Simon: Dresden ’45 – der Deutungskampf um ein kulturelles Trauma in musikali-schen Zeugnissen
  • Klause, Inna: Musik und Folter in russischen Gefängnissen heute

Freie Referate (Mo, 06.10.25): Kulturpolitik und -propaganda

  • Pibert, Johann: Russlands Popmusik-Propaganda seit Beginn des Ukraine-Kriegs und deren Pro- vs. Anti-Kriegs-Publika


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