Sarah Nemtsov | © Camille Blake
Stv. Departmentleitung
Lehrende*r

Univ.-Prof.in Dipl.-Mus.-Päd.in

Sarah Nemtsov

Univ.-Prof.in für KompositionDepartment Komposition & MusiktheoriePre-College

Sarah Nemtsov (*1980 in Oldenburg) gilt als eine der gefragtesten Komponistinnen ihrer Generation. Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, ihre Werke werden bei international renommierten Festivals und an bedeutenden Häusern aufgeführt und sie arbeitet mit namhaften Ensembles und Orchestern zusammen. Nemtsovs Werkverzeichnis umfasst über 150 Werke in nahezu allen Gattungen. Seit Oktober 2022 ist sie Univ.-Prof.in für Komposition an der Universität Mozarteum. 

Sarah Nemtsov studierte Komposition in Hannover und Berlin bei Nigel Osborne, Johannes Schöllhorn und Walter Zimmermann, außerdem studierte sie Oboe bei Klaus Becker und Burkhard Glaetzner. Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, darunter den Busoni-Kompositionspreis oder den Deutschen Musikautor*innenpreis der GEMA. 2021 wurde sie als Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste, sowie als Mitglied der Akademie der Künste Berlin aufgenommen.

Sie arbeitet mit namhaften Ensembles und Orchestern zusammen (WDR Orchester, HR Sinfonieorchester, Deutsches Sinfonieorchester, RSO Wien, Ensemble Intercontemporain, Ensemble Musikfabrik, Klangforum Wien, ensemble mosaik, Ensemble Adapter, Neue Vocalsolisten Stuttgart etc.) und ihre Werke werden bei international renommierten Festivals aufgeführt – wie den Donaueschinger Musiktagen, Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik, Wien modern,  ECLAT, Ultraschall, Musica, Bregenzer Festspiele, Münchener Biennale, Ruhrtriennale u.v.m.

Nemtsovs Musik besticht durch sensibel ausgehorchte Setups, durch komplexe und energetische Texturen, musikalische Schichtungen und Wechselwirkungen zwischen akustischen Instrumenten und Elektronik. Oft spielen Literatur oder andere Künste eine Rolle, mehrere Kompositionen berühren auch politische oder soziale Themen.

Ihr Werkverzeichnis umfasst über 150 Kompositionen in nahezu allen Gattungen; vom Solowerk bis zum großen Orchester, akustisch, elektronisch und multimedial, darunter mehrere abendfüllende Opern. Seit 2016 werden ihre Werke bei Ricordi verlegt. 2014 unterrichtete Sarah Nemtsov Komposition als Gastdozentin an der Hochschule für Musik Köln, im Sommersemester 2018 unterrichtete sie Komposition an der Haifa University mit einer DAAD Kurzzeitdozentur. Seit dem WS 2022 ist sie Professorin für Komposition an der Universität Mozarteum.

Sarah Nemtsov | © Camille Blake

Wildwuchernde Inspiration. Eine der gefragtesten Komponistinnen ihrer Generation.

— Deutschlandfunk 2016 & RBB 2022

Produktion Sacrifice
Auszüge aus Sacrifice
Oper in 4 Akten

„Wildwuchernde Inspiration. Die Musik von Sarah Nemtsov überrascht durch die Spiellust und Ausdruckswucht, die sich Klängen und Zuständen so unmittelbar zuwendet. So kennt man es sonst nur aus Bereichen der improvisierten Musik. Dabei sind ihre Werke akribisch konstruiert, und den musikalischen Fluss stellt sie durch Störungen und Abwege auf die Probe. Ebenfalls überraschend ist ihr Bezug auf Literatur, die aber die frei wuchernde und sich verzweigende Musik in keiner Weise ausbremst. Literarische Inspiration heißt indes nicht Nacherzählung. Sarah Nemtsov sucht nach ‚dem Paradoxen, Absurden, Geschichteten und Chaotischen‘ und reißt Musiker wie Zuhörer hinein in Kaskaden von Klangereignissen und Strudel der Erregung.“ (M. Entreß, Deutschlandfunk, 2016)

 

„Nemtsovs Musik gestaltet einen musikalischen Dauerstrom. Es mischen sich darin Zartes und Brutales, Bedrohliches und Verheißungsvolles…“ (Julia Spinola, Süddeutsche Zeitung, 2017)
 

„[W]as dann in dem alten Gemäuer passiert und entfesselt wird, das funktioniert, entfaltet Intensität, bietet trotz eines anhaltenden Grundströmens Abwechslung, langweilt nicht. Ein von der Kette gelassener Klangrausch, der Assoziationsräume öffnet, vor allem aber auf der (Selbst-)Reflexion des Komponierten und der eigenständigen Kraft einzelner Instrumente beruht." (Joachim Lange, nmz, HAUS bei der Ruhrtriennale 2022)

„Es mag poetischere Opernabende geben, auch humorvollere, aber wenig arriviertere. […] Dass es in Halle funktioniert, verdankt sich in erster Linie Sarah Nemtsovs starker, absolut uneitler Musik, deren Kunstcharakter man, selbst wenn sie Björk und Bach zitiert, nach einer Weile kaum mehr wahrnimmt. Klang wird Raum wird Zeit wird Wirklichkeit. (Christine Lemke-Matwey, Die ZEIT, zu SACRIFICE, 2017)

„Sarah Nemtsov fällt unglaublich, unfassbar viel ein… Über diese zwei Stunden lang wird musikalisch keine Sekunde langweilig… ein echtes Drama des Hörens, das da geboten wird…” (Uwe Friedrichs, Deutschlandfunk Musikjournal, zu SACRIFiCE, 2017)

„Ein Musiktheater der Extraklasse“ (Joachim Lange, Die deutsche Bühne, zu SACRIFICE, 2017)

„Es ist eine radikale Musik, ohne Zugeständnisse an traditionelle Hörgewohnheiten, die gerade dadurch sehr erfrischend und befreiend wirkt.“ (Mario-Felix Vogt, Berliner Morgenpost, zum Orchesterwerk „dropped.drowned“, DSO Berlin beim Festival Ultraschall Berlin 2020)

„Im Grenzgebiet zwischen Geräusch und Klang bewegt sich die Komponistin hier und im Übergang zwischen Rhythmus und einer Melodik, die dem Rhythmischen entwächst. Äußerst fragil ist diese Musik. Dass Harfen und Klavier elektronisch verstärkt werden, führt im Klangbild des klassischen Orchesters zu feinen Farbverschiebungen. Die Zugkraft von Nemtsovs Klangerfindungen hält an bis zum Schluss des Stücks. Unerbittlich pocht dann ein gleichförmiger Rhythmus, beim Hören stellt sich ein Gefühl von Beklemmung ein. An Ausrufezeichen mangelt es dieser Musik nicht, und um zu wirken, braucht sie nicht einmal den Verweis auf politische Umstände.“ (Clemens Haustein, FAZ, Januar 2020)

„Suggestiv bleibt in jedem Moment die Musik, die das Ferne und Unentschlüsselbare der Bühnengeschehnisse nah heranholt, es brennend der hörenden Aufmerksamkeit einschreibt. Jenseits aller konventionellen Parameter erreicht die Musik Klarheit und Kraft, eine Plötzlichkeit und Magie, die sich unmittelbar aus dem theatralischen Gegenstand zu ergeben scheinen. Stimmcharaktere, Geräusche, Instrumtalklänge (etwa das Cymbal, eigentlich ein pannonisches Folkloreinstrument) muten wie neu erfunden an.“ (Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau, zu L’ABSENCE, 2012)

„…dass es um Erinnerungen geht, teilt sich in jedem Ton mit, gestützt von Alltagsgeräuschen wie raschelndem Laub, das Klappern einer altmodischen Schreibmaschine, das Klirren eines auf den Boden geworfenen Schlüsselbundes. Wie Nemtsov das in ihre zarten Tupfen von präpariertem Klavier und Melodica, Harfe, Cembalo und Schlagzeug, Linien von Altflöte und Bassklarinette integriert, ist grandios, zeugt von wachem Klangsinn gerade dadurch, dass es vollkommen natürlich wirkt. Dass sich in diesen Andeutungen Dramen ereignen können, glaubt man ihr sofort. (Isabel Herzfeld, nmz, zum Zyklus ALONG WAY AWAY.Passagen 2012)

„…in der Adaption einer Purcell-Arie ragte Sarah Nemtsovs „Orpheus falling“ durch die Originalität der Verschränkung von Klang und Inhalt hervor – fallende Gegenstände scheppern und klirren, doch ist es hier eine Tradition, die losgelassen werden soll. Nemtsov beeindruckte auch mit dem Ensemblestück „white wide eyes“, deren Videozuspiel fixierender, verfolgender oder ausgelöschter Blicke Klängen von aggressiver Gewalt entspricht.“ (Isabel Herzfeld, nmz, 2015)

„Sie decken alle erdenklichen Besetzungsformen ab: Solo- und Orchesterkomposition, Klavierstück und Elektronik, reines Instrumentalstück, (halb-)szenische Musik mit oder ohne Vokalbeteiligung, „große Oper“, vielfältige Ensembleformate, darunter so entzückende Kombinationen wie Gamben mit mp3-Playern, Sopran und Ukulele oder präparierte Harfe, Klavier, Schlagzeug und Brummkreisel. Der Schaffensrausch hatte seinen Preis. Um sich ganz aufs Komponieren konzentrieren zu können, hing die ausgebildete Oboistin eine hoffnungsvolle Solistenkarriere an den Nagel. Eine künstlerische Doppelexistenz wie sie beispielsweise Jörg Widmann prominent gemacht hat, wäre für sie auf Dauer nicht praktikabel gewesen. In „Wolves“ (2012) hat Nemtsov diesen Zwiespalt auch kompositorisch verarbeitet: das Klavier ist durchweg mit Rohrbau-Utensilien präpariert und der Oboist schneidetmitten im Stück das Rohr so kurz, dass kein Ton mehr möglich ist. Solistische Generalpause.

Bei aller Vielfalt der kompositorischen Formate und stilistischen Wendungen gibt es einige rote Fäden, die Nemtsovs nach vielen Seiten hin offene, aber keineswegs beliebige Ästhetik zusammenhalten. […] Die verworrenen, widersprüchlichen und letztlich untrennbaren Beziehungen von Innen und Außen, Individuum und Kollektiv oder einfach Mensch und Lebenswirklichkeit tangieren Sarah Nemtsov existentiell und spiegeln sich in immer neuen kompositorischen Perspektiven.“ (Dirk Wieschollek, nmz, Portrait, 2015)

„[So] arbeitet Sarah Nemtsov in Running. out of tune lediglich mit zwei verstärkten Cembali – eines in mitteltöniger, eines in temperierter Stimmung – und elektronischer Zuspielung: Ergebnis ist eine rhythmisch komplexe Verzahnung zweier unterschiedlich gestimmter Instrumente und ihrer Resonanzräume, die im Verlauf durch weitere Verstimmungen verändert werden. […] Gleichfalls von Nemtsov stammt die ambitionierte konzertante Komposition Beyond its simple space (2018) für Cembalo und Barockorchester mit Elektronik und Objekten, die den Ensemblemitgliedern einiges an instrumentalem Können abverlangt: Im Verlauf von neun ineinander übergehenden Abschnitten, schafft die Komponistin klanglich unterschiedlich strukturierte Ereignisfelder von manchmal asketisch strenger, manchmal geradezu überbordender Klanglichkeit. Sie umschreiben die Stadien eines musikalischen Prozesses, der sich, von strenger Vierviertelmetrik ausgehend, auf zunehmenden klanglichen Zerfall hin bewegt.“ (Stefan Drees, das Orchester, CD Rezension, 2019)

„Im Konzert der wieder einmal fabelhaften Neuen Vocalsolisten Stuttgart debütierte die 1980 geborene Sarah Nemtsov mit Hoqueti für Stimmen und Zusatz-Instrumente, die Damen mit Schlagzeug, die Herren mit Kontrabässen. Das sehr konzentrierte, klangschöne Stück stahl den anderen drei Komponistinnen [...] die Show, schon allein, aber nicht nur wegen der virtuosen Doppeltätigkeit.“ (Hartmut Lück, Neue Zeitschrift für Musik, Donaueschinger Musiktage 2011)

„Was für eine schöne Idee: Musik als Klang gewordene Erinnerung ... Sarah Nemtsov hat sich von literarischen Texten, vor allem aber auch von Orten anregen lassen. So entstand „A Long Way Away“, ein siebenteiliger Zyklus ... [es ist] eine leichte, lichthelle Musik, die uns aus den Instrumenten des wunderbaren Ensemble Adapter entgegenwächst ... Immer ist Sarah Nemtsovs Musik detailverliebt; sie präpariert oder verstärkt Instrumente, lässt sie artfremd spielen, stimmt sie um ... Wuchtig und expressiv erscheint das einzige Gesangsstück „Hoqueti“. Bedrohlich ist hier noch das Flüstern.“  (Tilman Urbach, Fono Forum, CD-Rezension, 2012)


„Es gibt Momente in der Musik, da hat man das Gefühl, etwas zu erleben, das sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Transzendenz nennen das manche. Andere würden bescheidener sagen, sie sind tief in ihrer Seele berührt. Beim zweiten Konzert des Nomos-Quartetts „von Ferne und Nähe“ im hannoverschen Pelikansaal ereignete sich einer dieser Glücksmomente am Ende von Sarah Nemtsovs uraufgeführtem Streichquartett „Im Andenken“.  

Zart, zerbrechlich, in einem Piano an der Grenze des Wahrnehmbaren erklang der Beginn von Schuberts Andante-Fragment aus dem Streichquartett c-Moll D 703. Mit Dämpfer gespielt und fast doppelt so langsam notiert wie im Original wirkte es, als kämen die Töne aus einer anderen Welt. […] Aus der Formensprache des Romantikers abstrahierte sie die Elemente für ihren sinnlichen, lyrisch anmutenden Mittelteil: eine mit zeitgenössischen Mittel erzeugte berührende Seelenmusik.“

(Jutta Rinas, Hannoversche Allgemeine, 2008)