Zwei Jahre ARCOENSEMBLE – Rück-, Ein- und Ausblicke

14.04.2026
Interview

Seit mittlerweile zwei Jahren gibt es an der Universität Mozarteum das ARCOENSEMBLE für zeitgenössische Musik. Kai Röhrig, musikalischer Leiter des Ensembles und frisch gebackener Institutsleiter des Instituts für zeitgenössische Musik, lässt im Gespräch vergangene Projekte Revue passieren, gibt Einblicke in die kontinuierliche Arbeit mit dem Ensemble und Ausblicke auf Kommendes.

Seit seiner Gründung im Frühjahr 2024 hat das Ensemble zahlreiche Auftritte absolviert, darunter Ensemblekonzerte, Absolventenkonzerte und Opernaufführungen. Wie würdest du die Entwicklung des Ensembles in diesen zwei Jahren beschreiben?

Tatsächlich erfüllt mich die bisherige Entwicklung des Ensembles mit großer Freude. Für mich als Lehrenden an der Universität ist das eine bereichernde Erfahrung. Gemeinsam mit unserer scheidenden Rektorin Elisabeth Gutjahr haben wir nach einer intensiven Planungsphase den Schritt der Neugründung gewagt, und ich bin dem Rektorat sehr dankbar für das Vertrauen in meine Arbeit.

Die überwiegende Zahl der Gründungsmitglieder des Ensembles ist nach wie vor dabei; wir sind inzwischen zu einer eingeschworenen Truppe zusammengewachsen. Es ist eine Freude zu erleben, wie sehr die Musikerinnen und Musiker an ihren eigenen Standards gereift sind. Enthusiasmus, Musizierlust und Offenheit waren von Anfang an da – alle waren „bereit“. Inzwischen sind Qualitäten wie Kondition, individuelle Organisation und Gelassenheit hinzugekommen. Die mittlerweile erreichte Präzision der Einstudierung ermöglicht eine geradezu lustvolle Freiheit beim Gestalten großer struktureller Verläufe. Wir spielen sehr komplexe Werke mit einer Souveränität, die selbst erfahrene Komponistinnen und Komponisten staunen lässt. Dieses Niveau hätte ich mir vor zwei Jahren nicht träumen lassen – es ist das Ergebnis der Kontinuität, mit der wir dieses Projekt betreiben können.

Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit den jungen Komponist*innen, die im Rahmen ihres Masterstudiums eine Auftragskomposition für das Ensemble schreiben und diese dann im gemeinsamen Probenprozess mit euch erarbeiten?

Mich interessiert vor allem der kreative Austausch zwischen den Kompositionsstudierenden und den Mitgliedern des Ensembles. Hier liegt einer der Unterschiede im Vergleich zu professionellen Ensembles, bei denen die Wiedergabe der Werke oft vom Entstehungsprozess abgekoppelt ist. Natürlich haben unsere jungen Komponistinnen und Komponisten alle nur denkbaren Freiheiten, aber im Hinblick auf Notation, Spieltechniken, Effekte, Klangfarben, Interaktion etc. betreiben wir im Vorfeld der Probenphase einen regelrechten „Campus“: Kompositorische Ideen werden ausprobiert, verfeinert oder verworfen. So werden die Instrumentalparts oft wie maßgeschneidert, und es gibt bei der ersten Probe keine negativen Überraschungen oder Frustrationen. Auf beiden Seiten entsteht und wächst so das Verständnis für die Arbeit und die Anliegen des anderen. Ich bewundere die Ensemblemitglieder für ihren Enthusiasmus, ihre Erfahrungswerte zu teilen und gemeinsam nach der bestmöglichen Version einer kompositorischen Idee zu suchen. Alles, was machbar ist, wird angeboten, ausprobiert und diskutiert. Dies ist einer Universität, an der es um Kunst und deren bestmögliche Realisierung gehen soll, würdig.

Im Juni wird das Ensemble nach Christian Josts „Dichterliebe“ im Januar 2025, der Uraufführung von Yann Robins „Medusa“ im Juni 2025 und der Uraufführung der Kammerfassung von Simon Laks’ „L´Hirondelle inattendue“ im vergangenen Dezember bereits zum vierten Mal an einer Opernproduktion mitwirken. Vid Ožbolt, ein junger Kompositionsstudierender der Klasse von Sarah Nemtsov, hat mit „Agamemnon“ eine abendfüllende Oper komponiert, deren Uraufführung am 23. Juni im Max-Schlereth-Saal geplant ist. Welche Synergien ergeben sich aus der Zusammenarbeit zwischen dem Ensemble und dem Operndepartment?

Da ist an erster Stelle unsere Zusammenarbeit zu nennen. Mit deiner Verpflichtung als Managerin für Organisation und PR hat das Rektorat die nötige Infrastruktur geschaffen, um solch ein Ensemble überhaupt stabil aufzustellen.

Für mich sind die Grenzen zwischen den Genres fließend, und gerade im Bereich des zeitgenössischen Musiktheaters gibt es ein riesiges Betätigungsfeld für ein Instrumentalensemble. Dass das ARCOENSEMBLE jetzt eine abendfüllende Oper eines Studierenden mit uraufführen wird, ist doch das Beste, was uns passieren kann. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Manfred Trojahn, als wir vor Jahren drei seiner Einakter aufführten. Er meinte damals: „Wenn ich in all den Jahren als Lehrender in Düsseldorf an etwas gescheitert bin, dann daran, dass es mir nicht gelungen ist, meine Studierenden zum Musiktheater hinzuführen. Es fehlten einfach die Möglichkeiten, solche Werke zu realisieren. Und wenn ein Absolvent dann doch mal einen großen Auftrag im Bereich des Musiktheaters ergattern konnte, fehlte ihm jegliche Erfahrung für solch ein Format!“ Wenn wir an der Universität Mozarteum in diesem Bereich regelmäßig Angebote machen können, ist das ein wertvolles Alleinstellungsmerkmal. Während bei den Festspielen und am Landestheater aktuell keine Musiktheater-Uraufführungen stattfinden, bieten wir unseren Kompositionsstudierenden solch eine Chance. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen: Auch W. A. Mozart hat seine ersten Musiktheaterwerke für die Universität Salzburg geschrieben.

Die Zusammenarbeit mit und das durchwegs begeisterte Feedback von renommierten zeitgenössischen Komponist*innen wie Christian Jost, Yann Robin und zuletzt Chaya Czernowin bestätigt die hohe Qualität des Ensembles. Für die Studierenden hat es einen enormen Mehrwert, mit solch großen Persönlichkeiten unmittelbar zusammenzuarbeiten und von deren Erfahrung und Expertise zu lernen. Wie hast du diese Begegnungen erlebt?

Die Mitglieder des Ensembles haben sich früh gewünscht, gelegentlich auch mit etablierten Komponist*innen zu arbeiten, deren Werke oft von höchst profilierten Ensembles (ur-)aufgeführt worden sind. Erfahrene Komponist*innen können ihre Anliegen sehr präzise artikulieren, sowohl im Hinblick auf technische und klangliche wie auf inhaltliche und formale Aspekte ihrer Werke. Dieser Bitte bin ich gerne nachgekommen, und die diversen Begegnungen waren fulminant. Am Austausch mit Künstlerpersönlichkeiten wie Christian Jost oder Yann Robin ist das Ensemble enorm gewachsen – vor allem, weil beide das Ensemble nie wie eine „studentische“ Formation behandelt haben. Yann Robin sagte mir einmal: „Ich kann keine Kompromisse beim Komponieren für ein junges Ensemble machen, aber ich schenke euch mein Vertrauen, dass ihr das hinbekommt!“ Diese Einladung hat das Ensemble angenommen, und daraus ist ein kollektives Selbstbewusstsein entstanden. Was Christian Jost über unsere Wiedergabe seiner „Dichterliebe“ gesagt hat, behalte ich in guter Erinnerung, aber lieber für mich.

Auch die jüngste Zusammenarbeit mit Chaya Czernowin war sehr beglückend. Es war eine große Neugier und Aufgeschlossenheit auf beiden Seiten spürbar. Czernowins persönliche Präsenz hat sich unmittelbar auf unseren Umgang mit ihren Werken übertragen. Andersherum hat sie die Souveränität beeindruckt, mit der das Ensemble mit ihr in den Dialog getreten ist. Bei der Generalprobe meinte sie ganz spontan: „Die letzten zehn Minuten davon habe ich noch nie so intensiv, dicht und schön gehört wie gerade von euch!“ Das ist ein wunderbares Kompliment für ein junges Ensemble.

Das Ensemble hat sich mittlerweile nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb der Universität einen Namen gemacht. Welche Entwicklung wünscht du dir für das Ensemble? Wie möchtest du es positionieren, um den Bekanntheitsgrad weiter zu erhöhen und Menschen dazu zu animieren, Offenheit gegenüber zeitgenössischer Musik zu zeigen?

Ich freue mich natürlich sehr, dass wir nach und nach auch außerhalb der Universität wahrgenommen werden; die Einladung zu „Wien Modern 2026“ ist beispielsweise etwas ganz Besonderes. Trotzdem steht für mich als Lehrendem und Vermittler vorrangig die Arbeit im „geschützten Laboratorium“ Universität im Vordergrund. Wenn Studierende unser Haus verlassen mit dem Gefühl, dass ihre Mitwirkung im ARCOENSEMBLE oder unsere Wiedergabe ihrer Musik eine prägende Erfahrung war, dann haben wir unser vornehmstes Anliegen erreicht.