Über das sinnliche Erzählen von Geschichten

15.04.2024
Interview
Florentine Klepper | © POLA Studios

Florentine Klepper ist seit dem Sommersemester 2024 Professorin für musikdramatische Darstellung (szenisch) am Department Oper & Musiktheater. Im Interview gibt sie Einblicke in ihre Arbeitsweise, bisherige und laufende Projekte und teilt Gedanken über die verschiedenen Facetten des Musiktheaterbereichs.

Seit dem Sommersemester 2024 hast du im Department Oper & Musiktheater die Professur für musikdramatische Darstellung (szenisch) inne. Mit welchen Wünschen und Erwartungen kommst du an die Universität Mozarteum?

Auf meinem beruflichen Weg habe ich oft von der Unterstützung anderer Menschen profitiert, wofür ich sehr dankbar bin. Nach zwanzig Jahren Berufserfahrung möchte ich davon etwas an die nächste Generation weitergeben. Gleichzeitig erhoffe ich mir, im Dialog mit den Studierenden und Kolleg*innen gesellschaftliche Transformationsprozesse zu reflektieren und gemeinsam zu erforschen, welche Herausforderungen auf das Musiktheater der Zukunft zukommen werden und welche Fragestellungen sich daraus für uns als Gestaltende ergeben.

Gibt es frühere Regiearbeiten an anderen Häusern, oder Menschen bzw. Stationen in deinem Leben (auch nicht-künstlerischer Art), die dich als Person und Künstlerin besonders geprägt haben?

Mein Interesse als Regisseurin gilt dem sinnlichen Erzählen von Geschichten, sowohl im Musiktheater als auch im Schauspielbereich. Wichtige Stationen waren für mich unter anderem das Theater Basel, die Oper Graz, die Oper Frankfurt, das Deutsche Schauspielhaus Hamburg, die Semperoper Dresden, die Opéra de Dijon, die Salzburger Osterfestspiele, das Staatstheater Braunschweig und das Staatstheater Kassel. Es ist die Vielfalt der privaten und beruflichen Begegnungen, die meine Arbeit über die Jahre geprägt haben. Sich innerhalb eines künstlerischen Kollektivs mit Inhalten und Fragen auseinanderzusetzen, die uns als Gesellschaft bewegen, empfinde ich immer noch als besonderes Privileg. Über die Jahre ist dadurch ein intensiver künstlerischer Austausch mit vielen Künstler*innen und Produktionsbeteiligten entstanden.

Du bist eng mit dem Jungen Theater Rosenheim verbunden, das nicht nur Produktionen für junges Publikum erarbeitet, sondern auch explizit mit jungen Menschen produziert und diese auch in die künstlerischen Prozesse miteinbezieht. Ist das eine Herangehensweise, die auch deine Arbeit an der Uni prägen wird? Inwieweit werden diese Erfahrungen sicht- und spürbar werden?

Das JTR ist ein Kollektiv von Künstler*innen aus der Region, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, mit spartenübergreifenden Projekten jungen Menschen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Partizipation und Interaktion sind dabei wertvolle Arbeitsweisen, um mit unserem Publikum in Kontakt zu treten. Dabei steht die Begegnung im Vordergrund. Kinder und Jugendliche sollen sich einbringen dürfen und erfahren, dass sie eine Stimme haben. Vielleicht liegt die Schnittmenge zu meiner zukünftigen Arbeit an der Uni im respektvollen Austausch auf Augenhöhe. Und in der Grundeinstellung, dass ich selbst nicht nur lehre, sondern auch weiterhin lerne.

Welche besonderen Herausforderungen und Chancen siehst du in der Arbeit mit jungen Sänger*innen?

Sänger*innen benötigen neben musikalischer Begabung auch ein ausgeprägtes Bewusstsein für die eigene physische Präsenz, sowohl in Verbindung zu anderen Darsteller*innen als auch im Verhältnis zu Raum und Publikum. Daher umfasst für mich die Ausbildung in diesem Bereich einerseits die Vermittlung von Handwerk in Bezug auf Rollenarbeit, Körpersprache, Timing und künstlerischen Ausdruck. Andererseits beinhaltet sie, das Vertrauen in die eigene Intuition der Darstellenden zu stärken, Experimentiergeist zu fördern und neue Perspektiven aufzuzeigen. Denn je eigenständiger sich Sänger*innen ihre Rolle erarbeiten können, desto souveräner und unabhängiger erlebe ich sie im Probenprozess. Ich betrachte meine zukünftige Aufgabe an der Uni als Vermittlungsarbeit und Schnittstelle, denn ich habe regelmäßig mit Berufsanfänger*innen gearbeitet und bin mit den unterschiedlichen Bedürfnissen von Sänger*innen zu Beginn ihrer Karriere sehr vertraut. Ebenso kenne ich die Anforderungen eines regulären Opernbetriebs und habe oft erfahren, wie anspruchsvoll und herausfordernd der Einstieg ins Berufsleben sein kann. Ich wünsche mir daher, jungen Künstler*innen bereits in der Ausbildung zur Seite stehen zu können, um ihnen den bestmöglichen Start in ihre Karriere zu ermöglichen.

Als Gastregisseurin hast du im Jänner 2023 bereits gemeinsam mit Kai Röhrig und den Studierenden der Opernklasse Benjamin Brittens The Turn of the Screw inszeniert. Wie kam es zu diesem „Erstkontakt“, der nun (u.a.) letztendlich zur Berufung als Professorin geführt hat?

Bereits in der Vergangenheit wurden mir sowohl Inszenierungen mit Gesangsstudierenden als auch Mentorate von Regiestudierenden an der Hochschule für Musik und Theater München anvertraut, daher habe ich die Inszenierungsanfrage vom Mozarteum letztes Jahr sehr gerne angenommen. Hier an der Universität herrscht eine beeindruckende Arbeitsatmosphäre, die den Studierenden die Möglichkeit bietet, sich unter professionellen und in meinen Augen idealen Rahmenbedingungen auszuprobieren und erste Bühnenerfahrungen zu sammeln. Das Erlebnis war für mich persönlich so positiv, dass ich mich entschlossen habe, mich zukünftig in einer lehrenden Position zu engagieren.

Anfang März feierte deine letzte Regiearbeit, Wolfgang Rihms Hamletmaschine, am Staatstheater Kassel Premiere. Parallel dazu arbeitest du seit mehreren Wochen am Regiekonzept von Verdis Falstaff, die nächste Produktion der Opernklasse von Kai Röhrig und dir, die im Mai herauskommen wird. Dürfen wir einen kurzen Blick hinter die Kulissen der beiden Produktionen werfen?

In unserer Arbeit an der Hamletmaschine (Ko-Leitung: Valentin Alfery), die vom Staatstheater Kassel als spartenübergreifende Produktion für Schauspiel, Musiktheater und Tanz konzipiert war, ging es neben der musikalisch-inhaltlichen Auseinandersetzung um die zentrale Fragestellung, wie wir ein sehr komplexes und referenzreiches Werk nicht nur für Spezialisten, sondern auch für ein breites Publikum zugänglich und sinnlich erfahrbar machen können. Die Öffnung solcher Werke ist eine Gratwanderung zwischen künstlerischer Umsetzung und inhaltlicher Vermittlung.

Bei unserem Salzburger Falstaff steht eindeutig die Ensemblearbeit mit den Studierenden im Fokus. Wir erzählen die Geschichte in einem Aufenthaltsraum eines Studentenwohnheims: Falstaff kehrt nach längerer Abwesenheit dorthin zurück und bringt alles durcheinander, stellt das System in Frage. Die dabei entstehende Wechselwirkung von individueller Charakterzeichnung und Gruppendynamik ist eine wichtige Erfahrung im Probenprozess. In dieser Produktion geht es Kai Röhrig und mir darum, das Spannungsfeld von Verdis Musik und dem kongenialen Libretto von Arrigo Boito auf der Grundlage einer Shakespeare-Komödie auszuloten und mit den Sänger*innen in Spielfreude umzusetzen. Die Proben machen großen Spaß und ich freue mich sehr auf die kontinuierliche Arbeit mit der Klasse.

www.florentineklepper.de (Öffnet in neuem Tab)

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