Matthias Bartolomey: Über die Freiheit, neue Wege zu beschreiten

05.12.2020
Interview
Matthias Bartolomey mit Cello | © Stephan Doleschal

Matthias Bartolomey ist seit Oktober Univ.-Prof. für Konzertfach Violoncello an der Universität Mozarteum – und hat sich viel vorgenommen. Den Auftakt macht neben dem Repertoireunterricht eine Lehrveranstaltung zu progressiven Spieltechniken, die seine vielfältigen kammermusikalischen und solistischen Erfahrungen mit neuen, intuitiv-improvisatorischen Ansätzen verbindet.

Herr Bartolomey, wie geht’s Ihnen mit der aktuellen Covid-Situation? Wann haben Sie zum letzten Mal live gespielt? Oder anders: Welche Konzert-Absagen sind besonders schmerzvoll?

Hm, wo soll ich beginnen – die Situation ist natürlich völlig verrückt. Die Veranstaltungsabsagen, die schon im Frühjahr stattgefunden haben, waren teilweise sehr bitter. Einige Konzerte konnten zwar in das nächste Jahr verschoben werden oder in den Sommermonaten glücklicherweise doch über die Bühne gehen, einige tolle Engagements sind sogar spontan dazu gekommen. Manche Projekte aber sind immer noch in der Schwebe, etwa eine Japan-Tournee mit meinem Duo BartolomeyBittmann, die im Mai geplant gewesen wäre, oder eine Tournee in Holland im Oktober mit Orchester. Je größer die Produktion, desto unwahrscheinlicher ist es, dass wir sie irgendwann nachholen können. Viel Schönes geht dadurch verloren.

 

Konnten Sie die Zeit wenigstens gut für andere Dinge nutzen?

Ja, tatsächlich. Vor allem vor dem Sommer konnte ich intensiv an der Umsetzung von Ideen arbeiten, für die schon lange keine Zeit mehr war. Viele Musiker sind ja zum Glück in der Situation, dass sie ihr Instrument zu Hause haben und in einen kreativen Schöpfungsprozess einsteigen, ihrer Kreativität freien Lauf lassen oder einfach üben können. So schmerzvoll die vielen Absagen waren, so sehr habe ich die Zeit zu Hause genutzt und genossen. Jetzt gerade haben wieder eine ähnliche Situation wie im Frühjahr. Gemeinsam mit Klemens Bittmann arbeite ich an neuen Eigenkompositionen für das Duo, aber auch an meinem eigenen Repertoire oder an neuen Kompositionen für Cello im Sinne eines intuitiven Songwriting-Prozesses. Seit Oktober ist die Betreuung meiner Studierenden dazugekommen, die mir sehr große Freude bereitet. Auch wenn wir die Zeit herbeisehnen, in der Unterricht wieder uneingeschränkt in Präsenz stattfinden kann, fühle ich mich beim Unterrichten sehr zu Hause. Generell ist dieses Jahr für mich voller Kontraste. Einerseits hat die Pandemie vieles völlig aus der Bahn geworfen, andererseits hat sich mit der Professur an der Universität Mozarteum ein Traum für mich erfüllt.

 

Wie empfinden Sie das Onlineunterrichten und wie geht es Ihren Studierenden damit?

Wir sind uns einig, dass wir da jetzt einfach gemeinsam durch und das Beste draus machen müssen. Über gewisse Aspekte wie Klanggebung und Farb-Nuancierung kann man online nur sehr schwer sprechen, dafür gibt es aber andere Dinge, die mehr technischer Natur sind, die man auch über einen flackernden Bildschirm, der immer wieder mal hängenbleibt, vermitteln kann … (lacht)

Bereits die Aufnahmeprüfungen vor dem Sommer konnten nur online stattfinden, was ein spannender Prozess war – und besser funktioniert hat, als man vielleicht meinen würde. Auch in einer Videosituation bekommt man ein gutes Gefühl für die künstlerische Persönlichkeit und das künstlerische Potenzial der Bewerberinnen und Bewerber. Tatsächlich war es online für einige Studierende vielleicht sogar einfacher, weil sie nicht mit jener Nervosität konfrontiert waren, die sich beim Live-Vorspiel oft ergibt. Zusätzlich zum klassischen Konzertfach habe ich auch eine Lehrveranstaltung zu progressiveren Cello-Aspekten mit dem Namen „Groove Cello“ ins Leben gerufen, die leider schon nach dem ersten gemeinsamen Unterricht im Oktober nicht mehr in Präsenz stattfinden konnte, sodass wir uns seither mit wöchentlichen Aufgaben behelfen müssen. Die Studierenden nehmen Videos zu den Aufgaben auf und ich schicke ihnen Feedback-Videos zurück. Die persönliche Betreuung ist so vielleicht sogar besser als in der Gruppe, wo oft zu wenig Zeit für den Einzelnen bleibt.

 

Ist die Lehrveranstaltung zu progressiven Spieltechniken ein erster Akzent, den Sie an der Universität Mozarteum setzen wollen?

In erster Linie geht es natürlich ums Konzertfachstudium und um das Repertoire, also um das Meistern des Cellos im klassischen Sinn. Zudem aber eben auch um diese andere Facette, die mir in meiner persönlichen Entwicklung ungemein geholfen hat – durchaus im Sinne einer Befreiung am Instrument. Das klassische Konzertfachstudium kann mit sehr viel Druck und Erwartungshaltung verbunden sein und ist oft von Selbstzweifeln und vom Vergleich mit anderen geprägt. Einen kreativ-schöpferischen Ansatz zum Instrument zu finden, bei dem man in sich hineinhört und ganz ohne Noten einfach man selber ist, kann wesentlich dazu beitragen, ein gesundes Selbstvertrauen zu entwickeln. Dieses Vertrauen in sich selbst wiederum ist für die Interpretation vieler Repertoire-Stücke unabdingbar. Das Instrument in seiner Gesamtheit zu vermitteln, ist mir ein großes Anliegen.

 

2012 gründeten Sie mit dem Geiger und Mandolaspieler Klemens Bittmann das bereits erwähnte Duo BartolomeyBittmann. War das ihr persönlicher „Befreiungsschlag“?

In gewisser Weise bestimmt, ja. Als ich nach dem Studium nach Wien zurückging, war ich mit einem großen Fragezeichen konfrontiert. Orchester, Solo, Kammermusik – ich wusste einfach nicht, wohin die Reise gehen sollte. Zudem war mein Vater Franz Bartolomey als Solo-Cellist bereits die dritte Generation Musiker bei den Wiener Philharmonikern. Hätte ich ein Probespiel bei den Wiener Philharmonikern bestanden (einmal war‘s sogar sehr knapp), wäre ich die vierte Generation gewesen. Das bringt viel Druck und Erwartungshaltung mit sich und man ist ganz automatisch in einer permanenten Vergleichssituation mit dem Vater. Zu verstehen, dass ich einen anderen Weg einschlagen möchte, hat lange gedauert, war letztlich aber ein sehr lohnender und wichtiger Prozess. Diese Suche nach der ehrlichen Identifikation mit dem eigenen Selbst haben meine Eltern immer sehr unterstützt und dafür bin ich überaus dankbar. Manchmal beneidet mich mein Vater sogar für meine Freiheiten – das ehrt mich sehr … (lacht)

 

Sprechen Sie von Ihrer Freiheit, mit dem Instrument neue Wege zu beschreiten?

Ja, genau. Die Bekanntschaft mit Klemens Bittmann, der aus dem Jazz und der freien Szene kommt und den ich aus einer Intuition heraus fragte, ob er nicht Lust auf ein gemeinsames Projekt hätte, war tatsächlich die Initialzündung für vieles, was sich nach dem Studium entwickelt hat und mich nachhaltig mit Sinn erfüllt. Dementsprechend hat das Projekt auch sehr schnell und ernsthaft Fahrt aufgenommen. Von Anfang an war die Idee des Duos, das klassische Instrumentarium mit unseren Eigenkompositionen auf einen neuen Weg zu führen – einen, der auch all jene Musikrichtungen miteinschließt, mit denen wir aufgewachsen sind, also Rock, Jazz und viele andere. Aktuell arbeiten wir an unserem vierten Programm und das Duo ist zu einem Lebensmittelpunkt für mich geworden. Die Begegnung mit Nikolaus Harnoncourt als Solo-Cellist im Concentus Musicus hat seit 2011 zu dieser Befreiung ebenfalls sehr viel beigetragen. Diese letzten Jahre seines Lebens waren geprägt von einer unfassbaren Lebendigkeit, die mich enorm inspiriert hat. Nikolaus Harnoncourt verkörperte eine Unbedingtheit im Musikmachen, die einzigartig war und auch über seinen Tod hinaus weiterschwingt.

Die klassische Musik, die ich teilweise in der ersten Zeit nach dem Studium ein wenig vernachlässigt habe, ist mittlerweile wieder stark in den Vordergrund gerückt – ich bin sozusagen zu meinen Wurzeln zurückgekehrt und kann sie nun voll auskosten, etwa bei Trioprojekten mit Benjamin Schmid und Ariane Haering, aber auch bei Solokonzerten und Kammermusik-Projekten mit legendären Musikern wie Helmut Deutsch am Klavier. Auch als Komponist freue ich mich auf drei Auftragskompositionen für das nächste Jahr – für das Wiener Kammerorchester, die styriarte Graz und den Wiener Konzertverein. Mit meiner Rückkehr an die Universität Mozarteum Salzburg als Professor beginnt nun für mich ein neuer Lebensabschnitt, dem ich voller Dankbarkeit und Freude entgegensehe.