Erinnerungsorte III

Di. 27.1.2026
Symposium
Eintritt frei!
Blick auf die Täter*innen und Opfer: Musik im Ghetto und im Konzentrationslager. Vorträge und Diskussionen

Übersicht

Musik war Teil der Strategie von Verführung und Gewalt, um über klingende Staatspropaganda ein politisches System zu etablieren und zu konsolidieren. Dadurch, dass Musik als eine der emotionalsten unter den Künsten gelten kann, sollte sie als emotional aufgeladener Kommunikationsfaktor zwischen der Führungsriege und der Bevölkerung wirken. Ziel war es, die Bevölkerung für die NS-Ideologie zu faszinieren und sie darauf einschwören. Den auf Größenwahn, Abwertung und Ausgrenzung basierenden Weltbildern sollte geglaubt werden, statt sie kritisch zu hinterfragen. Dahinter steht das Transzendenzpotenzial der Musik, d.h. die Gegenwart oder Realität zu verschleiern oder umdeuten zu können und sie als eine ‚andere‘ Wirklichkeit erscheinen zu lassen.

Ein ‚andere‘, nach neuen ,Regeln‘ funktionierende Wirklichkeit boten jene Orte, an denen Unmenschlichkeit und Vernichtungswille die Handlungsgrundlagen bildeten. Die Rolle der Musik in den Ghettos und insbesondere in den Konzentrationslagern ist in den Fokus zu nehmen, da das Transzendenzpotenzial sowohl bei den Inhaftierten als auch den SS-Wachmannschaften zum Tragen kam.

Zwar sind für die Opfer die Mechanismen bislang beschrieben worden, die Musik als „Über-Lebens-Mittel“, als Trost, Solidarität- und Identitätsstiftung und -bewahrung wirksam werden ließen. Die Frage stellt sich hier nach dem konkreten Repertoire und seinen möglichen Funktionen und Wirkungen, d.h., inwiefern sich Identität in neu komponierter Musik als persönliches oder allgemeingültiges Bekenntnis widerspiegelte. Auf der Täter*innenseite ist das Gewaltpotenzial zu beleuchten, das insbesondere in der Umdeutung bereits existenter und populärer Musik als Folterinstrument und zynisch-groteske Kommentierung von Situationen und Anlässen eingesetzt wurde.

Referent*innen und Vorträge:
Dr.in Christine Oeser (Osnabrück) - ENTFÄLLT LEIDER

ERSATZ:
Univ.Prof.in Dr.in Yvonne Wasserloos (Salzburg)
„…fragte mich, ob Sie schon deportiert worden seien, da Sie nicht mehr spielen.“
Musikalische Überlebensstrategien zur Bewahrung von Würde und Identität

Prof. Dr. Birger Petersen (Mainz)
Komponieren im Lager. Anmerkungen zu Olivier Messiaen, Hans Gál und Viktor Ullmann

Prof. Dr. Immanuel Ott (Mainz)
Lärm und Leerstelle. Zur Alterität von Musik im und nach dem Holocaust

Moderation und Diskussion: Prof.in Dr.in Yvonne Wasserloos

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Birger Petersen:
Komponieren im Lager. Anmerkungen zu Messiaen, Gál und Ullmann

Wie gebrochen wird komponiert, wenn die Urheber der Werke im Lager inhaftiert unter Bedingungen arbeiten müssen, die nicht einmal annähernd die Möglichkeiten bieten, die die jeweiligen Komponisten in ihrer gewohnten Umgebung vorfinden? Oder ist das Komponieren im Lager – nicht zuletzt angesichts der apokalyptischen Lebensumstände – in erster Linie Flucht in eine andere Sphäre und damit zurück in die bereits betretenen Pfade? Dabei sind die vielfach ins Feld geführten Vokalkompositionen wegen der Hineinnahme textlicher Aspekte in die analytische Interpretation janusköpfig: Inwiefern lässt sich auch bei Kompositionen ohne Text die Besonderheit des Komponierens im Lager konstatieren? Im Beitrag werden Instrumentalkompositionen herausgestellt, die in Anlage und Besetzung durchaus Aspekte des Lagerlebens in seiner Beschränkung aufnehmen und kreativ nutzen: das Quatuor pour la fin du temps von Olivier Messiaen, entstanden im schlesischen Görlitz, die Huyton Suite von Hans Gál, entstanden im Internierungslager Huyton, sowie die letzte Klaviersonate des in Theresienstadt internierten Viktor Ullmann.

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Immanuel Ott
Lärm und Leerstellen. Zur Alterität von Musik im und nach dem Holocaust

Musik in den Konzentrationslagern war sowohl Instrument der Gewalt als auch Mittel des geistigen Überlebens. Doch diese Erfahrung bleibt uns heute radikal fremd – sie entzieht sich unserem Verstehen, unserer Darstellung und unserem ethischen Zugriff. Der Vortrag untersucht, wie Komponist:innen nach 1945 mit dieser dreifachen Alterität umgegangen sind: der epistemischen Grenze des Nicht-Wissen-Könnens, der ethischen Grenze der Nicht-Vereinnahmung und der ästhetischen Grenze des Nicht-Darstellbaren.

Im Zentrum steht der Nachvollzug einer ästhetischen Entwicklung, die historisch zu verstehen ist: von der expressiven Überwältigung, die das Grauen laut und drastisch zu machen versuchte, über dokumentarische Ansätze der Spurensicherung bis hin zur bewussten Inszenierung von Leerstellen und Stille. Diese Verschiebung – vom Lärm zum Schweigen – markiert einen grundlegenden Wandel im Umgang mit dem Undarstellbaren. Indem zeitgenössische Kompositionen auf Vollständigkeit verzichten und Lücken lassen, wahren sie die Alterität des Holocaust, ohne das Gedenken aufzugeben und in Schweigen zu verfallen.