Mit Tan Dun abwarten und Tee proben

05.12.2020
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Oper Tea: A Mirror of Soul | © Christian Schneider

Für seine Musik zu Ang Lees Wuxia-Drama „Tiger and Dragon“ wurde der chinesische Komponist und Dirigent Tan Dun 2000 mit einem Oscar ausgezeichnet. Seine Oper „Tea: A Mirror of Soul“ hätte am 2. Dezember an der Universität Mozarteum Salzburg Premiere gefeiert. Ob sie am 19. Dezember vor Publikum oder nur im Livestream vor der Kamera auf die Bühne gebracht werden kann, ist noch ungewiss.

Alles beginnt mit einem tiefen A, mit dem dunklen, stehenden Klang der Kontrabässe, die mit ihren Frequenzen an mystische Naturlaute erinnern. Dann hochfrequente Waterphones, ein Schatten, eine tibetanische Klangschale und plötzlich, wie aus ferner Vergangenheit, eine Stimme, eine Melodie.

Aus einem Minimum an Material formen sich nach und nach Sprache, Bewegung, Oper – aus wenig entsteht alles. Tan Dun arbeitet hier wie ein Klangmagier, dessen Zauber Kai Röhrig, Professor für Musikdramatische Gestaltung an der Universität Mozarteum Salzburg, an Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, insbesondere an „Das Rheingold“ erinnert. „Es beginnt auf dem Grund des Rheins und aus diesem komponierten Urklang entsteht alles Weitere.“ Der Anfang zieht einen nicht nur in Tan Duns Klangwelt, sondern sofort auch in die Geschichte hinein: In einer Teezeremonie im alten Kyoto trinkt ein Mönch aus einer leeren Teetasse und erinnert sich an sein Ich vor zehn Jahren. In einer Art Reenactment wirkt die Zeremonie, das bewusste Erleben des Rituals, wie ein Trigger, der ihn mit seinen schmerzlichen Erinnerungen konfrontiert.

Die Teezeremonie hat in der asiatischen Kultur einen hohen Stellenwert. Gleichzeitig verbindet sich mit ihr etwas Soziales, Sinnliches und Philosophisches. Sie bildet den Höhepunkt einer Begegnung und zelebriert das respektvolle Miteinander, mit Wertschätzung und Achtsamkeit zu tun. „Vor allem unsere asiatischen Studierenden blühen in der Produktion auf, weil sie uns etwas über die Traditionen ihrer Heimat erzählen können“, so Kai Röhrig. „Die Oper ist außerdem extrem melodisch und kantabel, sie erinnert damit an Werke von Puccini, beispielsweise seine Turandot oder Madama Butterfly, die beide auch in Asien spielen. Opernstimmen, die italienische Gesangsmusik lieben, fühlen sich bei Tan Dun aufgehoben. Mehr als das, hat Tan Duns Musik eine für die zeitgenössische Oper ungewöhnliche stilistische Offenheit und Zugänglichkeit. Er ist ein Brückenbauer der Kulturen. Er will Menschen erreichen und hat damit großen Erfolg. Der Untertitel A Mirror of Soul gilt somit auch für die Musik – man spürt, wie Studierende daraus schöpfen und sich dabei selbst entdecken können. Dass das Ensemble unglaublich Feuer gefangen hat für diese Oper, freut mich natürlich sehr.“

Da der Lehrinhalt des Masterstudiums „Oper und Musiktheater“ das Erarbeiten einer Opernproduktion auf der Bühne mit Orchester und die Opernaufführung vor Publikum Teil der Masterprüfung sind, hat die Universität in den letzten Monaten einen immensen Sicherheitsaufwand betrieben, um diese Studienleistungen zu ermöglichen. „Das Rektorat und das Sicherheitsmanagement der Universität haben uns von Anfang an total unterstützt – es wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit wir unsere Fächer trotz Covid-19 unterrichten können. Das macht einem auch noch einmal die Komplexität des Opernmachens bewusst. Es geht darum, an der Stimme, an der Sprache und am Ausdruck zu arbeiten und gleichzeitig all diese Aspekte im Miteinander zusammenzubringen. Eine Opernproduktion kann nicht online realisiert werden. Das geht einfach nur analog und in Präsenz. Neben dem fehlenden Publikum leidet die Opern- und Theaterbranche derzeit also auch unter den Einschränkungen bei der alltäglichen Arbeit“, resümiert Kai Röhrig.

Nach dem Vorbild der Salzburger Festspiele wurde das komplette Team und Ensemble bis zum zweiten Lockdown wöchentlich getestet, Kontaktpersonen mussten die Proben für 10 Tage unterbrechen. Bisher gab es im Ensemble keinen positiven Fall. „Wir haben die Hoffnung, dass wir ab dem 7. Dezember wieder proben und die Premieren der zwei Besetzungen am 19. und 20. Dezember stattfinden lassen können. Wenn es ohne Publikum sein muss, werden die Vorstellungen zumindest aufgezeichnet und am 22. Dezember sowie am 6. Jänner um 19 Uhr als Onlinepremieren auf der Website der Universität gezeigt. Wir hätten dann lediglich eine dreiwöchige Unterbrechung gehabt, das Ensemble würde die Proben ausgeruht und fokussiert wieder aufnehmen und auf die Opernbühne zurückkehren können.

Vor allem für die Mitwirkenden, alle angehenden Sängerinnen und Sänger und das Sinfonieorchester der Universität Mozarteum Salzburg würde ich mir wünschen, dass ‚Tea‘ tatsächlich aufgeführt werden kann und viele Zuschauer*innen erreicht. Die Studierenden haben in dieses Projekt sehr viel Zeit, Herzblut und vor allem Disziplin investiert – auch hinsichtlich der Minimierung ihrer Sozialkontakte während der Probenzeit“, so Kai Röhrig. Bis dahin heißt es mit Tan Dun gesprochen wohl noch abwarten und Tee proben.

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