„Man muss die Welt verstehen, in der man sich bewegt“
Lisa Batiashvili ist ständig unterwegs: Philadelphia, Oslo, London, Los Angeles. Im Gepäck: ihre Geige, Turnschuhe – und Nackenpflaster. Im Oktober übernimmt die georgisch-deutsche Geigerin zusätzlich eine Professur für Violine an der Universität Mozarteum. Ein Gespräch über junge Musiker*innen, musikalische Genregrenzen und die Frage, was Musik mit einer wachen Gesellschaft zu tun hat.
Lisa Batiashvili hat auf Reisen gewisse Dinge immer dabei. Ihre Turnschuhe zum Beispiel. Und Nackenpflaster. Die braucht sie, wenn die vielen Flüge, Hotelzimmer und Konzertsäle ihren Tribut fordern. „Reisen und ständig neue Situationen machen körperlich müde“, sagt sie. Man müsse lernen, damit umzugehen. Dazwischen: Familie, Proben, ihre Foundation. Und nun kommt noch eine Aufgabe hinzu: Im Oktober übernimmt sie die Professur für Violine an der Universität Mozarteum Salzburg.
Sie sind seit Jahrzehnten als Solistin unterwegs. Wie schafft man es, bei diesem Tempo auf der Bühne präsent zu bleiben?
(lacht) Man weiß irgendwann ziemlich genau, was man braucht und muss zusehen, dass man sich so viel Komfort wie möglich schafft, damit man auf der Bühne noch gut ist. Ich versuche deshalb zum Beispiel, überall Sport zu machen.
Man muss zudem auch lernen, auf Reisen abzuschalten. Der Alltag ist etwas, in dem man ständig mit irgendetwas beschäftigt ist. Wenn ich unterwegs bin, versuche ich, vollkommen bei der Musik zu sein. Und ich konzentriere mich zu 100 Prozent darauf.
Warum kommt die Professur gerade jetzt?
Ich habe bewusst viele Jahre gewartet. Solange meine zwei Kinder klein waren, wollte ich die Zeit, die mir nach den Konzerten blieb, zu Hause verbringen. Mein Sohn ist jetzt 18 geworden und hat gerade seinen Schulabschluss gemacht. Jetzt ist tatsächlich der Moment gekommen, in dem ich etwas weitergeben möchte. Nach mehr als 25 Jahren auf der Bühne habe ich das Bedürfnis, mein Wissen, meine Erfahrungen und meine Liebe zur Musik mit einer jungen Generation zu teilen.
Was unterscheidet diese Generation von Ihrer?
Sie ist vielseitiger, hat mehr Interessen, ist offener und bekommt früher viel mehr Informationen – durch das Internet, aber auch durch die Möglichkeiten des Reisens. Als ich Kind war, konnten viele Menschen ihre Länder gar nicht verlassen. Heute ist das wesentlich einfacher. Und ich glaube, dass dadurch auch die klassische Musik insgesamt mehr Möglichkeiten bekommen hat.
Auch Genregrenzen scheinen durchlässiger zu werden …
Ja. Früher war man entweder klassischer Musiker oder man machte Crossover oder Jazz. Heute hingegen hat man verstanden: Mit Geschmack und auf hohem Niveau kann man jede Art von Musik spielen. Und das verändert auch die klassische Musik. Denn wenn man sich mit verschiedenen Arten von Musik beschäftigt, wird man eine Brahms-Sonate anders interpretieren, als wenn man sich nur mit klassischer Musik auseinandersetzt.
Mit Ihrer Stiftung fördern Sie junge Musiker*innen in Georgien. Was erleben Sie dort?
Als ich einige der jungen Musiker*innen zum ersten Mal gehört habe, war mir sofort klar: Mit diesen Talenten möchte ich länger arbeiten und sie nicht nur kurz unterstützen. Zum Beispiel der Komponist Tsotne Zedginidze. Oder Giorgi Gigashvili, ein fantastischer Pianist, der Klassik, Pop und Jazz spielt. Durch diese Generation habe ich selbst eine neue Art des Musizierens kennengelernt – es ist ein Geben und Nehmen. Generell inspiriert mich Großzügigkeit. Gerade auch in der Musik. Wenn Menschen bereit sind, etwas von sich zu geben, macht mich das sehr glücklich. Ich glaube, dass diese Generation die Zukunft der klassischen Musik beeinflussen wird.
Was brauchen junge Musiker*innen heute – außer musikalischer Neugier?
Es reicht heute nicht mehr, einfach sehr gut zu spielen. Junge Musiker*innen müssen ein eigenes Profil entwickeln, denn der Markt ist zwar offen, aber auch überlastet. Es genügt außerdem auch nicht mehr, sich ausschließlich mit Musik zu beschäftigen. Man muss auch die Welt verstehen, in der man sich bewegt und entwickelt. Wir brauchen generell mehr Bewusstsein – in der Gesellschaft, in der Kunst, in der Musik. Bei den Menschen, die tatsächlich auch für andere Menschen da sind. Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der wir uns nur auf unsere eigene Sache konzentrieren können. Wir müssen uns mit der Realität auseinandersetzen. Vielleicht ist gerade das etwas, was im Westen in den vergangenen Jahren ein bisschen in den Hintergrund gerückt ist. Gott sei Dank gab es lange Frieden, und viele Konflikte waren weit weg. Aber ich glaube, jetzt ist es Zeit, dass Europa aufwacht und eine Gesellschaft fördert, die sehr wachsam ist.
(Ersterschienen in den Uni-Nachrichten / Salzburger Nachrichten am 3.10.2026)