„Es ist vollkommen in Ordnung, bestimmte Werke nicht zu mögen!"
Am 5. März präsentiert das ARCOENSEMBLE im Rahmen des Konzerts "sinews and flesh" fünf Uraufführungen. Die Pianistin des Ensembles und Alumna der Universität Mozarteum Alba Llorach Roca und der junge Komponist Yannai Schrire sprechen im Interview über das Besondere an zeitgenössischer Musik, die intensive Zusammenarbeit während der Proben zwischen Instrumentalist*innen und Komponist*innen und lassen uns am Entstehungsprozess der eigenen Komposition teilhaben.
Alba, du warst bei einem Großteil der Projekte des ARCOENSEMBLES seit dessen Gründung im Jahr 2024 als Pianistin dabei. Was reizt dich an diesem Ensemble und an der Erarbeitung zeitgenössischer Musik?
Zeitgenössische Musik nimmt in der klassischen Musikwelt immer noch ziemlich wenig Raum ein. Genau deshalb fand ich die Gründung des ARCOENSEMBLES an der Universität Mozarteum so wichtig: als bewussten Schritt in die musikalische Gegenwart und als Raum für eine ernsthafte, neugierige Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Ensembleliteratur. Es macht mir große Freude, diesen Ort für experimentelle, präzise und kreative Klangarbeit mit langjährigen Kolleg*innen unter der Leitung von Kai Röhrig zu teilen.
Nach deiner klassischen Klavierausbildung in Spanien und Salzburg hast du den Master Neue Musik bei Eung-Gu Kim und Torsten Reitz an der Universität Mozarteum Salzburg absolviert. Gab es ein „Schlüsselerlebnis“, das dein besonderes Interesse für zeitgenössische Musik geweckt hat?
Ein einzelnes „Schlüsselerlebnis“ gab es für mich eigentlich nicht. Vielmehr war es ein inneres Bedürfnis, zu entdecken, was Musik in den letzten Jahrzehnten bis heute zu sagen hatte – denn letztlich ist jetzt unsere Zeit. Für mich ist es als Künstlerin ein notwendiger Schritt, den heutigen Reflexionen, Fragen und auch Problemen eine Stimme zu verleihen. Die Sprache der zeitgenössischen Musik eröffnet dafür besondere Möglichkeiten, weil sie offen ist, suchend, und nicht vorgibt, bereits alle Antworten zu kennen. Gleichzeitig habe ich mich in der sogenannten traditionellen klassischen Musikwelt oft eingeengt gefühlt: eine sehr gerade Linie, stark geprägt von Wettbewerb, Leistung, Konkurrenz und Perfektion als absolute Werte – in einer Entwicklung, die nicht immer unmittelbar mit Musik oder künstlerischem Ausdruck zu tun hat. Die zeitgenössische Musik hat mir dagegen meine künstlerische Freiheit zurückgegeben: die Freiheit, mit Klang zu arbeiten, zu experimentieren und meine eigene Haltung zu finden.
Was ist das Besondere an der direkten Zusammenarbeit mit jungen Komponist*innen, deren Werke zwar formal vor Probenbeginn fertiggestellt sind, oftmals aber erst im Probenprozess den letzten Feinschliff erhalten? Kannst du uns einen Einblick in den Probenprozess geben?
Für mich liegt der Reiz dieser Zusammenarbeit vor allem im Dialog. Die Stücke entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern entwickeln sich im direkten Austausch zwischen Komponist*innen und Interpret*innen weiter. Unsere Projekte beginnen meist mit einer Kennenlernrunde: Erste Ideen werden geteilt, Fragen geklärt und Erwartungen formuliert – von beiden Seiten, sowohl von den Komponist*innen als auch von den Musiker*innen. Sehr schnell geht es dann in die praktische Arbeit: Wir treffen uns, probieren direkt am Instrument, hören, wie bestimmte Ideen klingen, und suchen gemeinsam nach Alternativen, die der Klangvorstellung der Komponist*innen möglichst nahekommen. Entscheidend ist in dieser Phase gegenseitiger Respekt und Offenheit – das ehrliche Interesse daran, zu hören und zu verstehen, was die andere Seite ausdrücken möchte. Nach einer längeren Schreib- und Entwicklungsphase folgen schließlich die Ensembleproben. Das ist ein besonders spannender Moment, in dem gemeinsam mit Kai Röhrig der letzte Feinschliff entsteht, vor allem in der Gestaltung und Balance des Ensembleklangs.
Wenn du das Ensemble mit drei Worten beschreiben müsstest, welche wären das?
Neugierig – klangbewusst – offen
Yannai, du hast dein Kompositionsstudium 2021 in Jerusalem begonnen und studierst aktuell an der Universität Mozarteum in der Klasse von Sarah Nemtsov. Warum hast du dich für Salzburg entschieden? Welches Rüstzeug bekommst du im Rahmen deiner Ausbildung hier am Haus mit, um als Komponist deinen eigenen Weg zu gehen?
Ich habe mich aus mehreren Gründen für ein Studium in Salzburg entschieden: Ich hatte bereits viel über Sarah Nemtsov gehört und kannte einige ihrer Werke. Außerdem bietet die Universität Mozarteum zahlreiche interessante Möglichkeiten für Kompositionsstudierende und nicht zuletzt ist die Szene für zeitgenössische Musik in Österreich deutlich größer als in Israel. Der Kompositionsunterricht bei Sarah Nemtsov ist sehr prägend: Ich lerne verschiedene Strategien und Herangehensweisen für meine kompositorische Arbeit, außerdem profitiere ich enorm von Gesprächen mit anderen Kompositionsstudierenden. Wir tauschen uns über neue Gedanken und Ansichten aus, über den kreativen Prozess und die Musik im Allgemeinen, aber auch über den Weg, der noch vor mir liegt. Besonders wichtig ist mir als Komponist ein guter Kontakt zu verschiedenen Instrumentalist*innen – nicht nur im Hinblick auf die Aufführung meiner Werke, sondern vielmehr, um das Verständnis ihrer jeweiligen Instrumente zu vertiefen, Einblick in das bestehende Repertoire zu bekommen und um neue Spieltechniken auszuprobieren.
Was ist dein Antrieb, ein neues Werk zu erschaffen? Welche Schritte gehst du von der ersten Idee bis zur fertigen Komposition?
Das variiert von Werk zu Werk. Oft gibt es einen Gegenstand oder eine Idee unabhängig von Musik, die ich musikalisch zu erkunden versuche. Das kann ein einzelnes Wort, ein Konzept, akustische Phänomene oder auch eine Idee aus einem Roman, einer Serie oder einem Film sein, auf die ich mich besonders fokussiere. Gleichzeitig verstehe ich das entstehende Werk nicht als Darstellung dieser Idee, dafür ist Musik für mich viel zu abstrakt. Dieser Fokus dient als Leitprinzip für die Entwicklung der ersten Ideen eines Stücks – Ideen, von denen ich glaube, dass sie immer auch ein willkürliches Moment enthalten, das letztlich auf einer persönlichen Vorliebe für etwas beruht. Darauf folgen Skizzen, nach Möglichkeit Begegnungen mit den Ausführenden sowie der „eigentliche“ Kompositionsprozess, während dem ich mich mit Hintergrundgeräuschen umgebe und versuche, diese bewusst auszublenden.
Im Rahmen des Ensemblekonzertes im März wird dein neues Werk Sinews and Flesh Came Up Upon Them (II) uraufgeführt. Wie kam es zu dieser Komposition?
Diese Frage besitzt eine gewisse Selbstreferenzialität, da der Titel des Stücks auf die hebräische Redewendung „karam or vegidim“ (קרם עור וגידים) zurückgeht, die das Materialisieren von Ideen, ihr „Gestaltannehmen“ beschreibt und ihren Ursprung im Buch Ezechiel hat. Diese Wendung diente mir als außermusikalischer Bezugspunkt; der anschließende Arbeitsprozess ähnelte dabei meinem Vorgehen bei vielen anderen Werken. Nachdem ich die außermusikalische Idee gefunden hatte – auf deren Grundlage ich beschloss, mehrere Stücke zu entwickeln –, fertigte ich parallel Skizzen mit unterschiedlichen Ansätzen an. Um die mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auszuloten, habe ich alle beteiligten Instrumentalist*innen – teils mehrmals – persönlich getroffen. Diese Zusammenarbeit war für mich von zentraler Bedeutung.
Zeitgenössische Musik wird dank zahlreicher Veranstalter, die sich explizit dem Entdecken von Neuem widmen, immer sichtbarer. Trotzdem erreichen zeitgenössische Kompositionen oftmals nur einen „ausgewählten Kreis“ an Zuhörer*innen. Wie kann man deiner Meinung nach Menschen für zeitgenössische Musik begeistern?
Ich halte „zeitgenössische Musik“ für ein sehr weites Feld, das nicht auf eine einzige Herangehensweise reduziert werden kann. Sehr allgemein gesprochen handelt es sich bei zeitgenössischer Musik um eine Nische innerhalb einer weiteren Nische, nämlich der Konzertmusik. Auch wenn sie durchaus die Fähigkeit besitzt, Menschen anzusprechen, die sonst keine regelmäßigen Konzertbesucher*innen wären. Ich glaube nicht, dass große Publikumszahlen das eigentliche Ziel sein sollten, und bin der Ansicht, dass zeitgenössische Musik – ähnlich wie andere Bereiche, etwa die theoretische Physik oder die Philosophie – nicht als „Zahlenspiel“ verstanden werden sollte, sondern auf ihre eigene Art und Weise Wertschätzung verdient. Das bedeutet aber nicht, dass zeitgenössische Musik allein deshalb, weil sie experimentell ist, „abgehoben“ oder „akademisch“ ist. Es ist ein Vorteil, dass bei der ersten Begegnung mit zeitgenössischer Musik noch kein Filter über der Musik liegt – im Gegensatz zu älteren Werken. Neue Werke hatten noch keine Gelegenheit, sich über längere Zeit zu bewähren oder beurteilt zu werden. Dadurch entsteht ein Moment des Zufalls, des Nichtwissens, was einen erwartet, sowie die Notwendigkeit, zu akzeptieren, dass diese Musik nicht den „Trost der Vertrautheit“ bieten muss. Es ist vollkommen in Ordnung, bestimmte Werke nicht zu mögen; aber es gibt so viel zeitgenössische Musik, dass sich immer Werke finden, die dem eigenen Geschmack entsprechen.