Experimentierstelle Klang

05.10.2026
News
© Fabian Schober

Das Institut für zeitgenössische Musik an der Universität Mozarteum setzt auf künstlerische Vernetzung, gelebte Interdisziplinarität und vor allem – Experiment.

Musikgeschichte wird bekanntlich nicht in der Vergangenheit geschrieben, sondern im Hier und Jetzt. Man findet sie dort, wo Neues entsteht und das Wagnis des Unerprobten Raum findet. An der Universität Mozarteum ist einer dieser Orte das Institut für zeitgenössische Musik, das sich Anfang des Jahres neu positioniert hat und namentlich ein klares Signal setzte: Aus dem Institut für Neue Musik wurde das Institut für zeitgenössische Musik. Während die Neuen Musik mit den Avantgarde-Strömungen des 20. Jahrhunderts und historischen Schulen assoziiert wird, weitet der Begriff der „Zeitgenössischkeit“ den Horizont. Er steht für eine Gegenwart, die divers, hybrid und multimedial ist. „Unsere essenziellste Aufgabe im Bereich der zeitgenössischen Musik – einem der wichtigsten Kernbereiche einer Kunstuniversität – liegt darin, aktuelle Strömungen, Formate und Vermittlungsmodelle zu definieren und weiterzuentwickeln. Genau das muss das Institut in Zukunft leisten und leben“, erklärt Kai Röhrig (Interimistischer Leiter des Instituts, Univ.-Prof. für Musikdramatische Darstellung). Seine Vision für die Übergangszeit und darüber hinaus zielt auf ein echtes Miteinander ab und auf die verstärkte Rolle des Instituts, als kraftvolles Bindeglied zwischen den Departments der Universität zu fungieren. Als Schnitt- und Experimentierstelle vereint es die Ausbildung junger Komponist:innen mit der praktischen Umsetzung durch hochspezialisierte Instrumentalist:innen und Dirigent:innen.

Die Dynamik dieser Synthese beweist das 2024 gegründete ARCOENSEMBLE, das sich unter Röhrigs musikalischer Leitung im Bereich der zeitgenössischen Musik zum kreativen Motor des Hauses entwickelt hat. „Die Arbeit im ARCOENSEMBLE unterscheidet sich von klassischen Orchesterarbeit durch die zutiefst kammermusikalische und partizipative Geisteshaltung. Es passiert oft, dass man in den Pausen bleibt, Klänge ausstimmt oder heikle Passagen miteinander durchspielt. Diese Leidenschaft für das feinste Detail ist im Orchesteralltag nicht möglich.“ Gekoppelt an das Ensemble ist das Fach Dirigieren innerhalb des Internationalen Masterstudiums Neue Musik (Berlin – Zürich – Salzburg), bei dem Studierende als „Associate Conductor“ direkte Verantwortung am Pult übernehmen.

Auch in der Kompositionsausbildung geht es an der Universität Mozarteum längst nicht mehr um das Erlernen starrer Dogmen. Die Zusammenarbeit z. B. mit dem Operndepartment, externen Kooperationspartner:innen wie Wien Modern oder namhaften Komponist:innen wie Chaya Czernowin, Fabien Panisello oder Lisa Streich ermöglichen ein Umfeld von höchster Qualität und gleichzeitigem Freiraum. Laure M. Hiendl (Univ.-Prof. für Komposition) betont die Vielfalt der Ausbildung, von der Studierende profitieren: „Wir unterrichten die ganze Bandbreite des Komponierens: von Instrumentation über Ästhetik und philosophische Fragestellungen bis hin zu Kompositionsanalyse und einem großen Anteil Elektronik. Es geht nicht darum, Formate um der Formate willen zu suchen, sondern aus dem Inneren der kompositorischen Idee heraus radikal deren Darstellungsform zu finden.“ Die Infrastruktur der Universität bietet dafür ideale Rahmenbedingungen: Mit der Eröffnung des neuen Standorts der Universität Mozarteum am Kurgarten (UMAK) stehen den Studierenden das Studio für Elektronische Musik (das auf eine über 60-jährige Geschichte zurückblickt), das X-Reality-Lab sowie modernste Raumklang-Technologien zur Verfügung. Digitalisierung wird nicht als Ersatz für das Musikalische verstanden, sondern als Erweiterung des kreativen Risikoraums: „Wer spielt oder komponiert, steht beim Einsatz von Raumklang oder Elektronik vor der Aufgabe, nicht mehr nur festzulegen, was gespielt wird, sondern auch, von wo und wie es zu hören ist. Musiker:innen lernen, sich selbst als Teil eines größeren, sich bewegenden Klangbildes wahrzunehmen – Komponist:innen müssen neue Wege finden, Bewegung, Verteilung und das Zusammenspiel mit Live-Elektronik festzuhalten,“ erklärt Achim Bornhoeft (Univ.-Prof. für Komposition). Der Raum und die Klangbeschaffenheit werden zu Parametern gleichen Rangs wie Tonhöhe und Rhythmus, die Grenzen zwischen Komposition, Klangkunst und Performance verschwimmen. Und es entstehen neue Dynamiken: „Bei jüngeren Generationen ist mitunter ein etwas fragmentiertes Wissen zu beobachten, mit weniger geschichtlichem Kontext bzw. Erinnerung – gleichzeitig bringen Studierende beindruckend viele Kompetenzen und Wissen aus anderen Bereichen mit. Ich glaube und hoffe, dass der Dialog insgesamt durch Respekt und Achtsamkeit geprägt ist, denn so kann man den Studierenden Mut zu machen, künstlerisch etwas zu riskieren,“ so Sarah Nemtsov (Univ.-Prof.in für Komposition).

Das Institut begreift sich bewusst als geschützter Raum, in dem das künstlerische Scheitern als wertvoller Schritt auf dem Weg zur eigenen Ästhetik erlaubt ist. Der kontinuierliche Austausch erweitert den Aktionsradius der Studierenden – so auch beim Highlight im Festivalkalender des Instituts, dem LIMINA Festival. Die internationale Plattform für junge Komponist:innen und Interpret:innen zeitgenössischer Musik aus ganz Europa bietet Einblicke in aktuelle ästhetische Entwicklungen, immer mit Fokus auf den Mehrwert für Teilnehmende und Publikum, wie Marco Sala (stv. Leiter des Instituts, LIMINA-Team) betont: „LIMINA stellt junge Komponist:innen in den Mittelpunkt: Die Teilnehmenden werden einerseits über einen Open Call ausgewählt, anderseits nehmen sie im Rahmen des Curriculums teil. Der Austausch zwischen den Komponist:innen der neuen Generation und die Möglichkeit, über 20 Uraufführungen zu erleben, machen das Festival zu einer Besonderheit.“ Heuer stehen u. a. Konzerte von NAMES, œnm, Duo Deutsch-Ginot, LaKT Ensemble und ponysays und ein Gesprächskonzert mit Rojin Sharafi auf dem Programm.

Das Institut für zeitgenössische Musik macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der Gegenwart als unabdingbare Basis einer zukunftsgewandten Kunstuniversität dient. Ob durch neue Formen der Raummusik, durch KI oder Symbiosen mit anderen Künsten: Mit einer erstarkenden internationalen Vernetzung, einem hochmotivierten Kollektiv aus Lehrenden und Studierenden und dem Mut zum Experiment werden nachhaltige Impulse für die Musiklandschaft weit über Salzburg hinaus gesetzt. To be continued!


(Ersterschienen in den Uni-Nachrichten / Salzburger Nachrichten am 3.10.2026)