Dieser Essay ist veröffentlich in der
Kunstzeitschrift „kursiv“ 1/1997, S.24 f.
Lob des Fehlers und des Jammerns darüber
Rainer Buland
Wer liest heutzutage gelehrte ironische Traktate
wie einen "Lob des Fehlers"? Sicherlich kein Atomkraftwerkstechniker.
Und das wohl zu recht. Auch ich bin froh, wenn in Atomkraftwerken möglichst
wenig Fehler passieren. Dabei könnten meine Gedanken für ihn nicht nur
interessant, sondern sogar relevant sein, denn Atomkraftwerke erlauben keine
Fehler, und sind daher innerhalb unserer Biosphäre die falsche Technik. Da lobe
ich mir die politische Unfähigkeit in Österreich. Da beging doch eine Regierung
tatsächlich den Fehler das Volk zu befragen, und durch diesen Fehler wurde der
Fehler ein Atomkraftwerk gebaut zu haben neutralisiert. Aber wie viele Völker
auf der Welt bringen dieses Kunststück zuwege?
Nein, das war ein völlig falscher Einstieg in
das Thema. Jetzt sind wahrscheinlich die Atomkrafttechniker und die Politiker
gleichermaßen verärgert, obwohl ich das eher als Kompliment gemeint hatte.
Die Techniker fielen mir lediglich deshalb ein,
weil sie dem Fehler eine neue Dimension eröffnet haben. In dieser Größenordnung
reichen die Wörter "Fehler", "Fehlfunktion" oder
"Unfall" nicht mehr aus. GAU und SuperGAU
sind die Errungenschaften der modernen Zivilisation, ohne dass ich mit diesen
neuen Worten irgendeine Vorstellung verbinden könnte. Ich weiß lediglich, dass
dadurch unter Umständen Millionen von Menschen eines langsamen und qualvollen
Todes sterben können, dass der GAU aber so selten ist, dass er praktisch nie
vorkommen wird - jedenfalls nicht bei uns oder um uns herum.
Die Techniker arbeiten also gleichzeitig an der
Möglichkeit des GAU's und an seiner Vermeidung!
Das scheint mir ein treffender Ausdruck für die
Entwicklung unserer Zivilisation überhaupt. Wir haben zum Beispiel hochkomplexe
Sprachen entwickelt, was eine Vielzahl von Fehlermöglichkeiten eröffnet hat,
grammatikalische Fehler, Schreibfehler, Sprachfehler, Fehler der Aussprache,
Verständigungsfehler, Missverständnisse und ähnliche. Jetzt sind wir ein
Gutteil unseres Lebens damit beschäftigt, diese Fehler zu vermeiden oder zu
korrigieren. Es haben sich sogar Fehlerkorrektionsberufe herausgebildet.
Deutsch- und Fremdsprachenlehrer korrigieren die Schüler, Sekretärinnen den
Chef, Lektorinnen korrigieren die Orthographie der Schriftsteller, und
Therapeutinnen korrigieren die Missverständnisse in den Ehen anderer. Mir
scheint für die Korrektur und Aufrechterhaltung der Beziehungen durch Sprache,
sind überwiegend die Frauen zuständig; alleingelassen von den Männern, die sich
der Erweiterung der Fehlermöglichkeiten widmen, und die Korrektur der
tatsächlich eintretenden Fehler den Frauen überlassen.
Wen habe ich jetzt wohl wieder verärgert?
Mir scheint es einfach nicht gelingen zu wollen, eine Stellung dem Fehler
gegenüber zu beziehen, die für alle Menschen konsensfähig ist.
Ich muss nochmals beginnen. Eine kleine
Geschichte:
Klavierstunde. Vorsichtig bewegt der Zehnjährige
seine kleinen Finger über die Tasten der Klaviatur. Manchmal verschwimmen ihm
die Kringel und Striche vor den Augen, so konzentriert ist er darauf fixiert
zur richtigen Zeit die richtige Taste zu drücken. Es geht hier nicht darum
Musik zu machen, sondern darum, Fehler zu vermeiden. Richtig ist einzig und
allein, was sich ein ihm Unbekannter vor über hundert Jahren ausgedacht hat,
und in einem komplizierten und unlogischen System von Zeichen notiert hat, mit
italienischen Tempobezeichnungen, zwei verschiedenen Vorzeichen - Nachzeichen
gibt es allerdings keine - dann wieder Auflösungszeichen, zuletzt
Wiederholungszeichen. Selbst wenn nichts zu spielen ist, steht da nicht einfach
nichts, sondern es gibt eine Menge von Pausenzeichen in den absonderlichsten
Formen. Hätte der Junge Muße, er könnte sich an der verschnörkelten, barocken
Formenwelt delektieren. So aber sitzt ihm die Angst im Nacken, in Form einer
ältlichen Ordensschwester, die vor sich hindöst. Und dann kommt er, er muss
kommen - der falsche Ton! Allein der Ton schmerzt, er sticht im Ohr. Patsch,
die Lehrerin schlägt ihm mit dem Lineal auf die Finger, und schreit ihn an:
"Fis!" Das schmerzt nochmals. Nicht so sehr die rötlichen Striemen,
sondern vor allem diese Stimme, die durch das Ohr schneidet wie ein
Glasschneider, "Fis!". Er hasst dieses Fis. Er kennt diesen Ton
schon. Immer wieder ist es dieses Fis. Eine schwarze Taste! Schon nach einem
Jahr Klavierquälerei hat er zu ahnen begonnen, warum manche Tasten schwarz
sind.
Er wird nie in den Schoß der Kirche finden, aber
nach vielen Jahren wird er seine Liebe zum Klavier entdecken, und mit Vorliebe
auf den schwarzen Tasten improvisieren, Fis, Cis, Gis, Dis, ja sogar Ais!
Nein, diese Geschichte hätte ich doch nicht
schreiben sollen. Jetzt sind sicherlich die Musikerzieher verärgert - sollten
solche tatsächlich unter den Lesern sein, was ich zwar nicht glaube, ich aber
auch nicht ausschließen kann. Dabei wollte ich doch lediglich daran
exemplifizieren, dass die Vermeidung von Fehlern noch lange keine Musik ergibt.
Sehr treffend heißt es im Deutschen 'ein
Instrument spielen', und nicht 'ein Instrument bearbeiten'. Ein Musiker ist ein
Spieler und kein Arbeiter, auch wenn er mit seiner Musik Geld verdient. Ein
Instrument spielen heißt, die Schwierigkeiten vergessen, im Klang versunken
sein, es heißt, sich dem Fehler, dem Scheitern auszusetzen, aber auch, sich von
der Fixierung auf den Fehler gelöst zu haben. Als Klavierlehrer erlebe ich oft,
dass ein Schüler immer wieder über dieselbe Stelle stolpert. Der Fehler ist
gleichsam eingeübt, der Schüler vom ersten Takt an darauf fixiert. Selbst dann,
wenn die technischen Fähigkeiten lange hinreichen würden, bleibt der Fehler
bestehen. Diese Fixierung ist erstaunlich leicht aufzuheben. Ich fordere den
Schüler auf, die betreffende Stelle nicht richtig zu spielen, sondern einen
Fehler zu machen. Zu seinem und meinem Erstaunen gelingt ihm der Fehler nicht,
und er spielt die Stelle richtig.
Es ist doch eigentümlich um den Menschen, soll
er einen Fehler begehen, kann er nicht. (Auch bei so genannten Fehltritten soll
das vorkommen.) Ein Instrument spielen bedeutet also, so paradox das klingt,
die innere Freiheit zu haben, einen Fehler machen zu dürfen, und damit davon
befreit zu sein, ihn machen zu müssen.
Wahrscheinlich war es überhaupt ein Fehler, den
Auftrag angenommen zu haben, ein Lob auf den Fehler zu schreiben.
Die humanistisch Gebildeten werden schon bei dem
Titel an Erasmus von Rotterdam denken und eine gelehrte, ironische Abhandlung
erwarten, voller Anspielungen auf die griechische Antike.
Diese hatte wenigstens den Vorteil, dass an
allem Unglück irgendein Gott, oder zumindest Halbgott, die Schuld trug. So konnten sie leicht in einer klassischen Heiterkeit
leben. Wir müssen uns mit einem allwissenden Gott herumschlagen, und haben
zudem seinen unfehlbaren Stellvertreter hier auf Erden. (Daher rührt
wahrscheinlich unsere Zwangsvorstellung, Fehler mit Sünde gleichzusetzen.) Und
an allem Schlamassel auf dieser Welt sollen wir selbst Schuld sein, und daran
schwer tragen.
Aber einen Fehler hat Gott doch begangen,
nämlich den, Menschen mit freiem Willen in seine schöne Schöpfung gesetzt zu
haben. Diese verderben nun alles. Ohne freien Willen gäbe es keine Fehler!
Aber was wäre das Leben auf dieser Erde doch für
eine langweilige Puppentheaterveranstaltung ohne freien Willen. Ich habe schon
als Kind nicht verstanden, was am Paradies so paradiesisch sein soll. Das ist
doch sterbenslangweilig. Dann doch lieber das ganze Schlamassel.
Oh Gott, jetzt habe ich alle Theologen und
konservativen Katholiken verärgert. Aber wahrscheinlich lesen diese meine
Gedanken ohnehin nicht.
Atheisten finde ich eigentlich noch dümmer. Sie
wissen genauso wenig, glauben aber zu wissen, was es nicht gibt. Genau genommen
wären sie also gläubige Atheisten!
Bleiben als Hoffnungsschimmer diejenigen
Menschen - vielleicht sogar die Mehrheit - denen alles "wurscht" ist, wie es auf österreichisch so nahrhaft
heißt. Aber denen ist doch - wie die Erfahrung bitter lehrt - auch die Literatur
wurscht, und schon gar solche unnützen
Gedankenspielereien wie ein Lob des Fehlers. Bleibt mir zuletzt lediglich
darüber zu lamentieren und zu jammern!?!
Aber jetzt hilft mir das Jammern auch nicht mehr
weiter.
Das Jammern ist eine der größten Triebkräfte der
österreichischen Literatur, vielleicht sogar die größte. Gejammert wird über
das im fortgesetzten Jammern zu leben vergessene Leben, über die Fehler und
Schwächen der Menschen, über die Fehlerhaftigkeit des Staates, der
Gesellschaft, der Zeit, kurz über alles und nichts gleichzeitig. Wer nun
glaubt, der Jammernde ersehnte nichts mehr als die Korrektur oder Behebung des
bejammerten Zustandes, begeht einen Irrtum, der ihm die österreichische Seele
gänzlich verschließt. Das Jammern ist, ganz im Gegensatz zum Klagen - "ich
klage über Zahnweh" - keine intentionale Tätigkeit, sondern eine
expressive. Der Jammerer jammert nicht, um auf die Veränderungsnotwendigkeit
eines Zustandes hinzuweisen, oder gar selbst eine Veränderung in die Wege zu
leiten - bei Gott nicht! - sondern um sich selbst darzustellen. Es ist eine
kunstvolle Form der Selbstdarstellung. Daher ist der Inhalt gegenüber der Form
nebensächlich.
Manchmal entsteht aus einem hartnäckig
fortgesetzten, bis in alle Verästelungen des Themas durchdachten, mit allen Ab-
und Umwegen ausgeführten und mit Eleganz und Charme formulierten Jammerns ein Stück Literatur.
Da lobe ich mir alle Fehler, die des Jammerns
wert sind.