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Der Computer als Übehilfe
(Robert Wolff, Hochschule f. Musik und Darstellende Kunst Wien, 1985)

Man kann sagen jemand beherrscht ein Musikstück, oder eine Stelle daraus, wenn er in der Lage ist, das Stück oder die Stelle mit dem entsprechenden Ton, der richtigen Artikulation und allen sonstigen Attributen im gewünschten Tempo sauber vorzutragen. Jeder, der eine zu übende Passage einmal geistig erfasst hat, ist auch in der Lage, sie zunächst wenigstens im Schneckentempo richtig auszuführen. Die Hauptaufgabe des Übens besteht also darin, diesen Ablauf solange zu beschleunigen, bis das Zieltempo erreicht ist . Man kann diese Temposteigerungen zwar nach Gefühl durchführen, wird aber bald bemerken, daß der menschliche Organismus in Bezug auf Tempo (Frequenz von Tonfolgen) nicht fein genug differenzieren kann. Dazu, und auch um das Tempo zu quantifizieren (also mit untereinander vergleichbaren Zahlen zu belegen), kann man sich eines Metronoms bedienen. Ein weiterer Aspekt sinnvollen Übens besteht aber auch darin, daß man das Wichtigste zuerst macht, also eine Art von Arbeitsorganisation. Dabei hilft der Computer. Heutzutage (1985) gibt es schon relativ viele Musiker, die ein solches Gerät besitzen und selbst für billige Apparate gibt es Tabellenkalkulationsprogramme. Im Folgenden soll gezeigt werden, wie man die Übearbeit mit Hilfe eines Metronoms und eines Tabellenkalkulationsprogrammes effizient gestalten kann. Sehen wir uns folgendes Beispiel an:

heute:12.10.85M(Anfang)M (Ende)ÜbedatumWP∆t
AlbénizTerzen

112

1682.10.856

16,4

10

Sor

IV T16-319212610.10.851015,52
BachFuge S3Z3-4ausw8010811.10.85913,31
TonleiternFS h-moll!72809.10.85912,53
EtüdeSchluß969611.10.851010,91
SorI T45-508813230.9.8529,212
SorScherzo T60-68768811.10.8579,21
Programmdurchspielen118.10.8568,24
EwersIII Z1-7 ausw.961082.10.8537

10

Ein Tabellenkalkulationsprogramm besteht aus einer Reihe von Zeilen und Spalten, die fortlaufend nummeriert sind. Die zu übenden Stellen stehen ab der zweiten Zeile in den Spalten 1 und 2. In Zeile 1 Spalte 1 (im folgenden als Z1S1 bezeichnet) wurde das Wort "heute:" eingetragen. Es zeigt an, daß in Z1S2 das Datum des jeweiligen Übungstages einzusetzen ist. In S3 notiert man unter MA diejenige Metronomzahl, bei der man die Übungen zur Zeit beherrscht. Sinngemäß bedeuten die Zahlen in S4 (ME) die für die Aufgabe zu erreichende Metronomzahl. In S5 steht das Datum des Tages, an dem die Stelle zum letzten Mal geübt worden ist. Das ist insofern wichtig, da es umso dringlicher ist, sich wieder mit dem entsprechenden Problem zu beschäftigen, je länger das letzte Üben zurückliegt - es sei denn, die Aufgabe ist an und für sich nicht so wichtig. Als Maß dieser Wichtigkeit setzt man in S7 eine Wichtigkeit (W) zwischen 0 und 10 ein. Spalte 8 (∆t) gibt die Differenz in Tagen zwischen heute (Z1S2) und dem letzten Übedatum (S5) und wird vom Computer für jede Zeile selbst berechnet. Ebenso stellen die Zahlen in der mit P betitelten Spalte 7 vom Computer berechnete Werte dar und geben die Übepriorität einer Stelle an. Sind die Prioritäten nach Berechnung der Eingaben ermittelt, so läßt man die Zeilen nach absteigendem P sortieren und erhält eine Liste nach abnehmender Übepriorität wie in obenstehender Tabelle.
Das Kernstück dieses Verfahrens ist natürlich die Gestaltung der Formel für P. Man kann sie zum Beispiel folgendermaßen ansetzen:

P = W + (ME-MA)/(k1*MA) + ∆t*W*k2/10

etwa mit k1=0.1 und k2=0.9

Zu der subjektiv festgesetzten Wichtigkeit W kommt ein von der Differenz der Metronomzahlen abhängiger Term (der zweite Summand). Da die Differenz zwischen zwei aufeinanderfolgenden Metronomwerten mit der Größe der Zahlen auch ansteigt (bei 40 ist die Differenz 2, bei 120 ist sie 6), dividiert man durch MA und erhält so in jedem Bereich etwa die gleiche Differenz (2/40 ist gleich 6/120). Gewichtet wird der Einfluß dieses Terms durch eine Konstante k1, die willkürlich festgesetzt werden kann. Läßt sich keine Metronomzahl angeben wie zum Beispiel in Zeile 9, so kann man zwei beliebige gleiche Werte in S3 und S4 einsetzen wodurch der zweite Term in der Gleichung verschwindet. Der Dritte Term gibt den Zeiteinfluß wieder. Je größer ∆t ist, desto größer wird P. Es erscheint sinnvoll, auch ∆t mit W zu gewichten. Je wichtiger die Stelle, desto schwerer wiegt der Zeitfaktor.. Zusätzlich gewichtet der Faktor k2 den Einfluß des dritten Terms unabhängig von den Wichtigkeiten W. Wäre k2=1, so würde P bei W=10 pro Tag um den Wert 1 zunehmen.
Das System ist nur dann sinnvoll eingesetzt, wenn man bereits nach Durcharbeiten eines kleinen Teils die Aufgaben neu ordnet . Nehmen wir an, es hätten sich bei unserem Beispiel folgende Änderungen ergeben: Bei den ersten drei Aufgaben konnte eine Temposteigerung erzielt werden, wogegen es sinnvoll schien, das Übetempo für die Tonleitern niedriger anzusetzen. Es schien nicht nötig die Wichtigkeiten W zu ändern. In S5 wurde das Datum eingesetzt und S7 und S8 wurden vom Computer neu berechnet. Nach dem Üben der ersten 4 Punkte sieht nun die Tabelle folgendermaßen aus:

heute:12.10.85M(Anfang)M (Ende)ÜbedatumWP∆t
AlbénizTerzen

126

1682.10.856

9,3

0

Sor

IV T16-3112012610.10.851010,50
BachFuge S3Z3-4ausw10810811.10.85990
TonleiternFS h-moll!42809.10.859180
EtüdeSchluß969611.10.851010,91
SorI T45-508813230.9.8529,212
SorScherzo T60-68768811.10.8579,21
Programmdurchspielen118.10.8568,24
EwersIII Z1-7 ausw.961082.10.8537

10

nach ordnen der Werte ergibt sich für die weitere Arbeit (am selben Tag):

heute:12.10.85M(Anfang)M (Ende)ÜbedatumWP∆t
TonleiternFS h-moll!42809.10.859180
EtüdeSchluß969611.10.851010,91

Sor

IV T16-3112012610.10.851010,50
AlbénizTerzen

126

1682.10.856

9,3

0
SorI T45-508813230.9.8529,212
SorScherzo T60-68768811.10.8579,21
BachFuge S3Z3-4ausw10810811.10.85990
Programmdurchspielen118.10.8568,24
EwersIII Z1-7 ausw.961082.10.8537

10

Nebst anderen Veränderungen sind die Tonleitern erwartungsgemäß an die erste Stelle gerutscht, wogegen die Bachfuge wegen des erreichten Zieltempos auf Platz 7 gelangt ist. Findet die nächste Übesitzung aber erst am darauffolgenden Tag statt (Änderung in Z1S2), so ergibt sich die nachstehende Reihenfolge:

heute:13.10.85M(Anfang)M (Ende)ÜbedatumWP∆t
TonleiternFS h-moll!42809.10.859180
EtüdeSchluß969611.10.851011,81

Sor

IV T16-3112012610.10.851011,40
AlbénizTerzen

126

1682.10.856

9,9

0
SorScherzo T60-68768811.10.8579,81
BachFuge S3Z3-4ausw10810811.10.8599,80
SorI T45-508813230.9.8529,412
Programmdurchspielen118.10.8568,74
EwersIII Z1-7 ausw.961082.10.8537,2

10

Wie man sieht, haben die Punkte 5-7 (Z6-Z8) ihre Reihenfolge verändert, da einen Tag später sowohl das Sor Scherzo als auch die Bach Fuge (wegen ihrer höheren Werte W) vor den ersten Satz Sor gereiht sind.
Darüberhinaus erlaubt diese Methode aber noch eine Art Buchführung, wenn man die täglichen Endwerte in einem anderen Tabellenblatt einträgt (oder automatisch übernehmen läßt). Beobachtet man die Leistungssteigerung für eine gegebene Aufgabe über einen bestimmten Zeitraum so kann man innerhalb eines Durchganges deutlich erkennen, daß die Metronomwerte sich im Laufe der Tage einem Grenzwert nähern. Dies bedeutet aber auch, daß das Üben dieser Stelle deshalb immer ineffizienter wird, weil bei gleichbleibendem Arbeitsaufwand die Leistungszunahme (gemessen durch die Metronomzahl bei der die Stelle schlackenfrei gespielt werden kann) immer geringer ausfällt. In solch einem Fall bedeutet weiteres Üben eine Zeitverschwendung. Man tut besser daran, das Problem nach einer mehr oder minder langen Ruhepause in einem zweiten Durchgang anzupacken. Die erreichten Metronomzahlen für drei aufeinanderfolgende Übedurchgänge (je 12 Tage im Abstand von 2-3 Monaten) könnten etwa folgendermaßen aussehen:

Vergleicht man nun diese drei Kurven, so fällt auf, daß die nach 12 Tagen erreichten Werte sich im Laufe von mehreren Durchgängen immer mehr einer bestimmten Zahl (in diesem Falle etwa 98) nähern. Diese Zahl schließlich zeigt an, welches maximale Tempo man voraussichtlich für die gegebene Stelle je erreichen kann. Es handelt sich dabei um eine physiologisch gegebene Grenze, die der einzelne nur mehr dadurch überschreiten kann, daß er die Art und Weise ändert, in der er die Aufgabe zu lösen versucht (Ändern des Fingersatzes, der Spieltechnik, Haltung usw.). Auch dann wird man über die Zeit ein asymptotisches Annähern an eine Grenze feststellen, die dann dem persönlichen Leistungslimit für diese Stelle entspricht. Ein weiteres Hinausschieben dieser Grenze ist mit sinnvollen Mittel nicht mehr möglich und sollte auch nicht angestrebt werden. Es ist meines Erachtens im (gitarristischen, wei auch im übrigen) Leben notwendig, seine Stärken zu entwickeln und nicht andauernd seinen Schwächen hinterher zu laufen.

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