Qualitätssicherung im Bereich ästhetischer Bildung


Dieser Text versucht der Frage nach zu gehen, wie sich im kunstpädagogischen Bereich Qualität sichern lässt. Es soll untersucht werden, warum das hier so schwer ist und ob es nicht Möglichkeiten gibt, so etwas wie Bildungsstandards zu formulieren. Ob es nicht sogar in der Verantwortung der Fachdidaktik liegt, dies zu tun.

Voraussetzungen:

Aufgabe der Bildungspolitik ist es, Situationen zu organisieren und zu steuern, in denen Menschen Weltmodelle lernen oder besser entwickeln und konstruieren, die die Gesellschaft will und braucht bzw. zu brauchen meint. Momentan versucht man Lernen und Lehren vorwiegend volkswirtschaftlich zu denken und betriebswirtschaftlich zu steuern und zu organisieren. So hofft man den begrenzten finanziellen Mitteln den Aufgaben und Zielen gerecht zu werden. Leistungen, für die bezahlt werden muss, sollen möglichst gut sein, die Qualität soll festgestellt und überprüft werden können. Vor dem Hintergrund des schlechten Abschneidens deutscher Schüler bei internationalen Tests und der Überzeugung, dass die Wohlfahrt Mitteleuropas von der Ausbildung seiner Bewohner abhängig ist und entsprechende Testergebnisse in der Wissensgesellschaft wichtige Standortfaktoren sind, hat sich eine intensive Diskussion darüber entwickelt, was Qualität ist und wie sie sich bestimmen lässt. Besonders schwierig scheint sich die Bestimmung der Qualität und damit ihre Sicherung in der ästhetischen Erziehung zu gestalten... Möglicherweise sind die Schwierigkeiten grundsätzlicher Natur. Testverfahren sind auf Kontrolle und Vorhersagbarkeit aus, sie zählen die Erscheinungen. Sie stehen in der Tradition der Aufklärung und sind wesentliche Mittel der modernen Wissenschaft. Kunst kümmert sich spätestens seit der Ausdifferenzierung des Kunstsystems um die persönliche, subjektive Sicht und Darstellung der Welt. Sie ist gerade nicht intersubjektiv und die Gebrauchsanweisung sagt, dass keine Interpretation zu einem endgültigen Ende kommen kann. Kunst bewahrt immer einen letzten Rest von unaufgeklärtem Geheimnis. Hier treffen zwei Welten aufeinander, die sich möglicherweise nicht versöhnen lassen.1

Qualität

Mit dem Begriff Qualität operieren wir immer dann, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen und vor allem zu begründen. Qualität ist der Grund, auf den wir unsere Entscheidung stellen, wenn wir zwischen mehreren Alternativen wählen müssen oder können. Qualität ist nicht absolut - wie es der quasi religiöse Diskurs über die Kunst in den letzten Jahrhunderten glauben machen wollte2- sondern in Beziehung zu bestimmten Zielen zu sehen. Im Unterricht dient der Begriff dazu, didaktische und methodische Entscheidungen zu treffen und zu rechtfertigen. In der Bildungspolitik wird der Begriff unter anderem dazu verwendet, Bildung zu steuern, Stundentafeln durchzusetzen, Fächer zu legitimieren, über Mittelzuteilungen zu entscheiden, Stellen zu besetzten ... Qualität ist nicht unabhängig von Interessen und Zielen zu sehen, Qualitätsfragen sind deshalb immer Machtfragen.

Polizei

Der Kunstunterricht findet an Regelschulen statt und gehört an den meisten Schulen zu den Pflichtfächern. Die Schulpflicht wird mit Polizeigewalt durchgesetzt. Sie lässt sich letztlich nur dann rechtfertigen, wenn das, was in dem jeweiligen Fach gelernt wird, so wichtig ist, dass die Freiheitsberaubung hingenommen werden kann. Wenn das aber so wichtig ist, dass es den Polizeieinsatz rechtfertigt, dann handelt der Lehrer bzw. die Lehrerin grob fahrlässig, die oder der nicht mit allem Mitteln dafür sorgt, dass alle Schülerinnen und Schüler entsprechendes lernen. Wenn es nicht so wichtig und damit beliebig ist, dann rechtfertigt es den Freiheitsentzug nicht. Um sicher sein zu können, dass alle entsprechendes gelernt haben, muss es Methoden geben, die angeben, ob das Lernziel erreicht wurde und wo noch Defizite sind. Ziel von gesteuertem Lernen (Schule, Unterricht) sind Verhaltensänderungen (Output), die in entsprechenden Situationen angemessenes Handeln ermöglichen. Offensichtlich gibt es mehr oder weniger wichtiges. Es kann nicht ausreichen, dass die Kinder und Jugendlichen irgendetwas gelernt haben. Es reicht meines Erachtens nicht aus, im Rahmen von Schule lediglich Erfahrungen (Input) anzubieten. Derartige Forderungen stellen berechtigterweise nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern auch der Staat, der die ganze Sache bezahlt, und die anderen Fächer, die um Anteile an den Stundentafeln und um die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler konkurrieren.

Kunst

In Kunstausstellungen wird vor allem über die ästhetischen oder künstlerischen Qualitäten der ausgestellten Werke gesprochen, wer über die dargestellten Inhalte redet, outet sich als Laie. In der Kunst ist der Qualitätsdiskurs offensichtlich zentral, dennoch sind die Kunst und ihre Werke gegen Kritik sonderbar immunisiert.3 Tendenziell gilt seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts das „any-thing-goes“- und „Jeder Mensch ist ein Künstler“-Prinzip, außerdem lässt sich eine Abnahme des Ästhetischen in der aktuellen Kunst feststellen. So ist es sehr schwierig Qualitätskriterien aus der aktuellen Kunst, die immer noch als die zentrale Bezugsdisziplin des Faches gilt, für den bildnerischen Unterricht und seine Ergebnisse fruchtbar zu machen.
Die Vorstellung der mehr oder weniger absoluten Qualität hat bisher auch die Bildung bestimmt. Entweder man war gebildet oder nicht; Halbbildung galt als genauso schlimm wie keine Bildung. Bildung in diesem Sinne lässt sich zwar fordern aber nicht erreichen. Wir können Bildung nicht mehr losgelöst von Zwecken und Interessen betrachten. Wir müssen daher fragen, wozu gelernt wird und im Hinblick darauf die Qualität von gesteuertem Lernen bestimmen. Aufgabe der Schule ist es, bei den Kindern und Jugendlichen den Aufbau von Weltmodellen anzuregen, die ihnen ein gelingendes Leben ermöglicht. Dazu müssen die einzelnen Fächer ihren Beitrag leisten. Fächern, denen dies gelingt und geglaubt wird, erhalten entsprechende Ressourcen. Glauben heißt nichts wissen; deshalb soll der Glaube durch Wissen und Überprüfen abgelöst werden.
Der Kunstmarkt und das Kunstsystem orientieren sich an den Werken, die die Künstler herstellen, wie sie dies machen ist nur wichtig, wenn das Machen Teil des Werkes bzw. des Kontextes ist. Gutes Lernen und guter Unterricht lassen sich aber nicht alleine an den Ergebnissen ablesen. Beim Kunstunterricht geht es ja nicht in erster Linie darum, dass die Schülerinnen und Schüler gute bildnerische Arbeiten hervorbringen, die Arbeiten sind in gewisser Weise immer nur Übungen und Aufgaben, an denen gelernt wird. Es geht z.B. darum, dass sie lernen, die Dinge von verschiedenen Seiten zu sehen, sie anders zu machen &c. Es geht vor allem auch um den Prozess des bildnerischen Arbeitens.4

Domänen

Fähigkeiten lassen sich verschiedenen Domänen zuordnen. Im Bereich des Kunstunterrichts lassen sich meiner Meinung nach vier unterscheiden:
* Kommunikation
* Erfinden von Neuem
* analytische Fähigkeiten
* technische Fertigkeiten
Diese Bereiche lassen sich nicht strikt voneinander trennen, sie stützen und befördern sich gegenseitig, dennoch kann es sinnvoll sein, sie für die Frage nach der Qualität auseinander zu halten. Was in der einen Domäne als Zeichen von Qualität gilt, kann in der anderen als ein Misslingen betrachtet werden. Ein Bild, das als Verkehrszeichen eingesetzt wird, muss anderen Kriterien folgen als eines, was auf einen Buchumschlag gedruckt werden soll... Im Bereich des sogenannten Ästhetischen – auch des Künstlerischen – geht es tendenziell eher darum, Regeln und Schemata zu brechen, bei der Kommunikation eher darum, sich an gewisse Regeln (gleichmäßige Schrift) zu halten. Beim einen wird das Medium und die Form zum Problem und zum Gegenstand der Wahrnehmung, beim anderen soll sie eben gerade nicht als Problem in Erscheinung treten, um die richtige und schnelle Interpretation nicht zu behindern.

Wie zeigt sich Qualität?

Zunächst sind wir gewohnt, die Qualität des Unterrichts an den Ergebnissen abzulesen, dies sind im Kunstunterricht neben Klausuren vor allem die praktischen Arbeiten, die Ergebnisse der Gestaltungsaufgaben. Die schriftlichen und mündlichen Leistungen, die analog zu anderen Fächern erhoben und bewertet werden, sind wohl weder strittig noch besonders schwierig. Die gefragten Wissensbestände lassen sich feststellen und bewerten. Anders ist es offensichtlich, wenn es um bildnerische Aufgaben und emphatische Ergriffenheit vor Kunstwerken geht, den sprachlosen ästhetischen Mehrwert. Im Folgenden geht es vor allem um die Bestimmung der bildnerischen Fertigkeiten bzw. das Lernen in diesem Bereich. Die Qualität von Unterricht kann sich natürlich auch darin zeigen, was die Schülerinnen und Schüler wissen, welche Kompetenzen und Fertigkeiten sie haben und wie sie mit Problemen und Aufgaben umgehen. Die praktischen Arbeiten sind sichtbar, sie lassen sich transportieren und miteinander vergleichen. Wissen lässt sich durch Abfragen feststellen. Kompetenzen und Fertigkeiten im Umgang mit Aufgaben und Problemen zeigen sich indirekt, lediglich in entsprechenden Situationen. Für die Beurteilung der praktischen Arbeiten haben die Lehrerinnen und Lehrer ein Kriterienrepertoire, das sie während ihrer Ausbildung und im Laufe der Berufspraxis ausgebildet haben. Dieses ist eher intuitiv, die Urteile können stark voneinander abweichen, u.a. deshalb, weil die jeweiligen Informationen zum Zusammenhang der Aufgabenstellung nicht bekannt sind.5 Bildungsstandards nennen bestimmte Mindestkompetenzen in einer bestimmten Domäne zu einer bestimmten Zeit und sie nennen Aufgaben, an denen sich das Erreichen dieser Standards festmachen lässt. So etwas fehlt und ist nicht in Sicht, wenn wir vom bayrischen Abitur in den Leistungskursen absehen. Die Zunft fürchtet sie wie der Teufel das Weihwasser, bergen sie doch vermeintlich oder real die Gefahr der Gleichmacherei.6

Bisherige Wege der Qualitätssicherung:

Schauen wir uns nun einmal an, wie bisher Qualitätssicherung im Bildungssystem betrieben wurde.
Der gängige Weg war traditionell die sog. Input-Steuerung. Die Idee ist einfach: ich stecke vorne etwas rein, das muss dann mehr oder weniger zwangsläufig hinten heraus kommen. So hat man Lehrpläne aufgestellt, definiert, was Schülerinnen und Schüler an Wissen und Fertigkeiten brauchen, und vorgeschrieben, dass dies alles zu unterrichten sei. Dabei orientierte man sich an der Sache und am Fach, stellte Maximalforderungen auf und weitete im Zweifelsfall den Stoff und die Zuständigkeiten für bestimmte Gegenstände aus. Das Fach Kunst mit seinen maximal 90 Minuten pro Woche ist (oder war) - glaubt man den verschiedenen fachpädagogischen Veröffentlichungen und Präambeln der Lehrpläne - neben den Fachinhalten mehr oder weniger alleine auch zuständig (und verantwortlich?) nicht nur für das Gelingen des Lebens des Einzelnen, seiner Selbstfindung &c. sondern auch noch für das Heil der ganzen Welt. Um die Qualität der Bildung zu steigern, forderte man mehr Personal, bessere Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer, bessere Sachausstattung, höheren Stundenanteil &c.
Allein schon die fehlenden finanziellen Mittel zwingen zum Abschied von diesem Modell, wir müssen uns andere Wege einfallen lassen, um die Qualität zu sichern oder besser noch zu steigern.

Neue Wege der Qualitätssicherung:

Output

Die Steuerung der Bildung soll nach den Vorstellungen der Bildungspolitik in Zukunft nicht mehr über den Input sondern über den Output erfolgen. In Zukunft wird nicht mehr vorgeschrieben, was die Schulen zu unterrichten haben und was die Schülerinnen und Schüler lernen müssen – welchen Erfahrungen und Situationen sie ausgesetzt werden müssen. Es wird vielmehr festgesetzt, was sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt wissen und können müssen. Wie das erreicht wird liegt in den Händen und der Verantwortung der einzelnen Schülerinnen und Schüler, ihrer Lehrerinnen und Lehrer und ihrer Schulen. Dabei geht es nicht um das Festsetzen von maximalen Forderungen sondern um Minimalstandards, die alle erreichen müssen. Vor dem Hintergrund der allgemeinen Schulpflicht ist diese Argumentation nicht nur betriebswirtschaftlich nachvollziehbar. Aufgabe der einzelnen Fächer wird es in den nächsten Jahren sein, entsprechende Standards zu formulieren und aufzuzeigen, wie man das Erreichen dieser Standards nachweisen kann. Dies dürfte in unserem Fach, das sich von einem zuweilen romantischen an höchsten Idealen ausgerichteten Bildungsgedanken hat leiten lassen, recht schwerfallen. In der veröffentlichten Fachdidaktik dürfte es schwerfallen, gemeinsame Standards zu finden und diese so zu formulieren, dass sich Testverfahren benennen lassen, mit deren Hilfe ihr Erreichen bzw. Verfehlen festgestellt werden kann. Die Diskussion ist grundsätzlich von zwei schwer zu vereinbarenden Polen bestimmt, der Kunst auf der einen und dem Bild auf der anderen Seite. Man könnte auch sagen von der Kunst und von den Schülerinnen und Schülern.7

Kundenorientierung

Der Begriff der Kundenorientierung stammt aus dem Zusammenhang des TQM (Total Quality Management), einer in Amerika entwickelten und in Japan erfolgreichen Unternehmensphilosophie, die momentan in der ganzen Welt das Denken der Firmen bestimmt oder bestimmen sollte. Kurz gesagt heißt eine der Kernideen: Qualität lässt sich nicht absolut und nicht nur vom Produkt her bestimmen, sondern ist wesentlich abhängig von den Wünschen des Kunden, diese werden wiederum von seinen Bedürfnissen und Möglichkeiten gesteuert. Also baut man nicht das bestmögliche Auto, bietet nicht den bestmöglichen Service, sondern das, was der Kunde braucht und was er sich leisten kann und will. Die Firma richtet sich nach den Bedürfnissen und Wünschen der Kunden.8
Schulisches Handeln hat sich bisher vor allem an der Sache und an einem maximalen, absoluten Bildungsbegriff orientiert. Möglichst viel davon zu unterrichten, galt und gilt als erfolgversprechend. Betrachten wir die Aufgabe der Schule einmal anders vom Kunden aus. Wenn wir davon ausgehen, dass es das Ziel von Schule und Unterricht ist, bei Schülerinnen und Schülern die Konstruktion von Weltmodellen hervorzurufen, die es ihnen ermöglichen, in der Welt zurechtzukommen, dann ist die Qualität des Unterrichts nicht mehr an der Sache orientiert sondern an der Funktion, die das gelernte hat. Qualität wird zu einer Frage der Pragmatik. Dies ist schwierig,9 denn wir müssen im Prinzip wissen, was Menschen heute und vor allem in Zukunft brauchen, und da kann man leicht daneben greifen. Das Fach und die Kompetenzen, die es zu bieten hat, müssen unter diesen Voraussetzungen danach befragt werden, was sie zur Qualifizierung beitragen können und was davon so wichtig ist, dass es keinesfalls vernachlässigt werden darf... Die Orientierung am Schüler, am Kunden.
Beim schulischen Unterricht ist das mit dem Kundenmodell nicht so einfach. Der eigentliche Kunde sind ja zunächst nicht die Schülerinnen und Schüler und eigentlich auch nicht deren Eltern, sondern die bezahlende Gesellschaft, sie fragt die Dienstleistung Bildung nach und sie beurteilt sie auch...
Im TQM unterscheidet man zwischen zwei Kategorien Kunden, den externen und den internen. Der externe Kunde ist der „klassische“ Kunde, der eine Ware oder Dienstleistung abnimmt.10 Der externe Kunde wäre im Falle der Bildung, der Schüler, seine Eltern bzw. die bezahlende Gesellschaft. Bedient wird er von der Lehrerin oder vom Lehrer. Für das Bildungssystem, wenn wir dieses als die große Dienstleistungsfirma betrachten, ist diese oder dieser ein interner Kunde. Nachdem Prinzip der Kundenorientierung müssen die anderen Firmenmitglieder, die keinen Kontakt zum externen Kunden haben, alles tun, um denjenigen Mitarbeiter, der mit den externen Kunden zu tun hat, zu unterstützen. Für das Bildungssystem würde dies bedeuten, alle Anstrengungen müssten sich auf den Unterricht richten. Der Hochschul- und der Seminarlehrer wären plötzlich ebenso für die Qualität des Unterrichts verantwortlich wie die einzelnen Lehrer; ihre Aufgabe wäre es sie bestmöglich zu unterstützen, damit ihnen der jeweilige Unterricht gelingt. Bisher ist es so, dass die Hochschulen ihre Kunden, die Studierenden, so gut wie möglich ausbilden und sie dann ausgestattet mit entsprechenden Utopien ins Seminar entlassen, dort werden sie auf den Boden der Schulrealität herunter geholt und dann nach dem zweiten Staatsexamen in die Schulen geschickt. Die Hochschullehrer schimpfen auf die Seminarlehrer, die mit ihren engen und rigiden Vorschriften und Regeln, die hoffnungsvollen und optimistischen jungen Leute stutzen und kaputt machen, die Seminarlehrer beklagen die schulfremde Ausbildung an den Hochschulen. Anschließend jammern sie beide über die Lehrer, die im Alltag einen viel zu schlechten Unterricht machen. Wenn wir die Kunstpädagogik als ein System verstehen, dessen externe Kunden die Schülerinnen und Schüler sind, dann müssten sich die Einstellung zur Qualität und ihrer Sicherung ändern. Die Zusammenarbeit zwischen Schule, Seminar und Hochschule wären dann selbstverständlich.

Kundenschulung

Nimmt man den Ansatz der Kundenorientierung ernst, und sieht die Qualität in Abhängigkeit vom Kunden, so ließe sich eine Qualitätssteigerung oder wenigstens Sicherung nur dann erreichen, wenn die Kunden entsprechend anspruchsvoll sind. Die Qualität des Unterrichts müsste sich also steigern lassen, wenn wir aus mehr oder weniger lethargischen Schülern anspruchsvolle Kunden machen, wenn wir sie schulen und ihnen sagen, was sie von einem guten Unterricht erwarten können. Adressaten einer derartigen Kampagne wären die Schulaufsicht, die Eltern und natürlich die Schülerinnen und Schüler. Vor allem in unserer nach wie vor von Monopolen geprägten Bildungslandschaft.
Mögliche Maßnahmen wären, einfach formulierte Kompetenzbeschreibungen und etwa die Belebung von Konkurrenz zwischen verschiedenen Schulen.

Benchmarking

Darunter versteht man in der Wirtschaft Orientierungspunkte, an denen man sich in seinen Anstrengungen ausrichtet. Wir könnten uns etwa an anderen Ländern oder an anderen Fächern orientieren. Eine Schule könnte sich an der anderen orientieren. Je nachdem welche Konkurrenten wir als Maßstab nehmen, wird sich die Qualität entwickeln. Die Frage ist, welche Benchmarks wir für uns auswählen und akzeptieren. Und wo wir sie uns suchen und wie wir uns an ihnen messen.

Konkurrenz

Qualität ist auch das Ergebnis von Konkurrenz. Schule ist bisher ein mehr oder weniger Monopolist. Die Frage ist, wie sich Konkurrenz erzeugen lässt, an der wir uns messen können und von der wir lernen können. Womit konkurriert ästhetische Schulbildung, was lernen die Menschen außerhalb des Unterrichts besser und leichter? Nicht alles, was im ästhetischen Bereich als wichtig erachtet wird, muss unbedingt in der Schule gelernt werden. Wenn etwa Gert Selle11 die Kunstpädagogik einen Jahrhundertirrtum nennt und vermutet, die schulische Kunstpädagogik würde einer ernsthaften Evaluierung nicht stand halten, dann könnte er insofern recht haben, als etwa der Unterschied zwischen einem Menschen, der den Kunstunterricht besucht hat und einem, der ihn nicht besucht hat, nicht sehr groß ist. Die Ursache kann aber wohl nicht darin liegen, dass im Kunstunterricht nichts gelernt wird; denn 800 – 1000 Schulstunden können nicht einfach ohne Auswirkung vorbeigehen. Aber es könnte sein, dass im Kunstunterricht Kompetenzen erworben werden, die wir einfach auch dadurch erwerben, dass wir das Leben leben. Wir sollten also untersuchen, was von dem, was wir für wichtig halten, außerhalb der Schule gelernt wird, und uns dann darauf konzentrieren, was dort nicht gelernt werden kann.12 Unsere Konkurrenten sind nicht nur freie Kunstschulen, sondern auch Medien, Tourismus, Lifestylemagazine, das Leben eben. Wenn wir Verdoppelungen vermeiden, können wir besser werden.

Ausstellungsbetrieb

Qualität im Kunstsystem wird nicht durch ein feststehendes Regelwerk mit den entsprechenden Normen überwacht und gesichert, wie es etwa der TÜV mit dem Fuhrpark der BRD macht. Das Kunstsystem – so zumindest die idealtypische Theorie – sichert die Qualität der Kunstwerke in erster Linie durch Öffentlichkeit. Künstler, Galerien, Sammlungen und Museen stellen sich in ihren Ausstellungen der Öffentlichkeit und damit der Kritik von Kollegen und interessierten Personen... Schulen könnten davon lernen. Sie könnten sich in anderen Schulen mit Ausstellungen präsentieren und einer kritischen Öffentlichkeit stellen. Dies würde zum einen Diskussionen über den Unterricht in Gang setzen, würde so zu einem Austausch unter den jeweiligen Kollegen führen und eine informelle Form der Lehrerfortbildung darstellen. Im Zuge derartiger Ausstellungen könnten Preise vergeben werden, diese Preisvergaben würden zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung über Qualitätskriterien führen und sollte auch zu Übereinstimmungen führen. Dies ließe sich in Form von Netzwerken oder anderen regionalen oder überregionalen Partnerschaften organisieren. Von derartigen Zusammenschlüssen aus könnten wir vielleicht auch so etwas wie gemeinsame Qualitätsstandards entwickeln. Ebenso könnten derartige Maßnahmen motivationssteigernd wirken und nebenbei oder hauptsächlich zur oben erwähnten Kundenschulung beitragen. Die „Schulkunst“ in Baden-Württemberg scheint in diese Richtung zu gehen und zu wirken.
Ähnliche Effekte könnten wir erreichen, wenn Schülerarbeiten von den Klassenlehrern und von Lehrern anderer Schulen gemeinsam bewertet würden. Zunächst unabhängig von einander und dann gemeinsam, um zu einem einheitlichen Ergebnis zu kommen. Dies müsste sich nicht auf alle Arbeiten beziehen, da es in erster Linie nicht darum geht, die einzelnen Kollegen in ihrer Bewertung zu kontrollieren, sondern darum einheitliche und intersubjektive Kriterien für die Beurteilung von Unterricht und Unterrichtserfolg zu entwickeln.

Wissensmanagement

Das wichtigste Kapital des Systems Kunstpädagogik ist die Erfahrung und die Kompetenz der Lehrerinnen und Lehrer, ein wichtiges Element für das Entstehen von Kompetenz ist Wissen. Dieses wird auf verschiedene Arten und Weisen erzeugt und weitergegeben. Zunächst in Institutionen der Lehrer Aus- und Weiterbildung, an Hochschulen, Studienseminaren &c., weitergegeben wird es in der Lehre oder mit Hilfe von Medien wie Büchern und Zeitschriften, gespeichert wird es in den Gedächtnissen der Menschen und in den diversen Medien. Wissen entsteht aber auch in der täglichen Praxis im Unterricht, dieses Wissens entsteht unsystematisch und eher zufällig, es wird in den seltensten Fällen schriftlich oder anders festgehalten, es wird gemerkt und bei Bedarf angewendet. Auch weitergegeben wird es unsystematisch und eher zufällig. Oft wissen die Praktiker nicht, dass es sich um ein besonderes Wissen mit Wert auch für Kollegen handelt. Dieses wichtige Wissen könnte durch eine Internetplattform erfasst und allen Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung gestellt werden. Die Internetplattform könnte auch dazu beitragen, dass derartiges Wissen als Wissen verstanden wird.

Lehrerweiterbildung on demand:

Lehrer lassen sich registrieren mit dem Hinweis auf Themen, Techniken und Gebiete, auf und in denen sie besonders qualifiziert sind. Kollegen können sie bei entsprechenden Problemen kontaktieren und Hilfe erhalten. Die ließe sich vielleicht in Form von Tauschbörsen organisieren.


Prozesskriterien

Aus Schweden kommt eine interessante Untersuchung, in der mit Erfolg versucht wurde, neben den gängigen Produktkriterien auch Prozesskriterien zu berücksichtigen. Lars Lindström Professor an der Lehrerhochschule in Stockholm hat mit zwei Mitarbeitern 1998 im Auftrag der zentralen Schulverwaltung eine Untersuchung zur bildnerischen Arbeit von Schülerinnen und Schülern im Fach Bild durchgeführt. 1989 und 1992 waren schon Evaluierungen durchgeführt worden, bei diesen bildeten eine große Menge von Schülerarbeiten die Grundlage für die Untersuchung und Bewertung. Aufgefordert, neue Wege bei der Evaluierung zu gehen, entschloss man sich 1998 zu einer eher qualitativ ausgerichteten Untersuchung auf der Grundlage von Portfolios von einigen hundert Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen Klassen. Die Lernerfolge sollten nicht allein auf der Grundlage der bildnerischen Arbeiten gewertet werden. Neben drei Produktkriterien: (1) Verwirklichung der Intention, (2) Farbe, Form und Komposition, (3) handwerkliche Geschicklichkeit, sollten vier Prozesskriterien berücksichtigt werden: (4) untersuchende Arbeit (ist ausdauernd, gibt angesichts von Schwierigkeiten nicht auf), (5) Erfindungsvermögen (stellt sich Probleme, versucht neue Lösungen), (6) Fähigkeit, Vorbilder zu verwenden, (7) Fähigkeit zur Selbsteinschätzung. Dazu kam (8) noch eine zusammenfassende alles betreffende Bewertung. Die Schülerinnen und Schüler waren aufgefordert worden, zu einem bestimmten Thema über einen längeren Zeitraum zu arbeiten, Skizzen, Vorbilder und fertige Bilder in einer Mappe zu sammeln, sowie ein Arbeitstagebuch zu führen. Zusätzlich wurden Interviews über die Mappen geführt. Die Bewertung der einzelnen Mappen wurde sowohl von den unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrern wie von Kollegen, die Schüler im selben Alter aber an einer anderen Schule unterrichteten durchgeführt. Die Untersuchung zeigt, dass es möglich ist, neben den Produkten auch den Lernprozess einer Evaluierung zu unterziehen. Dies könnte durchaus als Vorbild für ähnliche Modelle in Deutschland dienen...

Wir sollten uns nicht scheuen, einen Diskurs über Qualität und Effizienz von bildnerischem Lernen zu beginnen, zumal wir uns auf reiche Literatur aus dem englischsprachigen Ausland beziehen können.

1 Elliot W. Eisner, Kunstdidaktiker in Stanford schreibt dazu: „Evaluation and assessment are also embedded in a scientific tradition as old as the Enlightenment. The measurement of variables and the ability to predict and control outcomes is one ondex of scientific understanding. Bringing the world - including the human world – under the explanatory and illuminating light of theory was and is one way to demystify it.“ Eisner, Elliot W.: Overview of Evaluation and Assessment: Conceptions in Search of Practice, S.1 in: Boughton, Doug, Eisner, Elliot W., Ligtvoet, Johan (Hrsg.): Evaluating and Assessing the Visual Arts in Education, London/New York 1996


2 Vgl. Christian Demand: Die Beschämung der Philister. Wie die Kunst sich der Kritik entledigte, Springe 2003, und Wolfgang Ullrich: Tiefer hängen. Über den Umgang mit der Kunst, Berlin 2003


3 Wer Kunst kritisiert, wird von den Kennern als unverständiger Banause abgetan, der sich gefälligst um einen Zugang zu bemühen hat, ansonsten soll er den Mund halten.


4 Lars Lindström u.a. haben in einer Untersuchung zum Bildunterricht an schwedischen Schulen gezeigt, wie sich neben Produktkriterien auch Prozesskriterien untersuchen und bewerten lassen. Lars Lindström, Leif Ulriksson, Catharina Elsner, Portföljvärdering av elevers skapande i bild, Stockholm (Skolverket) 1999


5 Stefan Heizinger konnte zeigen, dass verschiedene Kunsterzieher in Salzburg bei der Bewertung von Schülerarbeiten sehr weiter auseinander lagen; Lars Lindström &.alt erreichten erst dann übereinstimmende Bewertungen, als sie den Bewertenden Videointerviews der Schülerinnen und Schüler zur Verfügung stellten, auf denen diese ihre Absicht usw. erläuterten.....


6 Es sollten sich die Auswirkungen des Zentralabiturs auf bayerische Kunstschüler im Vergleich zu solchen aus anderen Bundesländern leicht überprüfen lassen – auch im Hinblick auf Gleichmacherei und Kreativität.


7 auffallend wenig ist in Vorträgen und Publikationen von den Schülerinnen und Schülern die Rede, meist geht es um die Kunst und ihre Methoden.


8 Dass den Kunden beim Wünschen geholfen wird, ist eine andere Sache; das versuchen die verschiedenen Fachdidaktiken ja auch.


9 Die Fächer hatten gewisse Relevanzhierarchien, an die man sich halten oder an denen man sich wenigstens orientieren konnte.


10 Meistens - aber nicht unbedingt - auch bezahlt


11 BDK-Mitteilungen, 3/03, S.2ff


12 Auch hier können Bildungsstandards das Denken erleichtern. Nicht alles was wichtig ist, muss unterrichtet werden, wenn es irgendwie anders erworben wird. Inputorientierung tut sich hier wesentlich schwerer, sie muss alles unterrichten, was entsprechend wichtig ist, weil sie nicht danach fragt, was wo anders billiger zu haben ist. Ein schönes Beispiel für dieses alte Art des Denkens ist die Behauptung, Kunstunterricht sei in besonderer Weise für soziales Lernen und Selbstfindung geeignet, und dies sei eine wichtige Aufgabe, dabei dürfte bei dem kleinsten Nachdenken einleuchten, dass zwei Stunden Fußballspielen am Nachmittag soviel bringt, wie ein halbes Jahr Kunstunterricht und entsprechende erlebnispädagogische Arrangements noch viel mehr.



8