Antwort zu Fragen von Klangforum Wien

Auszug des Emails von Klangforum Wien 5.12.00

Ziel des Workshops: die 6 ausgewählten Werke sollen im gegenseitigen
Diskurs zwischen den Komponist/inn/en, den Juroren Billone und Lang
sowie dem Dirigenten Diego Masson erarbeitet werden. Aus der
unmittelbaren Probensituation sollten sich u.a. Diskussionen und
Gesprächsrunden über

1) individuelle äshtetische Positionierungen
2) über das Verhältnis dieser Positionen zur Gegenwartskunst
3) aufführungspraktische Probleme
4) stückimmanente Probleme

ergeben. Diese werden zunächst in kleineren Gruppen stattfinden, im
weiteren Verlauf werden die Ensemblemusiker hinzugezogen werden.

Meine ästhetische Positionierung

Wenn ich über "meine ästhetische Positionierung" gefragt werde, dann denke ich, ich sollte etwas über meine ästhetische Position sagen, aber das benutzte Wort ist Positionierung und nicht Position, und das finde ich herausfordernd, weil die Idee eine Ästhetik wirklich zu positionieren, das heißt, ganz bewußt und entscheidend diese anstatt jene Art von Musik zu schreiben, wäre in meinem Fall unmöglich und kommt mir sogar ganz künstlich vor. Ich würde sehr gerne entscheiden können, aber obwohl ich, zum Beispiel, sehr gerne schöne, ruhige, langsame Musik schreiben würde, gelingt es mir trotz mehrerer Versuche (fast) nie: sondern, meine grundsätzliche Nervosität, Ungeduld und, wenn ich ganz ehrlich bin, meine Aggression brechen immer durch. Ich wähle deswegen keine Ästhetik. Sie ist, sozusagen, vorprogrammiert.

Ich will trotzdem etwas über meine musikalischen Ziele erklären: Meine geschriebene Musik ist immer ein Ideal, ich versuche zu schaffen (aber sage nicht, daß es mir gelingt), was Bach scheinbar so leicht schaffte, nämlich, daß jede Stimme genauso vollkommen wie die Hauptstimme ist, so daß jede Stimme als Solostimme wunderschön funktionieren könnte. Meine Musik ist auch idealistisch insofern als daß jede Stimme so detailliert ist, überdetailliert vielleicht, aber so detailliert, daß viele MusikerInnen sich, mit Recht vielleicht, beklagt haben, daß die Noten wie sie geschrieben wurden, unspielbar seien. Aber sie muß nicht immer so gespielt werden! Jedes Detail ist vorhanden, weil ich es beim Komponieren des Stückes hörte, und mir eben das als die perfekte Aufführungsart der Musik vorstellte. Was ich schrieb war meine Idee zu dieser Zeit, was bedeutet, daß das Geschriebene später geändert werden könnte, dies könnte besonders unter Mitwirkung empfindsamer Musiker verbessert werden. Letztendlich ist für den/die Interpret/in zu entscheiden, ob die Musik wie sie notiert ist gespielt werden kann oder muß. Oft höre ich besonders gute Anregungen von den Musikern, die meine Musik spielen, Anregungen die im Kontext der Aufführungszustände vielleicht besser geeignet sind, als mein Vorhaben--diese nehme ich sofort an. Das bedeutet aber nicht, daß die Partitur ignoriert werden sollte, sondern, daß ich offen bin, für die Mitwirkung anderer Musiker. Vielleicht widerspricht das den Details der Partitur, aber sie ist nur der Ausgangspunkt der die Musiker anspricht, und dann anregt um etwas zu erzeugen, daß wir alle zusammen verstehen, empfinden und miterleben.

Verbindung mit den anderen Künsten der Gegenwart

Ich freue mich, daß, trotz schlechter Cage Imitationen (das sagt nichts gegen Cage selber), trotz Fluxus und schlecht-gemachter Popmusik usw. (das sagt auch nichts gegen Popmusik!), wir uns mit einer Kunstform auseinandersetzen, die eigentlich viel Mühe und Anstrengung erfordert, um etwas Richtiges und Bedeutungsvolles hervorzubringen. Das kann man nicht über jede aktuelle Kunstform sagen. "Slippery when wet", wie viele Stücke, nahm vier bis fünf Monate in Anspruch, um geschrieben zu werden (mit Unterrichtspflichten nebenbei), und ist das Resultat längerer, das heißt, jahrelanger Überlegungen über die Verbindung und die richtige Proportion zwischen "geschriebenen Kopfimprovisationen" und der Algorithmischen/Automatischen Komposition. Wie Schönberg angeblich sein 12-Ton System sah, sehe ich den Algorithmus oder den Mechanismus als Stimulation der musikalischen Imagination, nicht als Regelbuch, dem gefolgt werden sollte ("wenn ich ein B haben will, dann schreibe ich ein B!").

Eine gute Idee alleine ist nicht genug, sie ist kurzlebig, "nett", aber nach zehn Sekunden nicht mehr interessant, sie muß etwickelt werden. Ich muß ehrlich zugeben, daß diejenigen Kunstwerke der Plastischen Künste, die eher konzeptuel als reel wirken, mich kaum interessieren. So finde ich beispielsweise, die Kunst Bruce Naumanns die ich kenne, nicht beeindrückend: vier Geigensaiten auf D-E-A-D gestimmt und dann gespielt, gefilmed und gelooped ist mir persönlich zu wenig, meine Reaktion ist eher "Ja, und? komische Idee, kurz-interessante Bemerkung [drei der Geigesaiten sind normalerweise auf diese Töne gestimmt, wie wir wissen] aber was soll das sonst?" Vielleicht bin ich blind (ich bin sowieso farbblind :-) aber ich bin der Meinung, der vielleicht altmodischen Meinung, daß ein/e Künstler/in wirklich arbeiten sollte, und zwar mehr als ein paar Minuten oder Stunden sogar, bevor sie etwas anbieten (Picasso ausgenommen, sollte ich annehmen). Vielleicht erscheine ich damit zu hart, aber anderseits versuche ich überhaupt nicht Kunst zu definieren, ich will nicht das oder jenes als Kunst bezeichnen, ich beschreibe nur meine Meinung, was Kunst für mich ist, und zwar, daß sie durch mehrere, vielleicht widersprechende Ideen entstehen sollte, daß ein Großteil der Welt eingeschlossen werden sollte, daß sie eben ihre eigene Welt sein sollte: vielseitig, vielfärbig, lebendig, traurig, gewaltig, überwältigend, ekstatisch. Daß ich das irgendwann bevor ich sterbe schaffe, ist nur meine Hoffnung, mein Ziel.

Aber Kunst ist nicht alles! Mit meiner Meinung der Wichtigkeit der Musik, der Kunst im allgemein gegenüber, halte ich mich in Grenzen. Sie ist, letztendlich, nur Musik, nur Kunst. Ich rette kein Leben damit, ich versuche das auch nicht, und will mit meiner Musik die Welt nicht ändern, schöner machen vielleicht, wenn es mir gelingt, aber ich will die Politik nicht ansprechen, ich habe kein großes Bedürfnis, die breite Masse anzusprechen--das wäre für mich all zu banal. Ich will stattdessen eine persönliche, komplexe und so-perfekt-wie-mögliche Form gestalten und dadurch, wenn es dafür bereit und offen ist, das Publikum berühren, angreifen und sogar emotional umwerfen. Meine Musik sollte man lieben oder haßen--dann hat sie ihren Zweck erfüllt. Keine Reaktion oder ein "Naja..." zu erzeugen, ist für mich das Allerschlechteste, was passieren kann.

Drei Künstler die mich persönlich berühren:

Jackson Pollock für die Energie seiner subatomischen Welt, die Form aus Chaos gemacht; Robert Maplethorpe für seine Klarheit und offen-gezeigte und schön gemachte Perversität; Samuel Beckett für seinen Humor im Angesicht und detaillierte Beschreibung des Nichts; und alle Drei für den Mut, etwas unglaublich Schönes zu machen, aus etwas, daß vom Außen oft als häßlich und alltäglich betrachtet, sowie oft als Taboo bezeichnet wird.



Michael Edwards, Wien, 16. Dezember 2000